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Die Wahrheit · 1903-01-30 · Heft 5 (30.1.1903) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 5 (30.1.1903)
Date
1903-01-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 5. um 2500 v. Chr. in Babylonien eingewanderten kananäischen Stämme bereits viele mit „Gott", das ist ei, ilu, zusammengesetzte Eigennamen besitzen. Die Grundbedeutung dieses Wortes war nach ihm in Anschluß an de Lagarde „das Ziel". „Da dies Ziel des menschlichen Herzens, naturgemäß nur eins sein kann, so haben wir also bei jenen Stämmen bereits monotheistische Eigennamen." Diese Argumentation ist nicht mir fehlerhaft, sie ist geradezu naiv. Daß ei ursprünglich das Ziel bedeute, glaubt außer Delitzsch eigentlich kein Mensch mehr; der Sinn des Wortes ist Macht oder Stärke. Doch übertroffen wird diese falsche Etymologie noch durch die religionsphilosophische Schlußfolgerung, daß das Ziel des menschlichen Herzens naturgemäß nur eins sein könnte. Das ist ja ganz neu, und, wenn wirklich richtig, so wären überhaupt alle Semiten Monotheisten gewesen, denn diese Gottesbezeichnung findet man bei Sabäern und Phöniziern so gut wie bei Israeliten und Babyloniern. Tatsächlich aber bekennt sich, was Delitzsch freilich nicht sagt, gerade die Familie Hammurabis. der jener Monotheismus vindicirt wird, in ihren Eigennamen ausdrücklich zum Polytheismus. Doch Delitzsch hatte einen ganz neuen zweiten Pfeil auf der Sehne. Auf drei kleinen Tontafeln glaubte er sogar für jene Zeit den israelitischen Gottesnamen Jahwe in Babylon Nachweisen zu können, indem er hier zwei Eigennamen las: Ja-ah-ve-ilu und Ja-hn-um-ilu, das ist: Jahwe ist Gott. Daß diese Lesung richtig sei, ist sofort von berufener Seite bestritten und dargethan worden, daß mindestens geradeso möglich Lesungen wie Ja-a-pi-ilu, Ja-a-mi-ilu u. s. w. seien, womit Jahwe hier verschwände, und daß, auch wenn man mit Delitzsch lese, die Erklärung: Gott ist wirksam u. dgl. ebenso berechtigt sei. Ja, auf dem Orientalisten-Congreß in Hamburg wurde die Lesung und Deutung Delitzsch's als die allerunwahrscheinlichste hingestellt. Aber geben wir wirklich einmal zu, daß der Name den Babyloniern schon bekannt gewesen sei. Nehmen nicht auch .Forscher schon seit 20 Jahren an, Mose habe den Namen nicht erst neu verkündigt, sondern von den Midianiten entlehnt? Schießlich bewei-st der Name an sich noch gar nichts, es kommt vielmehr Alles auf die Gedanken an, die man mit ihm verband. In Babylon wäre nun dieser Gott Jahwe einer unter vielen gewesen, ohne jede besondere Bedeutung, etwa ein Sturm¬ oder Wettergott, wie vielleicht der kanauäische Jahn. Delitzsch freilich ist auch hier mit einer ganz besonderen Schlußfolgerung schnell bei der Hand. „Also Jahwe, der Seiende, der Beständige, der nicht wie wir Menschen schon morgen ein Gestern ist, sondern über dem in ewiger Gesetzmäßigkeit prangenden Sternenzelt lebt und wirkt von Ewigkeit zu Ewigkeit, dieser Jahwe, ein uraltes Erbtheil der kananäischen Stämme." Man fragt sich verwundert, aus welcher Quelle Delitzsch die Kenntnis des soeben frisch entdeckten babylonischen Gottes schöpft und die Antwort lautet: einzig und allein aus der Bibel. Mit solcher Methode läßt sich allerdings Alles beweisen. Wir kommen zum letzten Argumente. Nach Delitzsch lehrten in Babylon freie erleuchtete Geister offen, daß Nergal und Nebo, Mondgott und Sonnengott, der Gott Namman und andere Eins seien in Marduck, dem Gotte des Lichtes. Bis jetzt wußte man nur, zum ersten, daß die Babylonier in ihrem bunten und weit ausgedehnten Pantheon einen Hanptgott als Herrscher kannten, wie auch die.Griechen und Römer in dem ihren, Marduck, den Sonnengott, den Stadtgott von Babylon. Daß das alles Andere eher ist als Monotheismus, bedarf keines Beweises. Weiter beobachtete man auch in der babylonischen Literatur wie in der indischen und anderen, daß die Säuger und Beter von Hymnen und Bußpsalmen, soweit sie sich an eine einzelne Gottheit wenden, dieselbe so apostrophiren, daß es scheint, als gäbe es neben dieser weiter keine Gottheit. Aber am Schluffe derselben Lieder kehrt, wer weiß wie oft, die Reflexion auf den unbekannten Gott oder die unbekannte Göttin wieder, die der Dichter vielleicht außerdem noch erzürnt habe. Das ist dann also doch abermals gerade das Gegentheil von Monotheismus. Endlich wußte man, daß auch in der babylonischen Gestirn-Religion die Gestirne bisweilen nur als die Offenbarung einer in ihnen sichtbar werdenden göttlichen Macht aufgefaßt wurden, diejenige Offenbarung, an der man ihr Walten und ihre Absichten am deutlichsten beobachten könne. „Wenn der Stern des Marduck im Aufgehen ist, ist er Nebo; wenn er IV2 Doppelstunden hoch steht, ist er Marduck, wenn er hoch steht, ist er Nibiru." Freilich beschrankte-sich diese Einsicht auf enge Kreise Eingeweihter ist nur esoterische Wissenschaft, nie Gemeingut des Volkes gewesen und geworden und würde sich schon dadurch fundamental vom alttestamentlichen Gottesglanben unterscheiden. Aber ist das überhaupt Monotheismus? Diese Verwechslung ist wol der schlimmste faux pas von Delitzsch. Wer sie sich zum schulden kommen läßt, kennt doch kaum das ABC der Religionsgeschichte. Jenes ist die Form, die schon Schelling und später besonders Max Müller als Henotheismus bezeichnet haben, eine dunkle Ahnung von der Einheit alles Seins oder eine religiöse Speculation, die wir in Indien wie in Aegypten und Griechenland geradeso beobachten können, die wol zum philosophischen Pantheismus oder zum religiösen Polytheismus, nie und nirgends aber ein Volk zum Monotheismus geführt hat. Dieser ist der Glaube, daß der eine Gott gerade außerhalb der Natur und ihr als der Schöpfer und Herrscher gegenüberstehe. Daher hat. jene Geheimlehre auch die Babylonier nie vom Polytheismus aufwärts ziehen können; vielmehr ist das Rad der Geschichte über dieselbe hinweggegangen, während der biblische Monotheismus, damals der Glaube eines kleinen und verachteten Volkes, sich, wenn schon in neuer Vertiefung und Begründung, bereits fast -die Hälfte der Erde erobert hat. So sieht es in Wirklichkeit ans mit der Begründung dieser neuen Hypothese, die als spielende Lösung der schwierigsten und wichtigsten Aufgabe aller Religionsforschnng in die Oeffentlichkeit hinausging und sofort bald antikirchlich, bald antisemitisch in wirrem Durcheinander ansgeschrotet wurde. Angesichts dieser Lage der Dinge wird man es begreiflich finden, daß bereits der erste Vortrag von Delitzsch in den Kreisen der engeren und weiteren Fachgenossen nicht die Begeisterung geweckt hat, mit der ihn die breite Oeffentlichkeit ausnahm, daß er vielmehr in mancher Beziehung peinlich berührt hat. Es ist zwar vielfach vertuscht worden, daß nicht nur mehr conservativ gerichtete protestantische Theologen, wie König, Oettli (und Kittel, nicht nur ausgesprochen liberalkritische, wie Bäntsch, Gunkel und Budde in voller Uebereinstimmung mit ihnen, nicht nur Orientalisten wie Barth sofort energisch gegen den sich plötzlich breit machenden Panbabylonismus protestirt haben, daß vielmehr Delitzsch ebenso starken Widerspruch von Seite seiner engsten Fachgenossen, wie Hommel, Jensen, Bezold, Hilprecht u. A. erfahren hat. Auch die Wenigen, die ihn mit ihrem Schilde zu decken suchten, wie Winkler und Jeremias, haben mehr entschuldigt,' als seine Position vertheidigt; ihre Schriften liefen vor Allem auf die Erspähung von Blößen hinaus, die sich die Gegner von Delitzsch hie und da in ihrer Polemik gegeben hatten. Eine ganz spontane Kundgebung auf dem Orientaliften-Congresse anläßlich I des Vortrages von Meix zeigte, welches die allgemeine Stimmung unter den Gelehrten sei. Nun hat Delitzsch dem ersten einen zweiten Vortrag folgen laffen, ist dabei auf die inzwischen wider ihn erhobenen sachlichen Einwände fast taub geblieben und auf der einmal betretenen Bahn noch weiter gegangen. Ein abschließendes Urtheil wird mau natürlich aufschieben müssen, bis auch dieser Vortrag gedruckt vorliegt. Aber das wird man schon auf Grund der bis jetzt in die Oeffentlichkeit gedrungenen Einzelheiten sagen können, daß die wissenschaftliche Bedeutung des Vortrages, sobald derselbe das engere . Fachgebiet verläßt, keine größere zu sein scheint als die des ersten. Wer gegen das Factum einer göttlichen Offenbarung in der Bibel mit dem Hohenliede, mit vermeintlich blasphemischen Stellen in dem (dramatisch aufgebauten) Buche Hiob und mit dem Zusammenwachsen der Ueberlieferung ans

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