Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 10 (6.3.1903)
- Date
- 1903-03-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Kesterr -Ungar. Cantoren-Zeitung. Ur. 10. Aeil'age zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 23. Jarhg. Mir ersuche» Hö'flrchst um Einsendung der Aöonnements-Wückstände und des Wränumerations- Setrages für das Laufende Huartal. Are Administration. Zur Äerufsorgamsation. Durch die k. k. niederösterr. Statthalterei wurde in den letzten Tagen dem Vorstände des „Oesterr.-ungar. Cantoren- Vereines die Mitteilung, daß das k. k. Ministerium des Innern die Umbildung des Vereines aus Grund der in der Generalversammlung vom 30. Dezember 1902 geänderten Statuten zur Kenntnis genommen hat. Behufs Vornahme der Neuwahl des Vorstandes wird hiemit die statutenmäßige Generalversammlung für Donnerstag den 2 April d. I. ausgeschrieben. Gleichzeitig werden jene Kollegen, welche ihren Beitritt zum österr. Ungar. Kantoren-Verein angemeldet haben, ersucht, die Aufnahmsgebühr per 4 Kronen und den vierteljährigen Beitrag für das laufende Vereinsjahr per 2 Kronen an den Bereinskasfier Herrn 1. Kantor M. Blatt, Wien, H., Tempelgafse 3 einzusenden, da laut Bestimmungen .der Statuten die Mitgliedschaft erst mit dem Tage der Einzahlung genannter Beiträge beginnt. Die aeänderten Statuten, sowie die Stimmzettel für die am 2. April stattfindeude. Neuwahl und die Mitgliedskarten für die neueingetreteuen Mitglieder gelcmgeu im Laufe der nächsten Woche zur Versendung. > Wie n, am 5. März 1903. DerVorstanddes „Oesterr.-ungar. ßairtoren-Wereims" Wege der jüdische« Melodie». Die Pflege der jüdischen Melodien ist neuerdings durch 'einen in diesen Blättern veröffentlichten, trefflichen Artikel des Herrn Obercantor Friedman» in Berlin angeregt worden. Mit welcher Liebe die weitesten Kreise des jüdischen Volkes an den Althergebrachten Weisen hängen, beweist uns ein Brief, der in den letzten Tagen an den Herausgeber unseres Blattes, Herrn Obercantor Bauer, gelaugte. Schreiber desselben ist ein Mann, der jetzt als Sänger und Theaterdirektor in München in der Profanen Kunst hervorragend thätig ist, der aber sich aus seiner Jugendzeit, als er unter Goldstein und Bauer im Synagogendienste stand, ell e hohe Verehrung für den gottesdienstlichen Gesang bewahrt hat. Der in vielfacher Beziehung bemerkenswerthe Brief, der manchem ausübenden Cantor als Weckruf dienen könnte, hat folgenden Wortlaut: Mein lieber, hochgeschätzter Freund! Vorerst erlaube ich mir Ihnen besten Dank für die gütige Zusendung Ihres geschätzten Blattes zu sagen. Mit wahrem Vergnügen benütze ich meine leider karg bemessene Zeit, um mich der mir willkommenen Lektüre zu widmen. In einer der letzten Ausgaben fand ich nun eine für mich hochinterressante Sache. Unser verehrter Freund, Herr Obercantor Singer in Wien, hat alle seine College» aufgefordert, die'albhergebrachten jüdischen Melodien, den wahrast kostbaren Schatz, wieder'zu heben und zu pflegen, unsere Gemeinde- Mitglieder damit wieder vertraut zu machen. Eine, herrliches wahrhaft ideale Idee unseres verehrten Freundes! Welch' eine Fülle Musik ist uns Israelfien gegeben, und wie undankbar sind wir!? Nennt sich Israel — das Volk Gottes — so kann es sich auch mit Recht auch das Volk der „Melodie" (Musik) nenven!—Ich selbst, der, wie Sie wissen, in frühester Jugend schon den Lehren des „großen" Snlzer, und des „unübertrefflichen" Goldstein gelauscht — habe es nie versäumt, meinem Gott zu dienen, d. h. in all den Ländern und Städten, welche ich in den Jahren meiner künstlerischen Laufbahn bereiste, vergaß ich nie, die betreffenden Synagogen zu besuchen, um mich dort nach mühevollem, aufreibende»; Berufe dem Gottesdienst zu weihen! — Run, mein lieber Freund, beten kann man überall, ich habe dies in Landen, Petersburg, Berlin, Zürich und Triest gethan!— Aber w i e? Die heilige Andacht konnte ich bei bestem Willen oft nicht finden; nur dann, wenn, was leider in ganz vereinzelten Fällen passirte, ich h i.e und d a einen „Eigen" gehört, der mich anheimelte^ den ich schon in meinen Kinderjahren aufgefaugen und so erhalten habe, bis zum heutigen Tage! Gibt es denn Schöneres, Erbaulicheres als unsere jüdischen Gesäuge? Wäre eine Durchführung der Singer'schen Ideen nicht gleichzeitig auch eine Förderung, ja eine Gewähr für den Fortbestand unserer Religion? — Für m i ch selbst gibt es nichts Erfreulichers, als wenn ich mich in der Dämmerstunde an das Pianino setze und Melodien vergangener Zeiten anstimme. Nur e i n Blatt von Sulzers „Schir Zion!" Sie sehen, daß meine Musikaliensammlung nicht einseitig ist. Vor nicht zu langer Zeit jst mir folgendes passirt. Eine Gesellschaft ^reicher Kuustmäceue kn Moskau hatte sich zusammen- ' gethan, um an der dortigen großen kaiserlichen Oper Wagner- Aufführungen unter Herbeiziehung d e u t s ch e r ^Künstler zu veranstalten. Ich wurde eingeladen, die Partie des „Mime" im „Siegfried" zu übernehmen. Nach Beendigung dieser Vorstellung wurdenulle Mitwirkenden zum festlichen Mahle geladen. Daß es da flott herging, braucheich wohl, bei der bekannt großen Gastfreundschaft der Russen, nicht zu sagen. Wahrhaft kostbare Geschenke wurden den Künstlern überreicht. Nach eingenommener Mahlzeit zog sich die Gesellschaft gruppenweise, theils in die angrenzenden Salons, theils in den Wintergarten des Festgebers zurück. Ich saß ebenfalls in einem dieser Zimmer, rauchte genlüthtich meine Cigarre itiib schlürfte mein Gläschen Sect, als der Herr des Hauses auf mich zutrat uud mich in 'ein Gespräch zog. Wir sprachen von Kunst, Wissenschaft unb schließlich — Religion. Welch' Erstaunen, als nun der Herr erfuhr, daß ich sein Glaubensgenosse sei. Wir sprachen auch von jüdischen Melodien, ich setzte mich ans Clavier, welches sich gerade in demselben Zimmer befand, und da Herr .... in die Wahrheit meiner Aussage Zweifel setzte, stimmte ich das „Lol Nidrei“ an. Welche Freude habe ich damit meinem Zuhörer bereitet! Thränen flößen dem alten Manne von den Wangen uud thatsächlich vielen Zuredens bedurfte es, bis er sich beruhigte. Aber wie ich plötzlich sah, waren wir nicht allein geblieben, eine ganze Schaar anderer Lauscher hatte sich herangeschlichen und alle brachen in lautes Lob aus über die „herrliche Melodie". Vor kurzer Zeit erhielt ich abermals die Einladung, in den kommenden Wagner-Festspielen mitzuwirken, mit der Bemerkung, das „Kol Eidrei“ nicht zu vergeffen. Sie sehen, daß in dem Falle sich selbst Richard Wagner mit uns verträgt --—! Es wäre also eine große That, welche Singer vollbracht, „gelange" es ihm, seine College» zur Annahme seines Vorschlages, zu bewegen. . Ich sage „gelänge", weil ich.leider an der Verwirklichung des Wunsches zweifle. Es ist "leider so gekommen, daß die meisten der Herren Cantoren sich „berufen^