Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 7 (13.2.1903)
- Date
- 1903-02-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7. Die Wahrheit. Sette 5. Jrrthümer^ seiner Quelle aufmerksam machen. Zn Interesse der Wahrheit, welche zu verbreiten, die schönste Ausgabe der „Wahrheit" sein muß, will ich mm eilte gerechtere Schilderung und ein treues Bild über die Juden in Kroatien und Slavonien entwerfen. Staatsrechtlich giebt es ein Kroatien und Slavonien, und nur in nationaler Beziehung ein Kroatien. In der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts wurden hier dreimal Volkszählungen vorgenommen, im Jahre 1869 wurden in Kroatien und Slavonien 9876 jüdische Seelen verzeichnet, deren Zahl im Jahre 1880 ans 16.488 und im Jahre 1890 auf 17.261 stieg. Warum wurden nun in dem erwähnten Artikel die 261 unschuldigen jüdischen Seelen mit der höchsten Strafe, mit der Ausrottung, belegt? Ueberhaupt ist der geehrte Autor sehr grausam vorgegangen. Einige bekannte Gemeinden ließ ergänz verschwinden Was verschuldeten z. B. die Gemeinden Belovar, Karlstadt und Sifsek, daß ihrer in der Statistik meines Verhrten Namensbruders gar nicht gedacht wurde? Ein Theil der Gemeinden erhält von ihm in großherziger Weise einen sehrbedeutenden Zuwachs, während z. B. die Gemeinde in Brod die größere Hälfte ihrer Seelen verliert. Herr N. Schwarz wollte die Zahl der in den von ihm benannten Städten wohnhaften jüdischen Seelen angeben und uotirte sich in den meisten Fällen die Zahl der im ganzen Bezirke wohnhaften Juden, oder der Bezirk wurde mit der Stadt verwechselt, worunter dann die Stadt empfindlich litt. An der Hand des vom statistischen Amte herausgegebenen Büchleins läßt sich die Zahl der zu einer Cultusgemeinde gehörigen Juden überhaupt nicht festsetzen, weil man genau wissen müßte, welche Ortschaftrn die betreffende Gemeinde umfaßt. Oft gehören nicht einmal alle im Bezirke sich befindenden Ortschaften zur Mnttergemeinde, während sich der Umfang mancher Gemeinde ans einige Bezirke erstreckt. Da die Daten jenes Artikels selbst dort nicht verläßlich sind, wo Zahlen sprechen sollten, geben wir im Nachfolgenden an der Hand des auch von uns gebrauchten Büchleins die Ergebnisse der letzten Volkszählung vom Jahre 1900 in ihren Hanptzügen an. Nach dieser wohnten in Agram 6237, in Essek 2070 jüdische Seelen, 500—1000 hatten Warasdin, Semlin (wo sich ein spagnolische und eine deutsch-israelitische Gemeinde befindet). Vukovar und Vinkovce. Zwisch u 300—400 jüdischer Seelen wohnten in den Städten Brod, Kopreinitz, Sissek, Diakovar, Pozsega, und Belovar. 200-^300 Seelen zählte man in Nasic, Ruma, Karlstadt, Kreutz. Virovitica, Daruvar und Slatina. 100—200 wohnten in Pakrac, Mitrovica, Jlok, Valpo, Orahovica und Lndbrieg. In allen anderen Ortschaften des Landes war die Zahl der Inden unter 100. Mit besonderem Nachdrucke muß hervorgehoben werden, daß die quantitative Größe der Gemeinde mit der qualitativen nicht gleichen Schritt hält. Wir haben Gemeinden, die, trotzdem die Zahl ihrer Mitglieder eine ziemlich ansehnliche ist, den Charakter einer bescheidenen Dorfgemeinde haben, während einige Gemeinden mit einer bescheidenen Zahl von Mitgliedern den Anspruch machen können, eine geregelte jüdische Gemeinde genannt zu werden. Es kommt nicht auf die Zahl, sondern auf die Intelligenz, den Wohlstand und die Opferwilligkeit der Mitglieder an. Diesbezüglich kann die Gemeinde Vukovar als Beispiel gelten. Die hiesige Gemeinde ist numerisch auch nicht groß, trotzdem besitzt sie alle Institutionen einer großen und bedeutenden Gemeinde: sie hat einen prachtvollen Tempel mir geregeltem Gottesdienst, eine sehr gute consessionelle Schule, einige Vereine, sie erhält 11 Beamte, und dies alles, weil sich die Mitglieder der Gemeinde durch besondere Opferwilligkei auszeichnen. Mein Herr Namensbruder meint, der Antisemitismus hätte auch bei uns Eingang gefunden. Ich kann ihm und den geehrten Lesern dieser Wochenschrift versichern, daß sich vom Antisemitismus in unserer Stadt keine Spur gezeigt hat. Zu allen patriotischen Festen, welche in unserem Gotteshause gefeiert wurden, kommen sämmtliche Beamte der gemeinsamen, sowie der autonomen und städtischen Behörden und Aemter, wie auch eine große Zahl angesehener Bürger anderer Confessionen. Die Installation unseres hochverehrten Obergespans wurde auch in unserem Tempel gefeiert, eine Auszeichnung, die noch keiner jüdischen Gemeinde zuteil wurde. An dem vergangenen Samstag Abend veranstalteten glänzenden Ball unseres Frauenvereines konnte man alle maßgebenden Kreise der hiesigen Gesellschaft, ohne Unterschied der Confessio» und Nationalität, finden. Selbst vom gesellschaftlichen Antisemitismus zeigt sich, Gottlob, bei uns keine Spur. Ganz entschieden müssen wir im Hinblick auf die Zustände in unserer Gemeinde gegen den von meinem Herrn Namensbruder citirten Ausdruck, „trefe Slavonien", proteftiren, welchen eigentlich auch er für falsch und unhaltbar erklärt. Auch nach dieser Richtung kann ich aus eigener Erfahrung sprechen. Die Verhältnisse in religiöser Beziehung sind in unserer Gemeinde bedeutend besser und günstiger, als in den sogenannten modernen, oder fortschrittlichen Gemeinden Oesterreichs und zum Teil auch Ungarns. Der größere Teil unserer vornehmen Häuser zeichnet sich durch rituelles Hauswesen aus, bei Familienfesten, wie z. B. Hochzeiten, Barmizwah, oder Brißmilah, wurden unsere Lpeisegesetze noch niemals verletzt. Diesen Umstand will ich mit besonderem Nachdruck hervorheben, weil in anderen Gemeinden in dieser Beziehung viel gesündigt wird. Seit meinem siebenjährigen Wirken in der hiesigen Gemeinde hat es sich, Gottlob, noch nie ereignet, daß an einem männlichen Kinde die Milah nicht vollzogen wurde. Alle Kinder wurden nach den Vorschriften und Satzungen unserer heiligen Lehre in den uralten Bund Abrahams ausgenommen. Herr N. Schwarz, der den Religionsunterricht an den Mittelschulen erteilt, muß es aus eigener Erfahrung wissen, daß die jüdischen Schüler, die unsere consessionelle Schule besucht haben, mit genügenden und hinreichenden Kentnissen in der Religion ausgerüstet sind. Wir können mit stolzem Selbstbewußtsein daraus Hinweisen, daß in unserer Gemeinde seit 45 Jahren eine gute confessiouelle Volksschule besteht und mit großen Opfern erhalten wird, welche von allen jüdischen, sogar von nichtjüdischen Kindern besucht wird. Nur diesem glücklichen Umstande verdanken wir es, daß die Kentuiß unserer Religion hier, Gottlob, nicht geschwunden ist. Die Erhaltung und Errichtung von guten confessionellen Volksschulen, oder mindestens von guten Religionsschulen, ist bei uns das dringendste Bedürsniß, die größte Notwendigkeit. Leider bestehen in Kroatien und Slavonien bios 4 consessionelle Volksschulen. In Agram mit 5, in Essek und Vukovar mit je 4 und in Semlin mit 2 Lehrkräften. Volle Anerkennung verdienen die Agramer und Esseker Gemeinde, die mit großen Opfern neue Schulen errichtet haben, damit die Zahl der die Schule besuchenden jüdischen Kinder eine größere werde. Es ist vom confessionellen Standpunkte aufrichtig zu i wünschen, daß ihr schönes Vorhaben von reichem Erfolge gekrönt sei. Herr N. Schwarz richtet einen warmen Appell an die Rabbiner und Vorsteher. Leider kann der schöne und gerechte Mahnruf keinen Widerhall finden, weil der größere Teil, oder