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Die Wahrheit · 1903-02-06 · Heft 6 (6.2.1903) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 6 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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rveite 4 Die Wahrheit. Nr. 6. Die segensreiche Befruchtung, welche die orientalische Wissenschaft in allen ihren Gebieten und auf allen Punkten durch die K e i l s ch r i s t k u n d e erfahren hat und täglich erfährt, ist so anerkannt, so hoch geschätzt und gewürdigt, das; es der Ucbertreibungen und revolutionären Umstürze nicht erst bedarf, um deren gewaltige Bedeutung klarzulegen. Die Vorstellungen von der Entstehung und Entwickelung der v o r d e ra si a tischen Sta a t e us y st em e sind vollkommen umgeäudert, die Werte sozusagen um gewertet worden. Der Einfluß Babylons auf die Gesammtcultur der Menschheit ist zum Theil bis zur Evidenz nachgewieseu worden. Damit ist aber noch nicht und niemandem das Recht eingeräumt, allenthalben und überall Babylon und nichts als Babylon zu wittern. Der geschickt, aber auch etwas theatralisch „Bibel und Babel" angekündigte Vortrag Delitzjch^s hat die Sache auf die Spitze getrieben. Die beiden Worte klangen wie Fanfarenstöße durch die Tagesblätter' und man liest die Bulletins unv Flugschriften mit Sympathien und Antipathien, als wenn es sich um Buren und Engländer handelte. Das ist aber denn doch sowohl der Bibel als auch — si licet parva componere magnis — Babels unwürdig. Ich will nun versuchen, Wahres von Falschem säuberlich zu scheiden und den gesunden Kern ans der Schale zu lösen, um den jüdischen Lesern zu zeigen, wie ivenig ihr heiligstes Gut, die Bibel, von Babel zu fürchten habe, in dessen Exil man die Thora wohl nicht zum zweitenmale wird führen wollen. (Fortsetzung folgt.) Zum Thema Bibel und Label. In der Einleitung zu Sellin's „Randglossen" hat die löbliche Redaction der „Wahrheit" kräftige Worte des Bedauerns gesunden, daß namentlich die jüdischen Gelehrten in Wien auf die Ausführungen Friedrich Delitzschs nicht reagiren. Aber zu ihrer Entschuldigung sei folgendes bemerkt: Auf den letzten Vortrag kann man noch nicht antworten, da er noch nicht im Wortlaute vorliegt. Was über ihn in den Zeitungen berichtet wurde, scheint sehr ungenau zu sein, denn was Delitzsch über den Monotheismus bei den Inden gesagt haben soll, klingr so ungeheuerlich, daß man es dem Sohne eines Franz Delitzsch kaum zumuten darf: den Glauben' seines Vaters kann der Sohn verloren haben, aber die Ehrlichkeit nicht. Man muß also das Erscheinen des letzten Vortrages abwarten, dann werden sich hoffentlich berufene Federn genug finden, um die angegriffene Ehre des Judenthums zu verteidigen. Was aber den ersten Vortrag betrifft, auf den allein ja Sellin Bezug nimmt, so hat bereits ein jüdischer Gelehrter, dessen Stimme in der wissenschaftlichen Welt sehr viel gilt, Profeffor I. Barth, Doccnt am Hildesheimer'schen Seminar in Berlin, eine ausführliche, energische Erwiderung erscheinen lassen in der Broschüre „Babel und israelitisches R e l i g i o n s w e s e n", über die ich in der „Wahrheit" Nr. 30 ausführlich berichtet habe. Diese Arbeit Barth's sei nochmals aufs wärmste in Erinnerung gebracht. Dr. Kahan, Znaim. Unsere einleitenden Bemerkungen zu dem Sellin'schen Artikel in voriger Nummer unseres Blattes scheinen von dem geschätzten Autor nicht ganz richtig aufgefaßt worden zu sein. Es war uns keineswegs unbekannt, daß auch jüdische Gelehrte gegen den ersten Vortrag Delitzsch's mit Erfolg Stellung genommen haben, sondern wir haben nur unser Bedauern darüber ausgesprochen, daß die nach dem zweiten Vortrage bisher in den jüdischen Blättern laut gewordenen jüdischen Stimmen das Thema nicht von der wissenschaftlichen Seite behandelten. Weiters haben wir nicht gegen die jüdischen Gelehrten in Wien Leshalb einen Vorwurf -erhoben, weil sie bisher noch nicht auf den Delitzsch'schen Vortrag reagirten, sondern dieselben nur aufgefordert, bei dieser Gelegenheit zu zeigen, daß Bibelforschung und Bibelkritik auch für jüdische Gelehrte nicht unbekannte Gebiete sind. Die Redaction. Die Kenntniß der Thora im Urtext und die israelitische Neligionrlelirerin. In der letzten öffentlichen Plenarsitzung des Wiener Cnltusvorstandes entschied sich die Majorität des Vorstandes für den Antrag der Schulcommission, beim Religionsunterrichte in den unteren Klassen der Mädchen-Volksschule weibliche Lehrkräfte zu verwenden, und gleichzeitig wurde der Beschluß gefaßt, bei der Prüfung der Candidatlnnen für den Religionsunterricht gewisse Erleichterungen zu gestatten, vornehmlich aber die Prüfung der Bibel im Urtexte wegzulassen. Der Antrag der Schulcommission hat manches Bestechende für sich und es mag ja sein, daß eine Lehrerin den kleinen Mädchen besser als > ein Lehrer zu Herz und Gemüt sprechen kann, die beim Religionsunterrichte zunächst für die ertheilten Lehren empfänglich gemacht werden sollen. Immerhin werden auch nach dieser Richtung erst Erfahrungen gesammelt werden müssen, um zu eitlem abschließenden Urtheil gelangen zu können. Aber vor einem müssen wir schon heute unbedingt warnen, daß nämlich nicht das Moment der socialen Fürsorge für gewisse Kreise bei der Wahl der richtigen Personen und Mittel für den Religionsunterricht maßgebend sein dürfe. Schon einmal, als es galt, die von der Wiener Commune zurückgesetzten jüdischen Lehrer durch Verwendung als Religionslehrer materiell zu fördern, wurden durch Heranziehung un genügend vorbereiteter und ansgebildeter Lehrkräfte arge Mißgriffe gemacht, und es wäre für den gegenwärtigen, von vielen Seiten ohnehin nicht allzuhoch bewerteten Religionsunterricht überaus gefährlich, wenn bei der Auswahl der Lehrerinnen-Materiales ähnliche Fehler gemacht würden, die freilich im Hinblick auf die geplanten Prüfungserleichterungen schwer zu vermeiden sind. Im Uebrigen, in demselben Maße als man auf der einen Seite die Lehrerinnen fördert, setzt man auf behänderen Seite die Religionslehrer in materiellen Nachtheil, und' diese letzteren sind im Allgemeinen auch nicht allzusehr ans Rosen gebettet. Allein nicht von diesem Standpunkte aus wollen wir die angeregte Frage besprechen, sondern vom rein pädagogischen. Und da scheint uns, selbst wenn wir den Antrag auf Verwendung weiblicher Lehrkräfte bei Mädchen im Principe vollkommen acceptiren, der Zusatzantrag auf Hinweglassung der Prüfung ans der Bibel im Urtexte bei der Reifeprüfung der Candidatinnen für das Religionslehrerinnen-Amt höchst bedenklich. Das schwächste der bei der diesbezüglichen Debatte im Cultusvorstande herangezogenen fürsprechenden Momente war wol jenes, daß in den unteren Elasten die Bibel im Urtexte nicht gelehrt wird. Wie hinfällig dasselbe ist, zeigt der einfache Hinweis auf ähnliche Verhältnisse beim allgemeinen Unterrichte. Es ist in den meisten Volksschulen üblich, daß in der ersten Klasse, wo die Angewöhnung an die Schule, die Erziehung zum Schüler, respektive zur Schülerin, und auch der Unterricht selbst ein besonderes Ausmaß pädagogischer Geschicklichkeit von den betreffenden Lehrern erfordern, immer dieselben Lehrkräfte verwendet werden. Ist es aber jemals einem praktischen Schulmanne eingefallen, von den Lehrern oder Lehrerinnen der unteren Klassen geringere fachliche Kenntnisse in den einzelnen Lehrgegenständen zu fordern, weil die Ausbildung der Schüler sich auf niedriger Stufe bewegt, oder etwa, um ein Beispiel zu nehmen, zu sagen, ein Volksschullehrer brauche uicht Wurzelziehen zu können, weil man diese Rechnungsoperation erst in der Bürger- oder Mittelschule lehrt? Gewiß nicht! Beim allgemeinen Unterrichte würden die Fürsprecher des Erleichterungsantrages derartige Ansichten unbedingt verurtheilen, und beim Religionsunterrichte sollen sie zur Geltung gelangen? Wo steckt da die Logik?

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