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Die Wahrheit · 1903-03-13 · Heft 11 (13.3.1903) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 11 (13.3.1903)
Date
1903-03-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nedaction und Administration: Wien, II/i. Novaragasse 27. K. 1. österr. Postsvarerssa Check-Conto Nr. 846.251 Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnserationsbeträge sind in Wien zahlbar nnd klagbar. naöhängige Seitschrifi für Mische Interessen. Erscheint jeden Freiing. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Berngspreis: Ganzjährig . . L 12.— Halbjährig . ... ff. Für Cultltsbeainte: Ganzjährig .... ff » Für Anstand: Ganzjährig . . .8 Mark. 6 Rubel oder 16 Fc» Nr. 11. Wien, 13. März 1903. Anhalt r Purim. — Der Streit um Babel nnd Bibel. — Aufklärende Statistik. — Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien. — Verschiedene Nachrichten. — Zur Berufsorganisation. — Aufruf. Purim. Mischenicbiios Adar, marbim besimcbo. Mit Beginn des Monats Adar läßt man der Freude freieren Lauf! Wie tiefsinnig ist dies Wort unserer Alten! ^Jn einer Zeit religiöser Verfolgungen, nationaler Reibungen und trauriger Erscheinungen der verschiedensten Art soll dennoch die Lebens- und Schaffensfreude nicht gemindert werden, denn zu allni Zeiten haben die Fehler der Menschen den Fortschritt gehemmt, die natürliche Entwicklung der Dinge vergebens anfznhalten verfocht und immer haben Regierungen den Einflüsterungen großer Parteien zu Ungnnsten der Minoritäten Gehör geschenkt und so viel Unheil über die Staaten gebracht! Solche Erscheinungen wären wol geeignet, Verzweiflung und Abfall bei Schwachen herbeizuführen, wenn nicht wieder Männer erstünden, die voll Zuversicht die Kleinmüthigen ermuntern, die Zaghaften aufrichten und die Bessergesinnten zu entschiedener Abwehr frecher Angriffe um sich vereinten. Dies ist eine woltuende, durch die Geschichte bestätigte Tatsache, und je trauriger die Zeit sich gestaltet, desto trostvoller ist für den Besonnenen der Gedanke der Uebereittstimmung aller Besserdenkenden, der Einmütigkeit aller derer, die für Menschenrecht und Menschenwürde edel ringen. Darum eben die gebotene Freude, die erhebende Lust, die der Adar mit dem Purimseste uns bringt. Au dern dem Purimfeste vorangehenden Sabbath 806bor werden wir an die verheerende Tücke Amaleks erinnert, mit der Aufforderung, Amaleks Gedenken hinwegzutilgen; und da müssen wir uns fragen, ob überhaupt Amaleks Erinnerung je aus der Menschheit zu tilgen sei. Nizwot zericbot kawana. Die Ausübung der religiösen wie culturellen Psiicht erfordert eine gewisse Ausdauer, eine Festigkeit, die über zeitweilige Mißerfolge hinweghilft. Wenn nun auch Amaleks Bosheit schwer zu beseitigen ist, weil die Menschennatnr zum Bösen hinneigt, so muß trotzdem die Culturmenschheit unaufhörlich an der Beseitigung der Uebel arbeiten, aller jener Nebel, die sich besonders aus dem Kampfe gegen Minoritäten ergeben. Erst wenn den Minoritäten überall wirklich starker Schutz zuteil wird, ist an eine sociale Besserung zu denken. Das sech«r Amolek, das Gedenken Amaleks und seines Nachkommen Haman aber läßt eine solche Verbrüderung der Menschen nicht $u, weil dann Hamans ehrgeizige Pläne kaum verwirklicht werden dürften. Darum wiederholt ja die Thora den eindringlichen Befehl, das Andenken, die Spur der Gewalt, der Nichtswürdigkeit zu vernichten, und dies nie unter keinen Umständen zu vergessen. Io sischköch du darfst nie vergessen, Hamans Andenken, die Erinnerung an verübte Untaten aus dem Gedächtnisse der Mitwelt zn entfernen, sonst wird es in der Welt nie besser. Erst dann werden die Ideen der Duldsamkeit, Gleichberechtigung und des allgemeinen Forschritts' siegen, wenn die finstern Mächte des Aberglaubens, der Tücke, der Herrsch- und Selbstsucht vernichtet sein werden. Darum muß der Sabbath 80vbor Puri.n vorangehen, um uns Allen die Pflicht ernsten Gedenkens, weiser Erinnerung an die Vergangenheit ins Gedächtnis zu rufen. Hätten wir mehr unsere Vergangenheit hinsichtlich jener allzuweit gehenden Assimilationsbestrebungen beachtet, so wären wir heute nicht so verachtet; denn das einzelne Individuum wie ein gesammtes Volk haben nmiomehr Recht ans Achtung und Existenz, je mehr sie ihr Wesen ohne Nachteil für Andere frei entfalten. Wenn aber das ureigene Wesen stets mit törichter Aengstlichkeit verleugnet wird, dann allerdings zeigen sich nur traurige Folgen der Verachtung und des Ekels. Hätten nicht unsere großen Männer aller Zeiten einfach der Mehrheit ihrer Gegner äußerlicher Formen wegen nachgeben können, um ihre innere Entwicklung zu behaupten? Hütte nicht Mordechai vor dem boshaft aufgeblasenen Haman sich verbeugen können, ohne damit seiner Ueberzeugnng Abbruch zn thun? Dennoch taten sie es nicht. Ein Mordechai kann sich vor einem Haman nie, auch nicht nur einer äußeren Form zuliebe beugen! Me kann der überlegene Geist vor dem gewalttätigen Hohlkopf sich bücken! Mit Recht lehren unsere Meister, man fei zur Lecture der Megilla Abend und am nächsten Tage verpflichtet, da sie ja ein seober 1v'us3 uns lehre: dies kleine Völklein der Juden konnte nicht vertilgt werden, es konnte in der großen Völkerfamilie nicht aufgehen, denn seine Institutionen, die noch heute Bielen unverständlich sind, bewahrten es — vielleicht oft gegen seinen Willen — davor. Darum eben lesen wir mit dem Aufgange der Sterne wie der Sonne die denkwürdige Purimrolle, die die Vernichtung der Tyrannis und den Sieg des Lichtes und der Menschlichkeit verkündet. Selbst das Thorastudium, dem doch unser Leben geweiht ist, müssen wir unterbrechen, um die Megilla zu hören; denn sie zeigt uns, daß zn allen Zeiten die Menschen haßerfüllt das göttliche nnd menschliche Recht mit Füßen treten wollten, wenn es ihnen nur ge-

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