Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 6 (6.2.1903)
- Date
- 1903-02-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 6. Zeelenfängerei. In jüngster Zeit machen wir die traurige Wahrnehmung, daß im Judentume jeder Kitt sich zu lösen beginnt, wo es gilt mannhaft für seinen Glauben einzustehen. Sei es, daß der mangelhafte Religionsunterricht an dem Uebel Schuld trägt, sei es, daß die häusliche Erziehung eine ungenügende ist, genug, das Renegatentum nimmt im Ungarlaude derart überhand, daß es wirklich schon an der Zeit ist. nachzudenken. wie dem reißenden, das traditionelle Judenthum ganz verschlingendem Strome Einhalt geboten werde. Mit dem bisherigen Religionsunterricht und mit dem Corollar desselben, dem Jugendgottesdienste, sind auch die maßgebenden Kreise nicht zufrieden. Trotz des großen Aufwandes von Kosten ist der gewünschte und erhoffte Zweck nicht erreicht. Unsere Kinder haben keinen Sinn für ihren Glauben, noch weniger Standhaftigkeit, um den vielfachen Verlockungen zu widerstehen, denen sie auf Schritt und Tritt begegnen. Jetzt heißt es wieder, zum alten Schrifttume zurückzukehren, von dem man sich meilenweit entfernt hat, und galt es ehedem, die Bürde der religiösen Satzungen allmälig von dem Racken zu nehmen, so will man für die Zukunft den Nacken gefügiger und steifer machen, um eventuell größere Lasten ertragen zu können. Wir sind zwar begierig, zu wissen, wie die Religionskünstler dies zuwege bringen werden. Bis dahin aber weitern sich die Risse im Religionsgebäude, und die Wölfe suchen rudelweise unsere Hürde auf, um die Schäfchen mit Haut und Haaren zu verzehren. Wie weit die Dreistigkeit derer geht, die bereits dem Judentume den Rücken gekehrt, wollen wir an einem Beispiele beleuchten, das deutlich genug spricht und als Warnung gelten mag, um vorsichtiger das Erbe zu wahren, dem wir unseren Bestand zu verdanken haben. Da trat vor einigen Tagen ein verlorener Jude auf, d'er unter dem Pelze: „Paulus pridem Saulus" sich birgt und glaubt,, ein göttliches Werk zu vollbringen, wenn er seine verirrten Brüder, die im Judentume ihr Heil sinden wollen, zu überzeugen sucht, daß es schon an der Zeit wäre, den alten Irrtum einzusehen, daß nur das Christentum die wahre göttliche Heilslehre enthält. Nicht der Katholizismus ist darunter gemeint, denn dieser ist von wildem Gesträuch umgeben, wo jeder Schritt nach vorwärts gehemmt wird, wo Bilderschmuck und Formelwesen das rein Geistige zu Tode drückt, sondern j der protestantische Glaube, der rein auf Vernunftgründen ruht,! sollte den denkenden und gebildeten Juden mehr besagen, als! seine bisherige verächtliche (!) und unverständliche (?) Religion. , Der protestantische Glaube fordert nichts vou seinen Bekennern,! als was mit Herz,. Gefühl, mit dem Verstände erfaßt werden! kann, er stürmt nicht nach Kasteiungen, nach Leibespeinignngen, j er findet keine Beruhigung an dem Murmeln unverständlicher! Gebete, er kennt keine dem Menschenverstände znwiderlaufende I ceremonielle Formeln und dergleichen Dinge mehr, die mit dem Judentume enge Zusammenhängen. Er, der neue Paulus, kann es mit ruhigem Gewissen sagen, daß er genau abgewogen, ob er etwas zu verlieren habe, wenn er seinen alten Glauben mit dem neuen vertauscht, doch da er mit den Satzungen und den Lehren des Christentums ganz vertraut ist, scheut er es nicht, vor der Oeffentlichkeit das Geständnis abzulegen, daß die Erhabenheit der christlichen Lehre beiweitem das jüdische Gesetz übertreffe. Wer die Bergpredigt mit Innigkeit und Herz liest, der muß die Ueberzeugung c^winuen, daß sie Göttliches enthält und anziehend uns Herz und Seele wirkt. Darum sollten die gebildeten Inden — denn die anderen können von der modernen Verftandesrichtung «rcht genug erleuchtet werden — so denkt etwa unser Prophet — darum sollten die fortschrittlich gesinnten Juden, die ohnehin dem Judentume fremd gegenüberstehen, hineilen zur christlichen Quelle, zum protestantischen Glauben, wo das ungetrübte Wasser Labsal und Erquickung dem Glaubensdürstigeu bietet. Wir sind dessen gewiß, daß unser Paulus auch früher schon kein echter Saulus war. Seine angestammte Religion war ihm so fremd, wie noch vor kurzer Zeit das Christentum, zu dessen Lobredner er sich erkühnt. Wäre er mit der unübertroffenen Moral unserer Religion mehr vertrant gewesen, hätte ihn das ethisch jüdische Gefühl geleitet, er würde im Judentume mehr gefunden habcn, als was er im Christemnme suchte. Erleuchtete Geister aller Weltstriche haben bereits oie unwandelbaren Lehren ds Judentums als Muster aller Glaubensbekenntnisse hingestellt, und da ist es, Herr PauluZ, wahrlich schade, mit Lobhudeleien das Christentum zu bekränzen aus Kosten der Retigionsmutter, die weinend ihr Aiulitz verbirgt, bei dem Anblicke ihrer verirrten Schafe. Mit Paulus und seinesgleichen wollen wir nicht rechten, doch umsomehr unseren eigenen Garten warten ans daß die Dornen und Disteln nicht zu sehr in die Halme schießen und ihn verunzieren. Namentlich aber unsere KiNdererziehnng muß eine radicale Umwandlung nehmen, damit der Booen, ans dem wir stehen, nicht zu wanken beginnt. Dnna-Földvar. Rabbiner Dr. Samuel Partos. Leitrag zur Geschichte der Indenverfolgungen und Iudengesehe in Oesterreich-Ungarn. XIV. Kreisschreiöe». Wegen Verboths des Aufenthalts und Handels der Juden auf dem flachen Lande. Nachträglich zu dem. hierortigen Kreisschreiben vom 6. September v. I., Zahl 9455, wird sämmtlichen Dominien dieses Kreises in Folge Regiernngs-Decrets vom 16. v. M. zur Nachachtung die Belehrung hiermit ertheilt, daß den mit ordentlichen Pässen versehenen Israeliten der Ankauf roher Products auf dem flachen Lande nicht versagt werden könne, daß ihnen jedoch ein Tauschhandel jeder Art, da er die Natur des Verkaufhandels an sich hat, nur auf Jahrmärkten, der Hausierhandel aber niemals zugestanden werden könne. Vom k. k. n. ö. Kreisamte V. U. W. W. Traiskirchen den 2ten Mär; 1819. Franz von Saar, k. k. n. ö. Negiernngsrath und Kreishauptmann. In Gemäßheit des hohen Regiernngs-Decrets vom 22. Aprill d. I. wird die von der k. Ungarischen Hofkanzley des k. k. vereinten Hofkanzley mitgetheilke Personsbeschreibnng der aus dem Kerker des Unghvarer Comitats entsprungenen Israeliten, Kain Richtzeit, den Dominien mit dem Anstrage zugemittelt, wegen Erforschung dieses Flüchtigen das Nöthige einzuleiten, denselben, falls er ergriffen würde, an das nächste Kriminalgericht abzugeben, und die Anzeige hierüber hierher zu erstatten. Wien den 3. May 1825. Vom k. k. N. Oe. Kreisamte des V. U. W. W. Johann B a p t. F r e y h e r r von W a l d st ä t t e n, k. k. N. Oe. Regierungsrath und Kreishauptmann. ßircukare von dem N. Oe. Kreisamte V. u. W. W. Bey israelitischen Wehemüttern welche christlichen Frauen Beystand leisten, ist wegen der Nothtaufe eine Christinn beyzuziehen. Aus Veranlassung eines vorgekommenen Falles hat die hohe Hofkanzley mit Verordnung vom 4. Februar d. I. besohlen, daß dort, wo israelitische Wehemütter zur Ausübung ihrer Kunst bey christlichen Frauen verwendet werden, wo die Verpflichtung einer Hebamme die Kinder nothzutaufen eintreten kann, in jedem Falle/ wo israelitische Hebammen vorhanden sind, die Einrichtung, im Falle sie nicht ohnehin schon bestehen sollte, zu treffen sey, daß, wenn eine solche gerufen wird, von den Aeltern des zu taufenden Kindes, deren Pflicht es ist, für