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Die Wahrheit · 1903-02-06 · Heft 6 (6.2.1903) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 6 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6. Die Wahrheit. Seite 5. Aus all den angeführten Gründen scheint es uns nothwendig, die,Vorbildung der Religionslehrerinnen nicht allzuleicht zu nehmen und zur Klärung der Sache veröffentlichen wir im Nachfolgenden die Antwort, die uns ein Schulmann auf die diesbezüglich an ihn gestellte Frage ertheilte: „Muß eine jüdische Religionslehrerin die Thora im Urtext lesen, verstehen und erklären können? Auf diese Frage müffen wir mit einem unbedingten „Ja" antworten und hinzusügen, daß es eine conditio sins qua non ist, die Thora und andere Bücher der heiligen Schrift im Urtexte lesen zu können, wenn man in jüdischer Religion unterrichten will. Die Thora ist und bleibt die Grundlage unseres Religionsunterrichtes, von der aus Lehrer oder Lehrerinnen ausgehen müssen. Schon der Vortrag des ersten Satzes des „Schema11, unseres wichtigsten Glaubenssatzes, hat gründliche Kenntniß des Urtextes zur Voraussetzung. Da verwechselt z. B. das Kind im Worte „echod“ das „Dalet“ mit einem „Resch“. Was kann eine junge Lehrerin, der eine gründliche Kenntniß des Hebräischen abgeht, darauf erwidern? Weiß sie dem Kinde zn sagen, daß statt der reinen Einheit, durch das „Echod“ ausausgedrückt, eine Irrlehre ausgesprochen wird, indem das Kind aus dem „Echod“ ein „Acher“ einen anderen Gott macht? Ein wirkliches Faktum noch zur Illustration. Vor Kurzem kam es vor, daß eine junge Dame beim Lehren des Hebräischen ihren Zöglingen strenge auftrug, das n, nämlich das „Cheth“ nicht mehr wie ch, sondern als H wie das ihm ähnliche 86 auszusprechen. Was daraus wird? Gleich im zweiten Absatz des „Schema“ muß das Kind lesen statt;: „^v'choroh“ es wird entbrennen (der Zorn der Ewigen), w’horo es wird „schwanger werden" u. s. w. und in den „Al-choten" muß das Kind statt „chilul haschem“ lesen „hilul“, es muß die Sünde bereuen (!) wegen Lobpreisung des Allerhöchsten. Dahin muß es kommen, wenn der Lehrerin halbwegs gründliche Kenntnis des Urtextes und der hebräischen Sprache mangelt. Es muß daher als dringendes Postulat hingestellt werden, daß wie vom Religionslehrer auch von der Lehrerin gründliche Kenntnis des Urtextes verlangt werde. Bd dem besonderen Talente zum Erlernen fremder Sprachen, der dem intelligenten Theile des weiblichen Geschlechtes innewohnt, wird auch unsere altehrwürdige heilige Sprache mit Leichtigkeit von den Aspirantinnen zum Religionslehramte erlernt werden. Vor Allem aber darf es nicht an echt jüdischem Herzen und an einem religiösen Gemüte fehlen." M. A. Das Reservoir der armen jüd. Bevölkerung Wiens. Der zwanzigste Wiener Bezirk beherbergt die breite Maße des Wiener jüdischen Proletariats. Ist die innere Stadt die Domäne der Burgeois, des warhaften und scheinbaren Wolstandes, so bildet im vollsten Gegensätze die Brigittenau die Wohnstätte der Armut. Wer aus dem Automobil in der inneren Stadt geschleudert wird — um ein Bild aus Bellamys „Rückblick" in modificirter Form zu gebrauchen — der sucht den nächsten Weg, um mit den Häuptern seiner Lieben in die Brigittenau zu gelangen. Die vor einigen Jahren bestandene Wohnungsnoth in Wien ist gottlob behoben und nicht etwa dadurch, daß so viel neue Häuser gebaut worden wären, sondern lediglich durch das richtige Erkennen der Hausherren der Brigittenau, daß die Zahl der vorhandenen kleinen Wohnungen weit hinter der Nachfrage zurückbleibt. Leerstehende große Wohnräume sind in kleine umgewandelt worden, die P; T. Hausbesorger der Brigittenau stellen auch nur in den seltensten Fällen an die Miether die sonst übliche Frage: Haben Sie Kinder? und eine Logis aus Zimmer und Küche für eine Familie aus 6, 8, oft 10 Personen ist bald gefunden. Der Wohnungsmifere wurde in der einfachsten Weise gesteuert; hingegen aber den gefährlichsten Feinden der bürgerlichen Gesellschaft: der Tuberculose, dem Scharlach und der Dyphtheritis sind Tür und Tor geöffnet worden. Dieser XX. Wiener Bezirk ist eine Brutstätte, ein ständiger Herd der Dyphtherie und der Tuberculose. Ueber diese Erscheinung im Wiener Volksleben, das heißt des Bolkselends, welche eine eminente Gefahr für die gesammte Bevölkerung involvirt, wird von maßgebender Seite nur sehr selten, nur sehr wenig gesprochen. Die Tagespreffe, der es in erster Linie obliegen sollte, das Augenmerk der Oeffentlichkeit auf diese tristen Zustände zn richten, hat weit wichtigere Dinge zn tun. Ist es doch beispielsweise die sächsische Hofaffaire, welche die Oeffentlichkeit seit Wochen in Atem hält, und die breitzutreten als eine Notwendigkeit für das allgemeine Wol gilt. Dann kommt die Politik, die Zwischenrufe im Parlament, die Tagung der Zuckerbarone im Budgetsaal des Abgeordnetenhauses und die Vertreibung der Schacherer um ein wichtiges Volksernährungsmittel aus dem Tempel durch den mutigen Gladiator Abg. Walz. Das interessirt die P. T. Leser, das packt. Wer wird sich denn mit der Not und dem Elend des Volkes befassen und auf Abhilfe sinnen? Die Not läßt man beiseite liegen, man schreitet an ihr vorsichtig mit einem Achselzucken und einem Seufzer vorüber; ja, nur dem vollen pulsirenden Leben gehört die Welt! Zn dieser kurzen aber vielsagenden und traurigen Betrachtung ist Schreiber dieser Zeilen durch den in den jüdischen Blättern der Vorwoche erschienenen Bericht über die Generalversammlung des Brigittenaner jüdischen Unterftütznngsvereines angeregt worden. In diesem Vereine wirken Männer, die ein warmfühlendes Her; für ihre armen Glaubensgenossen besitzen und sich auch weitreichende Ziele gesteckt haben, jedoch Mangels zulänglicher Mittel dieselben zu realisiren. derzeit außer Stande sind. Im abgelanfenen Jahre hat der Verein an Unterstützungen K. 1500 vereinnahmt. Mit solch' geringer Summe kann wol nicht viel geschaffen werden! Gelegentlich des Erscheinens meines Artikels: „Die Unsitte der öffentlichen Kinderbekleidung" sagte mir ein Vorstandsmitglied dieses Vereines, Herr Dr. Kohn, ungefähr folgendes: „Was wollen Sie, wir können doch nicht zusehen, wenn die Kinder in so mangelhafter Bekleidung zur Schule gehen? Unsere Frauen gehen tagelang unter den armen Familien herum, Stock auf, Stock ab, die Not ist sehr groß und man hilft, soweit man kann". Derselbe Herr Dr. Kohn sprach in der Generalversammlung des Vereines von der Notwendigkeit einer israelitischen Volksküche in der Brigittenau und anderer Wolfahrtseinrichtungen. All' das bleibt jedoch vorläufig nur ein frommer Wunsch. Mit der vielgepriesenen jüdischen Solidarität und der Woltätigkeit ist es bei weitem nicht zo bestellt, als man vermeint. Eine gelegentliche Spende seitens der wenigen, tatsächlich reichen Juden an die Eultusgemeinde genügt nicht, um den allgemein desolaten Verhältnissen eine Wendung zum Bessern zu geben, da muß weit mehr geschehen. „Man kann doch nicht den Reichtum mit in die Ewigkeit nehmen, nur die menschenfreundlichen Taten bleiben unser Erbe hier und dort". Will man vollends ein klares Bild über die in der Brigittenau herrschende Armut gewinnen, so blicke man auf die gewiß löbliche Institution der in diesem Bezirke errichteten- Toynbeehalle. Ein beträchtlicher Teil der Besucher kommt hauptsächlich des warmen Glases Thee wegen dahin, vielleicht auch, um wenigstens für eine Weile aus der armseligen eigenen Behausung in eine andere Sphäre zu gelangen. Wie viele befähigte Leute finden keine Anstellung, weil sie ein zu prononcirt jüdisches Gesicht haben, ihre Aussprache an ihre verpönte galizische Abstammung gemahnt, oder weil sie zu große Familie besitzen. Ja. so stehen die Dinge, so sieht es mit der jüdischen Solidarität aus; aber so kann und darf es eben nicht bleiben. N. Chameides.

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