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Die Wahrheit · 1903-01-30 · Heft 5 (30.1.1903) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 5 (30.1.1903)
Date
1903-01-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. . Die Wahrheit. Seite 7. verschiedenen Quellen argnmentirt, der ist wol gerade hundert Jahre zu spät anfgetretien. Es gab eine Zeit, da die Theologie aller Consessiouen in der ganzen Bibel eine unmittelbare und unfehlbare göttliche Offenbarung sehen zu müssen glaubte, und dieser gegenüber waren derartige Argumente am Platze. Aber seitdem es eine wissenschaftliche Theologie gibt, welche die zeitliche, menschliche Schale von dem ewigen, göttlichen Kern zu scheiden weiß, haben solche Argumentationen ihren Werth verloren. Und wenn Delitzsch, plötzlich sogar zum Dogmatiker werdend, auf die Offenbarung in seinem Herzen verwiesen hat, die eine geschriebene unnöthig mache, so hat er wol nur in dem Augenblicke vergessen, woher ihm jene stammt. Wir stehen am Schlüsse. Die großen Verdienste Delitzsch's, den ich als meinen Lehrer hoch verehre, sollen gewiß nicht verkleinert werden, er ist und bleibt auf seinem Gebiete eine der hervorragendsten Koryphäen. Und auch diesen seinen Vorträgen muß nicht nur der Bekennermut nachgerühmt werden, sondern auch das Verdienst, die geistigen Schläfer einmal gründlich aus dem Schlafe geweckt zu haben. Ebensowenig kann ein vernünftiger Mensch die großen culturellen und auch religiösen Beeinflussungen, die Israel durch Babylon erfahren hat, leugnen. Aber das innerste Geheimniß der Religion dieses Volkes erklärt der Versuch von Delitzsch ebensowenig wie die früheren, jetzt schon fast vergessenen Versuche, den Monotheismus auf die Reform Chuenatens in Egypten zurückzuführen und Anderes. Schließlich läßt vielmehr jeder derartige Vergleich und Versuch immer erst recht die Religion der Bibel in ihrer einzigartigen Stellung erscheinen. Was ist die ganze religiöse Literatur Babylons gegen ein einziges Buch eines Propheten wie Jesaja! Der felsenfeste Glaube an den einen heiligen und gnädigen Gott der Himmels und der Erde, der sich zu dem Menschen herabgelassen hat, welcher uns hier auf jeder Seite entgegentrktt, Babylon hat ihn wol gesucht, aber trotz seiner unendlich weit überlegenen Cultur nicht gefunden. Es wäre traurig um die biblische Religion bestellt, wenn sie derartige Kritiken und wissenschaftliche Versuche ihrer Herleitung nicht vertragen könnte. Aber eine größere Vorsicht, Gründlichkeit und methodische Besonnenheit in der Ausstellung solcher Hypothesen, welche tief in Vorstellungen hineingreisen, die Millionen von Menschen heilig sind, wäre allerdings künftighin dringend wünschenswerth. Widrigenfalls würde sich die so hochbedeutsame Assyriologie von neuem dem Vorwurf aussetzen, der gegen sie schon einmal vor dreißig Jahren erhoben wurde — damals allerdings vom entgegengesetzten Standpunkte aus — daß sie nämlich zu einer Sensations-Wissenschaft ausarte, die nicht immer und überall ernst zu nehmen sei. Der Lord-Mayor oon London an den Präsidenten de« „Allgem. Oesierr.-Israetitischen Lundes". Wir haben kürzlich die Adresse mitgeteilt, welche der „Allgem. Oesterr.-Jsraelitische Bund" an den Lord-Mayor von London, Sir Marcus Samuel, gerichtet hat, und sind heute in der Lage, in wortgetreuer Uebersetzung auch das interessante Schreiben zu veröffentlichen, mit welchem der Lord-Mayor seinerzeit sofort die erwähnte Kundgebung beantwortete. Das an den Präsidenten des „Allgem. Oesterr.-Jsraelitischen Bundes", Herrn Dr. Alfred Stern, gerichtete Schreiben lautet: „The Mansion House London E. C. 16. Dezember 1902. Geehrte Herren! Ich habe Ihre Zuschrift (Adresse) am 15. d. M. erhalten und aus derselben mit größter Freude und aufrichtiger Genugthuung entnommen, daß mein Eintreten für unsere Glaubensgenossen in Rumänien die Zustimmung und Anerkennung der österreichischen Juden gefunden hat, welche so viel besser als ich in der Lage sind, das System der Verfolgungen, unter welchem dieses unglückliche Volk dermalen zu leiden hat, zu erkennen. Ich werde dafür Sorge tragen, daß Ihre bedeutsame und wolwollende Kundgebung unter den Juden dieses Landes Verbreitung finde. Dieselben mögen daraus ersehen, mit welchen Gefühlen der Sympathie und des Mitleides Sie die traurige Lage Jener verfolgen, in deren Interesse ich aufgetreten bin, Gefühle, die wir ganz und voll mit Ihnen teilen. Ihr freundlichst ergebener Marcus Samuel, Lord-Mayor." Label Md Libel. Von Dr. Julius Weißburg.*) (Schluss.) Nach Delitzsch wäre die ganze althebräische Gesetzgebung von Babylon beeinflußt. „Als die zwölf Stämme Israels in Kanaan einfielen — heißt es bei ihm —, kamen sie hiernach in ein Land, welches vollständig eine Domäne der babylonischen Cultur war. So begreift sich mit einem Schlage, warum z. B. das alttestamentliche Münz-Maß- und Gewichtssystem, die äußere Form der Gesetze: „Wen Einer das und das thut, so soll er das und das —" ganz die babylonische ist." (?. 28.) Ebenso wäre das Opferwesen und das Priesterthnm von dem babylonischen beeinfiußt, auch der Sabbath wäre babylonischen Ursprunges, denn auch die Babylonier sollen den 7., 14., 21., 28. Tag eines Monats als Feiertag gehalten haben. Die babylonische Kosmogonie soll ferner das Muster für die biblische abgegeben haben, wie das Gilgamesch-Epos ein Pendant zur biblischen Sintfluth-Erzählung bilden soll. Ja, als Todesstoß will er den Israeliten auch das Verdienst der Schöpfung des Monotheismus rauben, weil sich als Analogie des jüdischen Tetragrammaton die Inschrift Ja-ha-ve ilu vorfinden soll. Je ärger aber die Bibel und die Israeliten bei diesen Ausführungen wegkommen, umso besser ergeht es den Babyloniern. In einigen kühnen Sätzen, die Delitzsch aber mit Quellen zu belegen vergißt, wird da kühn behauptet: „trotzdem daß freie, erleuchtete Geister offen lehrten, daß Nergal und Nebo, Mondgott und Sonnengott, der Donnergott Ramman und alle anderen Göttern eins seien in Marduk, dem Gott des Lichtes, blieb Polytheismus, krasser Polytheismus drei Jahrtausende hindurch die babylonische Staatsreligion." Es läßt sich nun nicht leugnen, daß diese Behauptung gar schön klingt, allein abgesehen davon, daß sie durchaus nicht erhärtet ist, bleibt auch dabei noch so viel Polytsheismus, daß dem Gotte der Bibel, der neben sich gar keine wie immer benamsten Götter, duldet, wahrhaftig ein großes Unrecht zugefügt wird, wenn er mit Marduk verglichen werden soll. Ueberdies könnte man bei dieser Methode auch die Griechen als Monotheisten hinstellen, sind doch die olympischen Unsterblichen auch eins in Zeus. Die Vorlesung Delitzsch's, die kurz nachdem sie gehalten wurde, mit Abbildungen reich ausgestattet, im Buchhandel erschien, erregte in Laienkreisen ihres Materials, bei Fachgelehrten und Theologen aber ihrer Folgerungen wegen bedeutendes Aufsehen. Es meldeten sich auch bald «stimmen, die des Vorlesers Festesfreude stark trübten. Gelehrte wie Jensen, Knischke, Budde, Kornill und Andere meldeten sich zum Wort und insbesondere Eduard König, Professor an der Universität zu Bonn, nimmt den Handschuh, den Delitzsch der alten Wissenschaft zugeworfen, in seiner Schrift: „Bibel und Babel" muthig auf. König konstatirt vor Allem, daß „in der babylonisch, assyrischen Keilschrift-Literatur nicht Alles unzweifelhaft authentisch, unversehrt und sicher deutbar ist", daß ferner „die assyrischbabylonischen Schriften nicht selten an Verschiedenheit der Lesarten leiden". Ein Theil der 'Inschriften selbst lsind nämlich schon Kopien nachdem zum Theil mit anderer Schrift geschriebenen Originale. Sodann sind in diesen .Schriften mindestens 300 Zeichengruppen verwendet, wobei noch einzelne Zeichen an ver, *) S. letzte Nummer unseres Blattes. (D. R?d )

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