Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 8. Correspondenz dies beweisen sollte. Und vollends die Behauptung Delitzsch's, daß damals, also im zweiten vorchristlichen Jahrtausend, die babylonischen Ur-Sagen von Flut und Schöpfung in Kanaan bekannt und verbreitet und hernach von Israel umgemodelt worden seien, ist völlig aus der Luft gegegriffen, wenn auch Gelehrte wie Zimmer und Jeremias ihr zusiimmen. Es wird nun behauptet, daß jener keilinschriftliche Sintfiutbericht, den wir, wie erwähnt, aus der Tafel-Bibliothek Asurbanipals kennen lernen, unbedingt originell und sicher älter sei, als der biblische. Dies wirb um so sicherer behauptet, als wir jetzt noch einen zweiten Keilschrifttext besitzen, der auf die Sintflut Bezug hat und der, wie gesagt wird, gemäß Unterschrift und Charakter der Schrift bereits aus dem 21ten vorchristlichen Jahrhundert stamme. Letzteres ist höchst zweifelhaft, da es bekannt und ausgemacht ist, daß die gelehrten Tafelschreiber Asurbanipals oft archeiftifche Gelüste hatten und die ihnen wohlbekannten, in uralter Vorzeit gebräuchlichen Schriftzeichen nachahmteu, was auch im gegebenen Falle geschehen sein kam». Die Annahme von dem ehrtvürdigen Alter der babylonischen Berichte jedoch zugegeben, bleibt es vollkomtnen undenkbar, daß die zwölf Stämme Israels, die mit allen möglichen Mitteln und unter Androhung schwerster Strafen vor irgend .einer Nachahmung kanaanitischen Brauches gewarnt werden und Hw'in den Kauaanäern bis in späte geschichtliche Zeit ihre völligen Gegensätze erblickten, gerade so wichtige und für oie religiöse Durchbildung und sittliche Auffassung des Lebens so bedeutsame Elemente, wie die Erzählungen von Schöpfung und Flut, von den babylonisch gebildeten Kanaaniten sollten ausgenommen haben. Dies könnte auch nur dann geschehen sein, »venu bei Israel selbst geschichtliche Erlebniffr der eigenen Vorzeit mit den in Kanaan vernormneneu Erzählungen in Erinnerung waren. Die uralten Erinnerungen der Hebräer weisen aber u n t r ü g l i ch nach Ur-Kasdim (Ur der Chaldäer) und nach Harran in Mesopotamien, der Heimat Abrahams, den tvegzuleugnen heute niemand »nehr ernstlich versucht. Das sind aber die Gebiete, in denen der Flntvorgang bei Babyloniern sowohl als auch in der Bibel localisirt ist. „Eine so gewaltige Katastrophe, sagt Barth trefflich, mußte naturgemäß Erinnerungen bei allen den Völkern lebertdig erhalten, deren Vorfahren einst in jenen Gebieten ansässig gervesen waren." Man vergißt, was man bei philologischen Forschungen so sehr betom, daß es eine Urverwandtschaft der semitischen Völkerkreise gibt. Selbst ins Auge springende und höchst merkwürdige Gleichheiten sind keinerlei Bürgschaft für Enll e h n u ii g. Man ist mit der Behauptung von E n t l e y n u n g e i, rasch, allzurasch bei der Hand. Damit aber sollte gerade die kritische Schule, welche der revolutionistischen Geschichtsanffassnng huldigen zu müssen glaubt, höchst vorsichtig sein. Wenn jemand das Umgekchite annehmen will, daß nämlich die Babylonier ihren Sintflut- (oder Schöpfungs-) Bericht von den Israeliten entlehnt hätten, daun wird stets schlankweg entgegnet, dies sei kulturhistorisch und religionsgeschichtlich Undenkbar. Man räumt aber der israelitischen Ueberlieferuug dieses Recht nicht ein, obzwar es historisch und religiottsgeschrchtlich unmöglich ist, daß Israeliten von Kanaanäern oder Babyloniern Mythen mit u rheidnischem Character und krassem Götzentum auch nur in einzelnen Zügen ausnehmen könnten. Kittel sagt darüber: „Es ist gar nicht wahrscheinlich, daß Israel erst nach der Amaniazeit und erst durch die Vermittlung der Kanaauäer ..... jene Ideen von der Schöpfung und Flut kennen lernte; es kannte sie, eben weil sie im Ostenals uraltes Gut' lebten; es hat die Stoffe aus semer Urheimat mitgebracht." — Ganz anders sehen sich die Dinge an, wenn man die bescheidenen und wissenschaftlich ruhigen Klarlegungen des trefflichen Pfarrers und überaus tüchtigen Affyriologen Alfred Jeremias liest, der von „a l t o r i e n t a l i s ch e r A n s ch a u ü u g" spricht und den Mund nicht — Bit venia verbo — so voll nimmt, wie Delitzsch es getan, der, um mit Budde, dem großen Bibelkritiker zu reden, die Riesenfaust des Panbabylonismus auf das alte Testament legen will und der, wie ich hinzufügen möchte, den Kolossalbau der hebräischen Alterthümer mit dem Schutt, den Trümmern und Scherben des für ewig versunkenen Babel oder Ninive Überwerfen und ersticken möchte. Es ist ganz außer Frage und wird auch von nüchternen und bedachten Forschern wie Hommel, Schräder und Oppert zugegeben, daß U r ü b e r l i e f e r u n g e n in Abrahams Zeit und vordem vorhanden gewesen sind, die wir in den herrlichen ersten Capiteln der Genesis vor uns haben. Von den tiefen religiösen und ethischen Unterschieden, welche die biblischen von den babylonischen Berichten trennen, brauchte für denjenigen, der erstere kennt und letztere jetzt kennen gelernt hat, nicht erst gesprochen zu werden. Es soll aber doch im Zusammenhänge unserer Betrachtung geschehen. (Fortsetzung folgt.) Die jüdische Frau und ihr Einfluß ans das Familienleben. Die gegenwärtig herrschende Bewegung unter dem weiblichen Geschlechte, die sogenannte Aera der Frauenemancipation, an der bekanntlich auch unsere Glaubensgenossinilen regen Antheil nehmen, scheint sich zu einer allgemeinen Zeitsrage anszugestalten. Leider aber zeigt es sich, daß die Heldinnen dieser Bewegung, die Mehrzahl unserer Frauen und Mütter, in ihrer Begeisterung für die moderne Errungenschaft, für Alles mehr Empfindung haben als für das, war ihnen am nächsten liegen sollte, für die Pflege und Förderung des religiösen Geistes in ihrem engeren Familienkreise. In dem Bestreben, sich allmälig über ihre bisherige, ans die Hänslichkeit beschränkte Thäligkeit, über öie Alltagspslichten des Hanfes zu erheben, und gleich dem Manne, mittelst ihres beruflichen Wirkungskreises eine selbstständige Stellung in der Gesellschaft einzunehmen, vergißt so manche jüdische Frau der Gegenwart säst gänzlich ihren eigenthümlichen Standpunkt, daß sie gleichsam die Seele des Hauses ist, die Priesterin ihrer Familie, die dazu berufen ist, ihren Angehörigen durch edle Beispiele und Anregungen ein ideales Vorbild, eine religiös-geistige Stütze ans den wechselreicheil, gefahrvollen Bahnen des Lebens zu sein. Wie bestimmt der Einfluß der jüdischen Frau auf die Lebensanschauung ihres Gatten einzuwirken vermag, das finden wir am deutlichsten in den biblischen Worten ausgedrückr, öie da lauten: Und Gott sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein bleibe, ich will ihm eine Gehilfin, zur Se'te geben ejss lau 686r benegäau, was, analog der Auslegung des Talmud, auch dahin commenlirt werden kann: soobo, hat es der Ehegatte zu einem gottgefälligen Lebenswandel und zu einer menschenwürdigen Stellung im Leben gebracht, sssr, dann ist es vorwiegend dem Einflüße seiner Ehegattin zuzuschreiben, falls diese ihm als geistige Stütze hilfreich zur Seite gestanden; lau 8ocho, ist aber bei dem Manne das Gegentheil der Fall benegäau, so ist häufig das Weib schuld daran, falls deren Anschaunrigen mit den seinigen einen Contrast bildeten und sie ihm bei seinen guten Vorsätzen stets hinderlich im Wege gestanden ist. Aber auch auf dem Gebiete der Erziehung,, als Mutier ihrer Kinder, ist es die Frau, die einflußreich ans das Gemüth und die Charaktereigenschaften der jugendlichen Sprößlinge einzuwirken vermag, und mit Recht stellt der weise Sittenprediger die Behauptung auf, deu kesill tugas immau, daß es zunächst die Mutier ist, der der thörichte, mißrathene Sohn den meisten Kummer und die größten Sorgen verursacht.. L68sau su isvbtau, lautet auch die diesbezügliche Interpretation des Talmud, der Inbegriff der jüdischen Hänslichkeit und des jüdischen Familienlebens ist einzig und allein die Frau, das weibliche Oberhaupt derselben.. Und darum, wenn jemals, so ist es in unserer von . dem modernen und. fortschrittlichen Geist so tief durchdrungenen, und beseelten Zeit umsomehr Sache der jüdischen Frau, die errungene sociale Gleichstellung und Gleichberechtigung in den Dienst ihrer häuslichen und Familienpflichten zu stellen und nicht den Vorwurf aus sich laste