Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit. Seite 5. Nr. 8. zu lassen, chochmaus bachuz torauno, dag sie die Lebeusauschauuugen und Erfahrungen, mit denen sie sich als gleichgestelltes Mitglied der Gesellschaft bereichert, nur draußen im öffentlichen Leben, nur einzig und allein in den Vereinen und Versammlungen zu bethätigen bestrebt sei, sondern von dem Gedanken beseelt ist: ehochmaus noschim bonso besso, daß sie die geistigen Vorzüge, zu denen sie sich durch die Emancipation emporgeschwungen, als Grundlage und Basis benutze, auf welcher der religiöse Geist in ihrem Hause und Familienzirkel sich aufbauen und stolz erheben soll. Denn nur dann, wenn die jüdische Frau ihren vielseitigen Einfluß an der geeigneten Stätte, in ihrem Familienheim, im engen Kreise ihrer Angehörigen geltend machen wird, dann wird in erster Reihe unsere Jugend, unsere Nachkommenschaft, die ja doch unsere Zukunft, die Zukunft des Judenthums bedeutet, ihren Vortheil daraus ziehen, sie wird geistig und ethisch sich entwickeln und entfalten, ideell blühen und gedeihen und die Hoffnungen und Erwartungen, die wir an ihre Zukunft knüpfen, sie werden zur Wirklichkeit werden und in Erfüllung gehen. Daniel S k u t e tz k y, Wien. Das ungarische Gerneindeleben. Nur ungerne lassen wir uns herbei, die Blößen des ungarischen Gemeindewesens aufzudecken; denn wir sind dessen gewiß, daß viele die Schäden kennen, welche im Laufe der letzten Jahre sich derart gehäuft haben, daß man auf Schritt und Tritt gehemmt wird, wenn man feine Hand zur Abhilfe zu rühren wagr. Doch weil die Leitung zumeist Menschen anvertraut ist, die auf rechthaberische Gewalt ihr Thun und Lassen bauen, halten die Besserdenkenden es für gerathen, sich um das Gemeindewesen gar nicht zu kümmern, und darum geht alles über Stock und Stein, darum wird auf die Erhaltung von religiösen Institutionen so wenig geachtet, darum nimmt die. glaubensstarke Generation, welche noch vor einigen Jahrzehnten in jeder Gemeinde anzutreffen war, immer mehr ab. Zum Scheine wird wol von unseren Leitern noch etwas getan. Geklagt und gejammert wird in jeder Sitzung, daß die Jugend ohne Religion, ohne religiöse Erziehung herauwächst, doch dem Nebel recht in die Augen zu sehen, den Dünger von Grund auf aufzuwühlen, an das wagt sich keiner heran. Die Eltern kümmern sich blos um das alltägliche Leben, das ohnehin seine schier unüberwindlichen Beschwernisse hat, die Erziehung ihrer Kinder überlassen sie der Schule, wo sie mehr für das reale Leben, als für das Göttliche den ausgestreuten Samen finden. Die Leiter der Schule stehen ratlos da, weil in dem steinigen Boden jeder Keim erdrückt wird; wo das Familienleben auf irreligiöser Basis ruht, wo die religionsgesetzlichen Vorschriften nur selten eingehalten werden, da kann in der Schule die Jugend nicht zu Gott und Glauben hingeleitet werden. Die Bibel und das Betbuch würden wol die besten Dienste leisten, wenn die Schüler mehr Vertrautheit mit denselben hätten. Doch da jammern wieder die Eltern, daß die Jugend ohnehin mit allerlei Studien belastet ist, und die arme Bibel muß in ihren Schlupfwinkel wandern. Kaum noch einige Erzählungen aus derselben können die Aufmerksamkeit der Schüler fesseln. Wie war es doch früher ganz anders, da klagten die Eltern, daß die Schüler zu wenig vertraut sind mit dem Geistesschatze Israels, daß sie wohl die heilige Schrift kennen, doch die Commentare außeracht laffen, und heute wird ans besonderer Liebe und Fürsorge zu den Kindern die Bibel bei Seite geschoben. Was Wunder, wenn die Jugend so schwach und wankelmütig in Glauhenssachen ist, was Wunder, wenn das jüdische Leben überall krankt, wenn die traurigen Verhältnisse, die hie und da zu Tage treten,, den wahren Juden mit Kummer erfüllen! Wie wird das enden? Auf welche Weise kann eine Gesundung herbeigeführt werden? Der Woltätigkeitssinn, auf den man in den letzten Dezennien so große Stücke hielt und der sich überall bekundete, scheint auch in Abnahme begriffen zu sein. Nur äußerst selten lassen sich die Begüterten unseres Stammes herbei, größere Summen für religiöse Zwecke zu vermachen. Da lesen wir gar oft, daß dieser oder jener Jude zum Baue einer Kirche so und soviel gespendet, doch daß er auch seine Glaubensgenossen mit einigen Kronen bedenken würde, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Und mit dem Niedergange des 'religiösen Lebens nimmt auch die Achtung und Wertschätzung der jüdischen Beamten ab. Denn wo man von der H iligkeit seiner Religion nicht durchdrungen ist, da kennt man keine Pflichten gegen die Diener und Vertreter derselben. In den meisten Fällen müssen Rabbiner und Cantor die Chikanen der Gemeindeleiter ertragen, wenn sie ihre Stellen nicht gefährden wollen, und trifft es sich zuweilen, daß die Beamten unter keiner Bedingung ihrem Pflichtgefühl Zwang antun wollen, da wird schnurstracks eine Sitzung einberufen. in der natürlich der Beamte den Kürzeren ziehen muß, und so kann er mit Familie und Gesinde den Wanderstab ergreifen, ohne Aussicht auf Besserung und Linderung seines Schicksals. Weil wir in das Fahrwasser des Unglaubens gerathen find, sind Rabbiner und Cantor in der Gemeinde nur zum Schauspiele da, und wenn sie sich an dem Schaustück satt gesehen und gehört haben, da bildet es ihre größte Sorge, neue Truppen zu werben, neue Stücke ausführen zu lauen, um sich eine Weile gütlich zu thnn. Und weil sie kein Her; für ihre Nebenmenschen haben und noch weniger Sinn für ihren Glauben, geht ihnen das Jammern und Klagen der ihres Broterwerbers beraubten Familie nicht zu Herzen. So darf es, so kann es nicht bleiben! In diesen geschätzten Blättern ist schon des Oefteren auf diese unhaltbaren Zn lände hingewiesen worden, auch haben die trefflicheren unter den Gemeindebeamten sich zusammeugethan, um einigermaßen dem Uebel zu steuern, die Not zu lindern; aber die Gleichgiltigkeit der Bernfsgenossen, die teils zu wenig Vertrauen besitzen, daß ihre Lage je sich bessern kann, teils geringschätzend von ihrem hohen Pievestale auf ihre minder gut situirten Genossen herabsehen, lähmt jede Kraft, die zum Wähle der Gt.meindebeamten arbeiten würde. Die in Aussicht gestellte Berufsorganisation der Cantoreu wird jeder mit Freuden begrüßen, dem der Gottesglaube kein leerer Wahn ist und der seine Vertreter achten und schätzen gelernt. Einig und brüderlich müssen sie sich die Hände reichen, um dies gottgefällige Werk frühestens zustande zu bringen. Des Dankes der um das Wohl und Wehe der Bernfsgenossen Bekümmerten und religiös Denkenden könnende im Vorhinein versichert sein. Darum ans, erwachst und schreitet zu Siege! Duna-Földvar. Rabbiner Dr. Samuel Par tos. Äus den Geheimnissen des großen Prozesses. Ein Vortrag Karl Eötvös. Vor einem nach Hunderten zahlenden, zum größten Theile aus Aerzteu bestehenden Publikum hielt im Bndapester Aerztekasino Abgeordneter Karl Eötvös, der ehmalige Vertheidiger in Tißa-Eßlarer Prozeß, am 10. Februar unter obigem Titel einen einftündigen, freien Bortrag, in welchem er die Geschichte des Zustandekommens des Gutachtens der vom Gerichtshöfe delegirten Sachverständigen über das Skelett der Leiche Esther Solymossy's skizzirte. Der geniale Causeur machte bei dieser Gelegenheit geradezu sensationell wirkende Enthüllungen, und die überaus interessanten Details, welche er mit geistreichen und humoristischen Apergus verbrämte, fanden bei dem Auditorium stürmischen Beifall. Zu dem Bortrage, welchen auch zahlreiche Juristen anhörten, hatten sich eingefunden: die Universitäts- Professoren und Docenten Arpad Bokay, Jnlnrs Elischer, Emanuel Herzl, Jonas Baron, Adolf Szily, Max Schächter,