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Die Wahrheit · 1903-03-06 · Heft 10 (6.3.1903) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 10 (6.3.1903)
Date
1903-03-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion und Adiiiinlstratlon: Wien, II/,. Novaragafse 27. ff. k. österr. Poftkparcassa Check-Conw Nr. 846.251" Inserate 20. Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und JnserationSbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. ^abhängige Heitfchrift für Mische InLere^eir. Erscheint jeden Freitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" | Bezugspreis: ) Ganzjährig . . S 12.— j Halbjährig .... ff. 8.— Für Cultnsbeamte: Ganzjährig.... ff. 10.— Für Ausland: Ganzjährig . . .8 Mark. 6 Rubel oser 16 FcS Nr. 10. Wien, 6. Mär; IM. Inhalt: Prager. Briefe. — Zum Kapitel Religionsunterricht. — Babel und Bibel. — Aus der Wiener Cultusgemeinde. — Verschiedene Nachrichten. — Zur Berufsorganisation. — Pflege der jüdischen Melodien. — Synagogen-Gesänge. Prager Änefe. ii. Ich war nicht wenig erstaunt, als ich neulich in einem Berichte über eine Sitzung des reichsrällichen Geschäftsordnungs- Ausschusses las, daß der Abg. Dr. Kramarz seine dort gehaltenene Rede mit einer Betrachtung über das Wesen des Talmud eingeleitet habe. Er sagte nämlich: „Ueber die Interpretation der Geschäftsordnung habe sich eine förmliche Talmudwissenschaft ausgebildet, damit sie nur so interpretirt werde, daß jede geordnete Verhandlung unmöglich wird." Ei der Tausend! Wer hätte auch nur geahnt, daß Dr. Kramarz mit der lalmudischen Logik, Dialektik und Sophistik so veitraut ist! Heigt es doch allgemein, daß in Böhmen das Talmudstudium schon seit vielen Jahrzehnten nicht gepflegt wird und die wenigen Rabbiner, die dort noch etwas vom Talmud verstehen, zumeist aus dem Auslande stammen, daß vollends die eingeborenen Rabbiner czechischer Rationalität Talmud und Midrasch nur vom Hörensagen oder aus deutschen Uebersetzungen kennen, diese Werke aber im Original Bücher mit sieben Siegeln, in welchen sie nicht zwei Zeilen zu lesen vermögen, für sie sind. Und auf einmal läßt sich Dr. Kramarz, der ja nicht einmal czechischer Rabbiner, ja nicht nicht einmal czechischer Jude, (auch kein getaufter, wie der Abg. Stransky) sondern leitender czechischer Abgeordneter ist, in einer Weise über den Talmud aus, daß man glauben könnte, das Talmudstudium gehöre zu seinen täglichen Beschäftigungen! Von den czechischen Rabbinern hat Dr, Kramar Talmud nicht gelernt, das steht außer Zweifel; wahrscheinlich hat er seine Talmudkenntnisse aus dem Schandbuche „der Tulmudjude" geschöpft. Ist doch diese Lügenschrift, obgleich von einem Deutschen verfaßt und in deutscher Sprache zuerst erschienen, von niemandem eifriger gelesen und von niemandem öfter citirt worden, als von den Czechen. Roch wahrscheinlicher aber ist, daß Dr. Kramarz, der sonst sehr gelehrt ist, dennoch vom Talmud nichts weiß, und nur wie tausend Andere, bei denen das auch der Fall'ist, über ihn gesprochen hat, ohne die geringste Kenntnis von seinem Inhalte und Wesen zu haben. . . : Vielleicht venützen die czechiichen Juden diese Gelegenheit, um Dr. Kramarz zu ersuchen, er möge seinen großen Einfluß bei„der Regierung dahin geltend machen, daß in Prag ein .czechisches Rabvmersemirltlr errichtet. wird. Wenn Wien ein deutsches hat, so muß Prag der Gleichberechtigung und der Gleichwertigkeit wegen, ein czechisches haben. Die Besetzung der Lehrerstellen wäre allerdings mit fast unüberwindlichen Schwierigkeiten verbunden. Das Talmudfach müßte jedenfalls Dr. Kramarz selbst übernehmen. Der ungeschwächr anhaltende Ansturm gegen die böhmische Sparkasse hier, zeigt wieder einmal, wie leicht es ist, große Volkskreise zu betören, und wie schwer Worte der Vernunft, sobald der Wahn einmal Wurzel gefaßt, bei denselben Eingang sinden, zumal wenn von einer anderen Seite alles geschieht, um das Volk in seinem Wahne zu erhalten. Ein falsches Gerücht wird von einigen gewissenlosen Leuten ausgestreut. Im Ru verbreitet es sich nach allen Seiten, Tausende sprechen davon, Tausende glauben daran und Zehntausende, die urteilsfähiger find, tun so, als ob sie es glaube» würden, sobald Vorurteil, Neid, Haß und persönliches Interesse es als zweckdienlich erscheinen lassen, solchen Glauben zu heucheln. Die böhmische Sparkasse ist nicht allein das älteste, sondern auch das bestfundirte Geldinstitut des Landes. Die Verwaltung befindet sich seit der Begründung in deutschen Händen. Nebenbei fei bemerkt, daß an derselben nie ein Jude als Beamter angestellt wurde. Wir haben also keinen Grund, uns für das arische deutsche Geldinstitut zu ereifern. Aber das Ereignis ist insofern für uns Juden von Bedeutung, als es zeigt, wie leicht auch die absurdesten Gerüchte bei der großen Volksmenge glauben finden, und wenn einmal fanatifirt, gewiß Tausende das von ihnen Geglaubte als eine^von ihnen selbst wahrgenommene Tatsache zu beschwören bereit wären. In derselben Weise, wie der Run auf die böhmische Sparcassa, sind die alten und neuen Ritualmordgeschichteu entstanden. Nur daß bei letzteren außer dem uationalen auch der religiöse Haß, der so Viele verblendet macht und viel gefährlicher ist, mitgewirkt hat. Die einmal betörte und wildgemachte Menge will sich nicht mehr belehren und zurückhalteu lassen. Wer das versucht, ist in ihren Augen ein Verräter an der ihr heilig gewordenen Sache. Die bösen Geister, die mau freventlich heraufbeschworeu, lasse» sich nicht wieder bannen. Die böhmische Sparcasse „wackelt*, obgleich sie.alle Eiulagen a viata rückbezahlt, die Jude» brauchen zu rituellen Zwecken Blut, obgleich ihre Religion, wie allgemein bekannt ist, jede Roheit, jede Gewalttätigkeit, jede Ungerechtigkeit. verbietet uud Recht, Wahrheit und Nächstenliebe zur . Pflicht macht uud die Jude»

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