Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 10 (6.3.1903)
- Date
- 1903-03-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 10. letztere, mehr als irgend eine Glaubensgenoffenschaft oder ein Volk, gegenüber im Leben aller Welt betätigt. Juden gegenüber ist übrigens die Lehre, daß der Zweck die Mittel heiligt, in allen Ländern und bei allen Völkern zur Anwendung gekommen. Zn dieser Beziehung hören alle nationalen Verschiedenheiten auf. Zum Kapitel „Religionsunterricht". Der in einem der letzten Sitzungsberichte veröffentlichte Beschluß des Vorstandes der großen Wiener Cultnsgemeinde, daß der jüdische Religionsunterricht an Mädchen-Volksschulen Lehrerinnen auvertraut, und daß ferner in hochritterlicher und zarter Rücksicht auf. das schwächere Geschlecht den weiblichen Candidatinuen für das Religions-Lehrerinnenamt die Prüfung aus dem eigentlichen Religionsgegenstand, aus der Bibel im Urtext, nachgesehen werde, drückt mir, trotzdem diese Frage in diesen Blättern schon in ausgezeichneter Weise erörtert wurde, noch einmal die Feder in die Hand, um auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die dieser Beschluß in sich birgt. Man wird vielleicht auf Seiten des Wiener Rabbinates, ohne deffen Einvernehmen ein derartiger Beschluß gewiß lnicht gefaßt wurde, über die Einmischung eines Fremden ans Galizien in eine interne Angelegenheit der Wiener Cultusgemeinde ungehalten sein, oder mir einfach das Recht absprechen, eine Frage zu ventiliren, die nur von berufener Seite behandelt werden soll; aber dem gegenüber will ich nur bemerken, daß unsere Lehre nicht der Priesterkaste und nicht besonderen Vertraueuspersonen, sondern dem ganzen Volke am Sinai geoffeubart wurde, und mich nun dem Thema selbst zmvenden. Wie der jüdische Kalender eigene Unglückslage aufzuweisen hat, gibt es auch gewisse Wörter in unserem Sprachgebrauch, die zehn Maß von Unglück in sich bergen. Zu den letzteren gehört das Fremdwort „Religion". Dieses für das jüdische- Geistesleben so ganz fremde Wort wurde aus der lateinischen Sprache in unsere jüdische Begriffswelt hineingeschmuggelt und damit ein fremdes Gefühlsleben aus der römischen Kirche in unser gottesdienstliches und gotteserkenntliches Wesen hinein escamotirt. Und gerade aus dieser Verirrung im fremden Wortbegriff irren heule zahllose Stammesgenossen und richten dadurch viel Unheil im Judentum an. Hat denn unser göttlicher Lehrer und Gesetzgeber Moses uns je „Glauben" auserlegt? Dieser Uebermensch kannte ja sein kritisches Völkchen viel zu gut, um ihm eine ganze Welt auf Treue und Glauben anzuempfehlen, und der große Lehrmeister hat es bei Uebernahure seiner göttlicher Sendung selbst ausgesprochen: „Und sie werden mir nicht glauben!" Also beruht das Judentum seil vieithalbtausend Jahren auf Lehren, Lernen und Erkennen, aber niemals auf dem blinden Glauben. Seit einem halben Jahrhundert war unsere Intelligenz bestrebt, ans unnützer Anbiederung.und Anpaffnug au oie ariiche Weltanschauung, das Judentum zum Glauben nmznmodelu, und dieses Streben stndet auch Ausdruck in der Art der Ertheiluug des sogenannten „Religionsunterrichtes" in, der Wiener jüdischen Gemeinde. Wie uns dieser Religionsunterricht wohl erscheinen mag2 Wie, wenn man ein duftiges Gazegewebe über eine endlose Saudwüste spannt, um Glauben zu machen, daß etwas unter diesem Gewebe verborgen sei. Die Assimilation, die mit dem Tempel begann, hat unter dem Religlonsinspector Simon Szanro ihren bedenklichen Höhenpnnkt erreicht. Denn dieser Religionsgewaltige stellte die Heilslehre (richtiger Leere) auf, daß für die Mittelschüler blos Bibellectüre in deutscher Sprache genüge, unbekümmert um die lausende jüdische Eltern, denen bas Hebräische ein heiliges Vermächtuiß. die Religion selbst war. Das famose Szanto'sche System der Entgleisung des Judenthums, gegen das wir seinerzeit in heftigster Opposition standen, dauerte glücklicher Weise nicht über das Grab feines Schöpfers hinaus. Jüdische Männer zogen in den Cultus- Vorstand ein, mar wurde der Verheerungen gewahr, welche ein Judentum ohne Schrifttum nach sich zöge, und es zeigten sich wieder leise Regungen aus dem eigentliche Gebiete des jüdischen Lebens,' denen wir unter anderem auch das Rabbinerseminar verdanken. Doch, weder die schwache Berücksichtigung des Hebräischen an den Mittelschulen, noch das Rabbinerseminar wird auf die Dauer das Judentum befestigen können, wenn nicht die Hauptsache, der Kern des jüdischen Wesens gehörig gewürdigt und diesem allein volle Aufmerksamkeit zugewendet wird. Und da scheint uns in erster Reihe die Frage notwendig, wie wir uns das Judentum eigentlich denken? Sollen wir jüdische Juden oder jüdische Arier sein? Diese Scheidung muß vorgenommen' werden, ehe das letztere zur volle» Wirklichkeit wird. Wer da ein Scheinjudentum will, das noch etwa, ein Jahrhundert sich wie ein brillantes Feuerwerk in den fashionabelsten Synagogen und Tempeln abzuspielen hätte, der möge das Religionsunterrichts-System a la Wien, Berlin, Paris, st tuti quanti, weiter fortschreiten lassen, das, mau verzeihe dieses harte Urteil, das System der Verdrängung national-jüdischen Wissens aus Ader Schule und dem Gotteshaus genannt werden muß uild am richtigsten mit dem Namen: Looists äs pompös fanebres juioes“ bezeichnet werden kann. Dann bleibt es sich ganz gleich, ob die jüdische Religion von Lehrern gelehrt wird oder von Lehrerinnen, die alles eher wissen und kennen, als die Quelle unserer Erkenntnis, das jüdische Judentum; dann harrt des Lehrers und der Lehrerin unfehlbar die gleiche Anf-! gäbe: den Schwanengesang in Israel anzustimmen. Für jenen Rest unseres Volkes aber, welcher au die Unsterblichkeit seines Volkes sesthält und nicht blos glaubt, gibt es wol nur einen unfehlbaren Weg, nämlich den: keinen polnischen und keinen deutschen Katechismus, sondern nationales Judentum zu lehren, seine Sprache, seine Grammatik, seine Literatur und Geschichte. In der Thora ' liegt der Kern der Lehre, im Talmud seine 'Fortbildung. Alle diese Lehrgegenstände bilden zusammen ein ganzes, ein volles Maß nuferes geistigen Seins. Wer bei diesem System bleibt, hat nicht auf den Wüstensand der Assimilation, sondern auf die sichere Grundlage des unsterblichen Judäa gebaut. Damit wäre aber auch die Lehrerinnenfrage erledigt. Die nationaljüdische Schule begrüßt die weibliche Verkünderin unseres Volksgeistes mit Freuden und wird sie als Mutter in Israel begrüßen, a l l e i n diese V e r k ü n d e r i n m u ß m i l unserem Wissens * schätze ebe ns o vertraut sein, wie ihr männlicher College. Ein derartiges Judentum kann nur in eigenen nationalen Schulen, die für den profanen Unterricht in ~ gleich gediegener Weise Sorge tragen müssen, gepstegt und ausgereift werden. Solche Schulen können das Judentum über die Plattheit hinanshebeu und uns Juden die allgerühmte Geistesüberlegenheit zurückzuerobern. Jüdischnationale Schulen, jüdischnationales Wesen hat unsere Gemeindevorstände zu beschäftigen, nicht die Sorge um assimilatorische Gleisnerei. Der Kampf um unsere Schule der Zukunft muß entbrennen und das jüdische Selbstbewußtsein in den Reihen unseres Volkes wieder erweckt werden, um dasselbe vor Verderben und Tod zu retten. Dr. Rüben Biere r. Label und Abel. Vor einem zahlreichem Auditorium, in welchem sich viele Gelehrte und Theologen aller Conseffionen befanden, hat Herr Rabbiner Dr. D. Feuchtwang aus Nikolsburg Montag, den 2. März, 7 Uhr Abends, im „W i s s e n s ch a f t l i ch e n (Stilb" dieses durch. den zweiten Vortrag Delitzsch's und den Brief des Kaiser Wilhelm II. gegenwärtig höchst aktuelle Thema! eingehend behandelt und über dasselbe zum ersten Male in Wien öffentlich gesprochen. Die Einladung zu dem Vortrage erging seitens des Clubs, oer einen vor zehn Jahren von Dr. Feuchtwang daselbst abgehaltenen Vortrag über assyrisch-babylonische Litteratur in bester Erinnerung hatte und nun mit einem Bortrage Dr. Feuchtwang's über „Babel und Bibel" ein allgemeines Interesse zu befriedigen suchte.