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Die Wahrheit · 1903-03-06 · Heft 10 (6.3.1903) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 10 (6.3.1903)
Date
1903-03-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Seite 9. Nr. 10. Die Wahrheit. fühlen, anderen „großen Beispielen" zu folgen und — zu „c o m po n i r en!" - Das ist der Schaden, die Unheilbarkeit des .Leidens"'. Ich gebe also so ziemlich die Hoffnung auf — hat doch der gute Singer viele, ja die meisten seiner College» — in ihrer Eitelkeit verletzt. Ich sage, ein guter Cantor (Chasen) ist mir lieber, als ein guter Componist! Ein schlechter Componist kann kein guter Chasen sein! Mittelmäßigkeit schließe ich von der Kunst aus! Verbreiten Sie in Ihrem Blatte den Mahnruf Singer's in allen Ländern. Bleiben wir bei dem, was wir seit Jahrtausenden haben — dabei werden wir uns sicher einig und wohl fühlen. j Mit herzlichen Grüßen Ihr Martin Klein. Zynagogen-Gesänge. Von Obercantor M. G o l d st e i n-Steinamanger. Besprochen von Obercantor I. Singer-Wien. Von Obercantor Goldstein in Steinamanger liegen uns 5 Hefte von Synagogengesängen vor, deren Inhalt einen wahrhaft erquickenden Einblick in die Musikwerkstätte eines endlich einmal vollwertigen jüdischen Cantor-Componisten. gewährt. Gestehen wir es nur unumwunden zu, daß uns die Durchsicht dieser in strenge Gruppen gesonderten Composttionen viele angenehme Stunden bereitete, indem wir zum erhebenden Bewußtsein gelangten ' ki lo almon jisroel, daß das jüdische Cantorat noch nicht verwaist ist, sondern immer wieder Männer heranreifen läßt, die mit musikkünstlerischem Zielbewußtsein ausgerüstet auch ein ideales Verständnis für unsere heilige Liturgie ihr eigen nennen. Moritz Goldstein ist in der Schule der berühmten polnischen- Chasanim Abraham Freisinger, Schalem Schirmann, Blumenthal und Abraß herangewachsen, welche bei aller, Berühmtheit und von uns sicherlich vollauf gewürdigter Bedeutung doch in ihrer Herzenseinfalt aus dem Borne des jüdischen Volksliedes, oder besser gesagt „V o l k s g e s a n g e s" schöpften. Gewiß! Die Chasanim des einstigen Ghetto, sie sangen „woil“; allein, was war der Gesang dieser alten Synagogen mehr, als, gleich dem deutschen Bäukelgesange*), die Sturm- und Drangperiode unseres Synagogengesanges? Die Sturm- und Drangperiode haben ja die meisten von uns, welche die Meschorerirn-Atmosphäre eingeatmet, an der eigenen Individualität erfahren, und es bedurfte einer späteren umfassenden Um- und Durchbildung der eigenen künstlerischen Anschauung, um, wie es leider bei vielen der nachwachsenden jungen Cantoren der Fall ist, in der trügerischen und ungerechtfertigten Tontändelei nicht unterzugehen, sondern mit geläutertem Zielbewußtsein einen Anknüpfungspunkt zwischen der einstigen „Schul" und der modernen Synagoge auszufinden? Ein solch' moderner Cantor ist Moritz Goldstein. Er verpönt es, nach bekannten Mustern, einen von irgend einem Chasen entlehnten „Haschkiwenu“ oder Kiddusch rc. allsabbathlich nachzusingen, sondern er wandelt, im Bewußtsein umfassender Terrainkenntniffe, seine eigene Bahn. Die bei seinen einstigen Chasonim-Lehrmeistern empfangenen Eindrücke leben ja in seiner Phantasie unauslöschbar fort; doch wußte er durch spätere rationelle und umfassende Studien den früher gewonnenen Gedankengang derart umzumodeln, daß seine musikalische Anschauung eine vollständige Läuterung erfuhr, wie dieselbe in den vorliegenden Composttionen so überaus günstig in die Erscheinung tritt. Das erste, im Jahre 1891 veröffentlichte Heft Regiuoth Jisroel der Goldstein'fchen Composttionen umfaßt die Freitag- *) Wir betonen hiebei nachdrücklichst, daß die Bezeichnung „Bänkelgesang" keineswegs im verächtlichen Sinne zu nehmen sei, daß vielmehr der Bänkelgesang eine bedeutungsvolle Phase in der Entwicklung des deutschen Volksgesanges auSmachte. Abendgesänge. Wer nur einigermaßen mit unserer Synagogen» gesangs-Litteratur vertraut ist. dem dürfte es einleuchten, wie überaus schwer es fei, inmitten der Legion von Lecho doch, die das Licht der Welt erblickten, bei einer neuen Composition dieser Gattung Reminiscenzen auszuweichen. Der Goldstein'sche Lecho dodi in F-dur für Cantor-Solo, gemischten Chor und Orgelbegleitung trägt das Gepräge vollkommener Eigenart. Nirgends, weder in der Melodie noch im Chorsatze oder in ver Orgelbegleitung, ist ein Anlehnen an berühmte Muster zu bemerken. Einfach und bescheiden, doch feierlich ernst setzt die Cantorstimme das Lecho dodi in F-dur ein und wird vom gemischten Chore mit nur schattenhaft vorübergleitender Modulation nach D-moll in gleichem Motive wieverholt. Das ist der Gruß an die Braut; einfach und schlicht, wie es der Situation angemessen. Doch schon beim Chorsatze Likra* schabbos macht sich eine interessante Regsamkeit bemerkbar, eine Regsamkeit zuvörderst in der directe» Modulation nach B-dur, aber auch eine überaus wirksame Regsamkeit in dem fughettenartigen Auftreten der verschiedenen Chorstimmen, als ob die Sehnsucht nach dem Gottestage durch jede einzelne Slimmgattung zum Allsdrucke gebracht werden sollte. Roch einer dritten sympathischen Regsamkeit muß bei der Composition dieses nur 18 Takte umfassenden Likras schabbos gedacht werden, und zwar der Lebendigkeit der Modulation. Gerade die unaufdringliche, wir möchten sagen, schemenhafte musikalische Ausweichung von B-dur nach F-dur, D-dur, F-moll und rc. mit den mannigfachen kleineren modulatorischen Unterabtheilungen und der geradezu hingleitenden Rückkehr zur Originaltonart, verleihen dem Tonstückchen einen ganz besonderen Reiz, der uns widerstandslos gefangen nimmt und uns den Nachweis erbringt, wie machtvollkommen Goldstein die polyphone Musikform beherrscht. Gleich Rühmliches ist von dem hierauf folgenden Mikdasch melech und Hisnaari, einem überaus stimmungsvollen und tiefmusikalischen Cantor-Recitative mit obligater Orgelbegleitung, zu berichten. Erfreut schon der einfache Hin» blick auf die Tatsache, daß hier zum ersten Male eine inhaltlich correcte Wortdeclamation zu Tage tritt und nicht, wie schon so oft erwähnt, Satzverzerrungen, wie liwschi bigde — »ifartech ammi recitirr werden, so wenden wir noch in erhöhtem Maße der wirklich sinngemäßen und farbenprächtigen Musikillustration des Wortes unsere volle Sympathie zu. Mikdasch melech, ir melucho —. Beim Worte nielucho verlangt Goldstein einen Ruhepunkt. Auf die die letzte Silbe „chu“ begleitende Note „E“ setzt der Componist einen Halter, gleichsam ein Aus» rufungszeichen nach der Ansprache: „Theurer Freund!" — unddie in der Singstimme sowohl als in der Orgelbegleitung unisono dahinschreitenden Töne sollen offenkundig nichts Anderes als eine Ansprache bedeuten. Ist das nicht interessant, voll», ständig neu und nachahmenswerth? Erst bei den Worten Kumi ze’i „Erhebe dich aus der Zerstörung", setzt eine gewissermassen melodische Tonfortschreitung ein und auch die Orgel tritt in ihre Rechte. Wenn wir das Wörtchen ^auch" bei dieser Orgelbegleitung anwenden, so geschieht es lediglich des Herkommens wegen; denn im vorliegenden Falle dominirb die Cantorstimme keineswegs, sondern die Cantormelodie wächst gewissermassen aus dem Orgelsatze hervor, und Freund Gold« stein bekundet offenbar, daß es seine Absicht sei, beim strengen. Musiksatze die Begleitung von der Despotie der Singstimme zu befreien und ein einheitlich gefügtes Ganzes herzustellen. Wie viel muß der eiustige Moschorer Goldstein gelernt und gearbeitet haben, um zur Höhe dieser geläuterten Musik- und Kunstanschaung zu gelangen? (Fortsetzung folgt.) Die synagogakeu Wekodie». Laut einem Berichte aus Petersburg hat die „Russische Geographische Gesellschaft" beschlossen, die synagogalen Melodien, welche unter den Juden Rußlands gesungen werden, zu sammeln und herauszugeben.

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