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Die Wahrheit · 1903-02-06 · Heft 6 (6.2.1903) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 6 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nedaction liub Adiiiinistrallo l: Wien, IT/|. Novciragasse 27. K. k. österr. Postkvarcasia Check-Como Nr. 848.251'' Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonneinents» und JnserationSbetrcige sind in Wien zahlbar und klagbar. Unabhängige Heiifchrist für jüöifche Iniere^en. Erscheint jeden Hreitng. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Berugsprris:; Ganzjährig . . . . & 12.— Halbjährig ...... 6 — > Für Cultusbeamte: Ganzjährig.... K. 11).— j Für Ausland: Ganzjährig . . . 8 Mark.! 8 Rubel o>er 18 Fc« Ar. 6. Wien, 6. Februar 1903. Inttaltr Der Streit um Babel und Bibel. — Zum Thema Babel und Bibel. — Die Kenntniß der Thora im Urtext und die jüdische Religionslehrerin. — Das Reservoir der armen jüd. Bevölkerung Wiens — Seelenfängerei. — Beitrag zur Geschichte der Judenverfolgungen und Judengesetze in Oesterreich-Ungarn. — Die Barcheskönigin. — Litteratur. — Verschiedene Nachrichten. — Wodurch kann die Lage der jüdischen Cultusbeamten gebessert werden? — Zur Berufsorganisation Der Streit um Labet und Mel. Von Dr. D. F e u ch t w a n g. I. Ein ruhiges, aufkläreudes Wort scheint in dem Streite, der leider bald in Gezanke auszuarten droht, nicht unangebracht. Der ausgezeichnete Gelehrte und Assyriologe Friedrich Delitzsch hat wohl, als er seinen Vortrag „Babel und Bibel" hielt, nicht geahnt, daß er damit Gelehrte und Laien aller Confessionen und Nationen zu den Waffen rufen werde. Wol war es den Fachgenosseu dieses Berliner Professors noch aus feiner Leipziger Zeit bekannt, daß er ein wenig Romantiker und Phantast sei. Die nüchterne Schule Eberhard Schrader's lag stets in Fehde mit der temperamentvollen Delitzsch's. In Berlin liebte man aus dem Gebiete der Assyriologie die Wahrheit, in Leipzig die D i ch t u n g, womit natürlich nicht gesagt sein soll, daß die Leipziger Unwahres als Wissenschaft auszugeben bestrebt gewesen wären. Wer aber je auf dem steinigen Gebiete der Keilschriftforschnng tätig gewesen ist Und sich nicht damit begnügt hat, die beguemen Transscriptionen und Uebersetzungeu zur Grundlage seiner Studien zu machen, sondern die Keilschriftoriginale, der wird begreifen, daß die Verlockung zu kühner Combination und Conjunctur gar groß und manchmal unwiderstehlich ist. Die Berührungspunkte des hebräischen und assyrisch-babylonischen Altertums sind so zahlreich und deutlich, daß der Forscher ihnen nicht nur nicht aus dem Wege gehen kann, sondern ihnen direct sozusagen in die Arme laufen muß. Man verfällt allzuleicht und unwillkürlich in Abenteuerlichkeiten. Das beweist der geistreiche, überaus fruchtbare und grundgelehrte Assyriologe Hugo Winckler, den ich noch als kalten, nüchternen, ja fast trockenen Forscher im Gedächtnis habe und der jetzt in vielen seiner immer bedeutenden Arbeiten zum Fanatiker seiner Spezial-Wissenschaft geworden ist. Leistet doch er, der sonst grimmige Gegner Delitzsch's, ihm im jetzigen Feldzuge Heeresfolge. Doch es ist nun Zeit, bald zur Sache zu kommen. Professor Sellin hat, meinem Gefühle nach, das richtige Wort und im richtigen Ton gesprochen. Es wird ihm nicht leicht gefallen sein, Delitzsch den schweren Vorwurf von „Sensations-Wissenschaft" zu machen. Dies aber ist die einzig richtige Bezeichnung für das, was in dem unberechtigtes Aussehen erregenden Borträgen Delitzsch's den großen Publikum geboten wird, ohne daß dieses, wie leicht begreiflich, in der Lage wäre, sich genügende Aufklärung verschaffen und dadurch oen richtigen Maßstab kühler Kritik gewinnen zu können. Es ist schlechterdings unbegreiflich, wieso dieser Vortrag .Bibel uno Babel" so viel Staub auswirbeln konnte, Unbegreiflich deshalb, weil das, was er bietet, zum großen Teil nicht neu, und wenn neu, nicht oder nur teilweise wahr ist. Es ist schwer, in einem ganz anderen Zwecken dienenden Blatte das lesende Publikum über die einschlägigen Fragen, ohne zu ermüden, aufzuklären. Ich kann auch nicht einsehen, w'shalb den von Delitzsch herangezogenen großen Retigionsiystemeu, dem Judentum und Christentum, die Pflicht erwachsen sollte, sich gegenüber den überaus kurzatmigen und gewiß auch kurzlebigen Auslassungen in einem, wenn auch mit sehr viel Ztaffage und blendender Scenerie ausgestatteten Vorträge zu vertheidigen Dazu ist denn doch die Religion Israels zu ehrwürdig und groß. Und nicht einen Federstrich sollte man thun, um das israelitische Religionswesen in tausendjährige Rechte erst wieder eiuzusetzen, die von niemandem, als nur von Delitzsch angezweifelt werden. Oder nicht? Ich glaube, daß er selber es nicht ganz ernst meine; ich muß es, wofern ich nicht an der wissenschaftlichen Ehrlichkeit Delitzsch's zu zweifeln beginnen müßte. Wie aber ließe sich dieser Mangel an Ernst bei einem gediegenen und anerkannten Forscher erklären? Aus Begeisterung. Wieder hat Sellin den Nagel auf den Kopf getroffen, indem er von „Pan-Babylonismus" sprach. Es kann dem aufmerksamen Beobachter des letzten Jahrzehnts nicht entgangen sein, oaß auf dem Gebiete der orientalischen Wissenschaft und der Semitologie die assyrisch-babylonische Forschung gewaltig in den Vordergrund getreten ist. Dies geschah, wie dies so Art der echten Wissenschaft ist, zunächst geräuschlos und stille. Selbst große Entdeckungen wurden nur wenig bekannt. Die Auffindung einer Jnschriftensammlung ist nicht die Entdeckung eines Baccillus. Diese der Forschung so gut stehende uno angemessene Zurückgezogenheit, welche selbst von den kühnen Führern wissenschädlicher Expeditionen nach dem Orient fast immer gewahrt wurde, hat den Resultaten, und den Gelehrten weit mehr genützt, als die etwas reclamesüchtige Art, mit welcher „Jung- Babylon", womit ich die öffentliche Vertretung der modernsten Assyriologen - Schule bezeichnen möchte, auf den Plan tra und tritt. II;>

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