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Die Wahrheit · 1903-03-06 · Heft 10 (6.3.1903) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 10 (6.3.1903)
Date
1903-03-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 10. Die Wahrheit. Sette 5 Der Vortragende, lebhaft begrüßt, gab zunächst einen geschichtlichen Ueberblick über die hervorragenden Arbeiten englischer, französischer und deutscher Forscher auf dem Gebiete der Assyriologie und zeigte — was übrigens unseren Lesern aus den bisher von Dr. Feuchtwang in unserem Blatte veröffentlichten Fortsetzungen seiner Artikelserie „Der Streit um Babel und Bibel" bekannt sein dürfte — daß Delitzsch im Allgemeinen in seinen Vorträgen nichts Neues berichtet hat und daß die Vergleichungen zwischen den Keilinschriften und den alttestamentlichen Ueberliefernngen schon seit Jahren Gemeingut der Fachwissenschaft sind. Was aber Delitzsch an Neuem vorgebracht hat, das sind seine eigenen Behauptungen, und diese sind, das zeigte Redner an vielen Beispielen, falsch. Delitzsch hat diesen Behauptungen so geringe Beweisstützen gegeben, daß es Fachleuten wie Barth, König. Oettli, Hommel, Kittel, Jeremias, Jensen, Coruill, Sellin, Oppert leicht wurde, seine Pyantasiegebilde zu zerstreuen, Erfindungen, die man wol einem Kreise von Laien glänzend vortragen kann, die aber auf Wissenschaftlichkeit keinen Anspruch machen sollten. - Der Einfluß der babylonischen Schöpfungs-, Sintuifl- und Paradiesberichte auf die Bibel sei nicht erwiesen, und viele Forscher nehmen eine gemeinsame Her lei tu ng Jbeiber aus einer ursemitischen Quelle an, aus einer Zeit vor der Trennung der semitischen Völker. Von einer Durchtränkung Kanaans mit babylonischer Kultur zur Zeit der Rückkehr der Juden ans Egypten dürfe gleichfalls, nicht die Rede sein. Was von dem durch den Wiener Universitätsprofessor Müller nachgewiesenen Grundsatz betreffs der Gleichheit der Formen der religiösen Poesie gelte, daß sie nämlich auf eine gemeinsame Urquelle verweisen, das gelte auch von dem Inhalte, also auch von den Ueberliefernngen über Sintflut und Paradies. Die Sin t f ln t e r z ä h l u n g hat Dr. Feuchtwang bereits in unserem Blatte eingehend behandelt, wir wollen deshalb diesen Theil des Vortrages übergehen und uns der von ihm gelieferten Kritik der Delitzsch'schen Darstellung der Erzählung vom Sünden falle znwenden. Delitzsch zeigte ein Bild, das zwei offenbar den höheren Ständen angehörige und vornehm gekleidete Menschen darstellt, die neben einem Baume sitzen, an dem Früchte hängen. Schon die reiche Toilette der beiden Personen, meinte der Vortragende launig, lasse kaum den Gedanken änfkommen, daß es sich hierum eine bildliche Darstellung des Paradieses handelt. Das Bildchen, befindet sich auf einem ehemaligen Petschaft, das irgendeinem Babylonier gehört hat. Delitzsch macht es sich leicht. Dies Petschaft zeigt einen Baum — Baum des Lebens — zwei Menschen — Adam und Eva, kurz, das ist die Darstellung des „Sünbenfalles". Die babylonische Legende ist ganz anders. Nach dieser fand kein Sündenfall statt, sondern der Mensch verlor aus folgende Weise die Unsterblichkeit. Adapa, der Sohn des Meergoltes Ea, fuhr im Boote auf dem Meere. Da kam der Südwind und das Boot schlug um. Wüthend ergriff Adapa den Südwind und . zerbrach ihm die Flügel. Deshalb sollte Adapa sich vor dem Himmelsgotte Anu verantworten. Sein Vater Ea mahnte ihn zur Vorsicht, besonders sollte er Speise und Trank nicht berühren, die man ihm im Himmel anbielen würde. So that Adapa. Aber Gott Anu ließ ihm den Trank des ewigen Lebens reichen, den Adapa zurückwies. Da erstaunte Anu über ihn und sagte: »Bringt ihn nur wieder nach seiner Erde zurück." So kühn wie diese Behauptung von Delitzsch über die Gleichheit der Sündenfallerzählung, ist die über die Gemeinsamkeit des Sabbath. Die Babylonier feierten keineswegs jeden siebenten Tag. Wohl kannten sie „verbotene Tage", an denen alle verpflichtet waren, gewisse Vorschriften einzuhalten, viererlei n i ch t zu thun, zum Beispiel „der König wird den Wagen nicht besteigen"; „der Arzt wird seine Hand nicht an den Kranken bringen". Das waren also äieo atrae, schwarze Tage, an denenA lles Unheil bringen konnte, und sie vielen auf ganz verschiedene Daten, den 5., 14., 19. rc. eines Monats. Diese haben somit nichts gemein mit der „Sabbathruhe, beziehuWsweise Sonntagsruhe", wie sich Delitzsch wieder sehr poetisch, aber unkritisch ansdrückt. Der hebräische Sabbath bildet geradezu ein Schiedsmal zwischen den Juden und Heiden, er ist eine centrale Einrichtung der Israeliten. In der talmudi scheu Literatur heißt übrigens, was Herrn Professor Delitzsch nicht bekannt sein dürfte, der «Saturn, der den Arabern als Unstern gilt, Sabattai, und ein Unglücksmensch ist, wer in seinem Sternbiloe geboren wird. Den persischen Israeliten mag sohin ein Rest jener babylonischen Unglückssabbathtage in Erinnerung geblieben sein. Von Delitzsch' Sabbathphantasien bleibt also nichts. Unhaltbar sind auch seine Behauptungen über den Monotheismus. Nach Delitzsch hat der Monotheismus in Babel bestanden, folglich haben ihn die Israeliten erst von dort erhalten. Das ist klipp und klar. Es ist aber eine grobe Unwahrheit. Babel hatte einen Götzendienst für sehr viele Götter, deren Namen ja bekannt sind. Verblüffen muß daher Delitzsch' Behauptung, die Babylonier, die um 2500 das Land besetzten, „seien Kanaanäer gewesen", aus denen sich nach Jahrhunderten die zwölf Stämme Israels entwickelten(!). Als ob nicht in den Propheten fast auf jeder Seite die heftigsten Zornausbrüche gegen Kanaan sich fänden, das ausgerottet werden soll! Das st ä r k st e S t ü ck aber ist die von Delitzsch mit so viel Pathos vorgetragene Behauptung, daß J^ah w e aus Babel zu den Hebräern gekominen sei. Dafür zeigte er seinem Berliner Zlchörerkreise drei T h o n t ä f e l ch e n im Bilde, und .man kann sich denken, daß jene Laien mit athemloser Spannung vernahmen, daß auf diesen drei Täfelchen derNameIahwe geschrieben st e h t, in Keilschrift auf drei Ziegelsteinen. Wie stehls damit denn? Professor Delitzsch scheint ein sehr lenziger Herr zu sein. Er hat, wie man in London sagt, einen „practical joke" gemacht, sein Publicum „geuzt", wie das der Berliner, „gefrozzelt", wie das der Wiener nenut. Man höre ulld statine über die Jahwe-Entdeckung von Delitzsch. Professor Oppert, an den sich Dr. Feuchwang gewendet hat, der selbst wegen zu großer Kurzsichtigkeit auch mit der Lupe nur sah, daß es sich bei den bewußter, drei Ziegelsteinen um Rechtsnrkunder handelte, Oppert — der, wie Dr. Feuchtwang hervorhob, bereits in der „Zeit" Prof. Delitzsch so kräftig widerlegt hat — schickte die Lesung. Das Folgende hat nun Delitzsch kühnlich als Jahwe-Namen angesprochen. Das erste Tafelchen meldet uns einen Herrn Ja-pi-il als Besitzereines Landstückes, das er vertauscht. Das zweite „Jahwe-Täfelchen" spricht von einem Landgut, das „bei Ja-uß-pz-il" gelegen ist. Und die Schrift der dritten Tafel lautet: „An Jti Ningirfu schreibe ich dieses, ich Ja-u-um-ilu. Die Götter Mardük uiib Samas mögen dir langes Leben schenken. Wie du weißt, habe ich eurer Sclavin ihre Freiheit wiedergeben müssen. Ich mußte sie anszahlen. Sehr viel hat sie mich gekostet, ein Vermögen hat sie mich bezahlen lassen. Jetzt muß ich den Arad Jstar entschädigen. Sende mir drei Drachmen Silber, die du verbürgt hast, und die zwei Drachmen Silber für den Sesam von deiner eigenen Schnlo rc." Der Brief stammt aus der elamitischen Dynastie (2506 bis 2202), des Schreibers Name Ja-ü-um-ilu bedeutet: „Es ist Gott" oder „Gott befiehlt's". Das ist die famose Jahwe-Inschrift des Herrn Prof. Delitzsch, und derartiges hat er seinem Berliner Publicum geboten! Also wenn ein babylonischer gewisser August, Gotthelf,. Gottlieb oder Gottvergelts seinem Freunde Theoder schreibt, er möchte ihm geborgtes Geld zurückschicken, so ist das für Delitzsch ein Beweis, daß Babel die. Bibel geschlagen hat, daß Jahwe schon in Babel verehrt wurde als einiger Gott, und daß die Babylonier Monotheisten waren. Das ist denn doch ein starkes Stück, und man begreift es, daß Prof. Oppert, der berühmte Pariser Keilschriftenforscher, seinen an Dr. Feuchtwang gerichteten Brief mit heftigen Worten über die „s ch m ä h.l i ch u u iftorische A r t" von Delitzsch schließt. Dr. Feuchtwang brachte seinen hochinteressanten Vortrag zunr Abschlüsse mit der treffenden Bemerkung, daß Prof. Delitzsch

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