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Die Wahrheit · 1903-01-30 · Heft 5 (30.1.1903) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 5 (30.1.1903)
Date
1903-01-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit. Seite 5. Nr. 5. Wert irgend einer Probepredigt abzugeben. Bei dem bisherigen Mangel einer wissenschaftlichen Entgegnung von jüdischer ^Seite müssen wir um so dankbarer die ausgezeichnete Erwiderung des Professors an der k. k. evangelisch-theologischen Facültät in Wien, Herrn Dr. Ernst Sellin, anerkennen, die derselbe unter dem Titel „Randglossen zu Bibel und Babel" in der „Neuen freien Presse" veröffentlichte und die wir im Nachfolgenden wiedergeben: Ällmälig ist wol der erste Begeisterungsjubel über den neuerdings von Delittzsch in Berlin über „Babel und Bibel" gehaltenen Vortrag soweit verhallt, daß auch Stimmen, die nicht so ohneweiters in denselben einsallen konnten, hoffen dürfen, wenigstens gehört zu werden. Wenn ich es wage, die weinige hier zu erheben, so weiß ich wol, daß es auch heute noch Nicht angenehm und lohnend ist, gegen den Strom der öffentlichen Meinung zu schwimmen. Aber ich fühle mich verpflichtet, um Gehör zu bitten, weil ich weiß, daß Hunderte hinter mir stehen. Es sind nicht schwarze und schwärzeste Pfaffen aller Confessionen, wie es so mancher Leitartikler der letzten Wochen im voraus glauben machen wollte, sondern Männer ernster Wissenschaft, die auch kein anderes Gesetz in ihrer Arbeit kennen als das rücksichtsloser Wahrhaftigkeit, die aber wissen, daß es das schlimmste für eine Wissenschaft ist, wenn sie auf das Niveau der Sensations-Wissenschaft herabsinkt und Resultate in die Welt hinansposaunt, über die mit unfehlbarer Sicherheit schon das nächste Jahr zur Tagesordnung übergehen muß. Denn ein Rückschlag, ein Fiasco kann da schließlich nicht ausbleiben. Freilich, wer wollte leugnen, daß das ganze, vor der Oeffentlichkeit so plötzlich aufgerollte Babel-Bibel-Problem auch Anlaß zu aufrichtiger Freude bietet! Ich meine nicht nur das Problem an sich, die geradezu unzähligen Förderungen, Ausschlüsse und Correcturen, welche die alttestamentliche Forschung in grammatikalischer und lexikalischer, in culturhistorischer Beziehung der Entzifferung der babylonischen Keilinschriften verdankt. Nein, das Factum allein, daß der Monarch eines der mächtigsten enropäischen Reiche mit gespanntem Interesse die Arbeiten und Resultate eines Zweiges der Wissenschaft verfolgt, daß mit ihm ein ganzes Volk wieder anfängt, historischen und religiösen Problemen ein williges Ohr zu leihen, wen sollte es nicht mit Freude erfüllen? Aber noch mehr; erfreulich ist vor Allem die Unerschrockenheit, mit der ein Meister der Forschung auf seinem Specialgebrete die Resultate derselben auch da einzubürgern sucht, wo er weiß, daß der Kampf nicht ausbleiben kann, und vollends erfreulich ist die Art, in der man ihn gewähren und Kritik üben läßt, auch da. wo er hineingreift in Gebiete, die nach Mancher Dafürhalten von aller wissenschaftlichen Kritik eximirt sein sollten, in altüberkommene religiöse Vorstellungen. Eine schönere Illustration für die Giltigkeit des Grundsatzes: „Die Wissenschaft ist frei", als jene Versammlung, in der Delitzsch den letzten Vortrag hielt, hat die Geschichte der letzten Jahrzehnte kaum geliefert; der kaiserliche Händedruck, den der Redner nach dem Vortrage erhielt, darf als Unterpfand dafür angesehen werden, daß in Deutschland jene Grund- und Exlftenz - Bedingung aller Wissenschaft zur Zeit tatsächlich und rückhaltlos als solche anerkannt ist. Müßte nun nicht angesichts dieser erfreulichen Erscheinungen alles kleinliche Nörgeln über die Vorträge von Delitzsch verstummen? Müßten nun nicht vor Allem alle Männer der Wissenschaft ihm einstimmig herzlichsten Dank aussprechen? So könnte es denen erscheinen, welche die Sache nur durch die Brille der Tagespresse ansehen. Es herrscht aber unter allen Eingeweihten fast nur eine Stimme darüber, daß die erfreuliche Außenseite eine sehr böse Kehrseite hat. Es ist, kurz gesagt, die, daß Delitzsch als wissenschaftliche Resultate vielfach persönliche Anschauungen, Vermuthungen, Hypothesen in die Oeffentlichkeit hineingeworfen hat, die nicht nur von seinen engeren und weiteren Fachgenossen nicht geteilt werden, deren Haltlösigkert ihnt vielmehr bereits bewiesen ist, sondern daß er auch, wo er sein Fachgebiet verläßt, bisweilen mit einer Oberflächlichkeit und Methodelosigkeit verfährt, welche die Wiffenschaft schließlich nur discreditiren kann. Es soll hier natürlich in keiner Weise über Einzelheiten gerechtet werden, wir wollen gleich ans das Centrum der Sache kommen. Schon bei dem ersten Vorträge war es offenkundig, daß Delitzsch, der doch das Thema „Babel und Bibel" gewählt hatte nicht etwa als ein objectiv denkender Richter die mancherlei Beziehungen zwischen beiden aufdeckle und die verschiedenen Institutionen, Vorstellungen, Traditionell u. s. w., die beide in gewiffer Verwandtschaft darbieten, auf ihren verschiedenen Wert und Gehalt hin prüfte, sondern daß er einfach die Rolle eines Advocaten übernahm, der für seinen Clienten Babel - Prioritäts-Ansprüche verfocht. Dies war natürlich meistens leichte Arbeit, die babylonische Literatur beginnt etwa seit dem Jahre 3000, die biblische etwa 1000 v. Chr. Nun ist es aber sonst ein allgemein anerkannter Grundsatz in der Religionsgeschichte, daß, so interessant und wertvoll es auch ist, die geistigen Verbindungslinien zwischen den Völkern, ihren gemeinsamen Besitz an Ideen, sowie die Entlehnungen anfzuzeigen, der Platz, den man einem bestimmten Volke einzuräumen hat, nicht durch das bestimmt wird, was es mit anderen Völkern gemeinsam hat, sondern was fein eigenartiger geistiger Besitz ist. Hievon aber schwieg Delitzsch fast völlig. Immer wieder hörte mau: die und die Erzählung, diese und jene Vorstellung im alten Testament ist babylonisch; es wurde aber mit keinem Worte angedeutet, daß sie alle, wenn auch wirkllich zum guten Teile babylonischen Ursprunges, in Israel eine vollständig andere Gestalt, eilt total verschiedenes Gepräge angenommen haben. Einige Beispiele mögen es kurz illnstrireu. Kein Wort hörte man bei Delitzsch davon, daß indem biblischen Schöpfungsbericht von 1. Mose 1 die ganze Theogonie des babylonischen an der Spitze des Schöpsnngswerkes, der Kampf mit dem Chaosungeheuer u. s. w. verschwunden seien, daß es der einzige geistige Gott ist, der hier durch sein gewaltiges Wort das All ins Dasein ruft und Alles schafft bis hin aus den Menschen, der als sein Bild auf Erden dasteht. Nicht die leiseste Andeutung, wie Beginn und Abschluß der großen Fluch in der Bibel rein sittlich-religiös motivirt sind, während in Babylon das Göttergezänk die Geschicke der Menschheit bestimmt. Kein Hinweis darauf, daß der Sabbath in Israel etwas total Anderes geworden ist als in Babylon, ein Nachbild der göttlichen Schöpsungsruhe, ein Tag der Bethätigung der Humanität. Kein Wort endlich davon, daß nicht das 5. bis 7. Gebot in ihrem zufälligen und auch bei anderen Völkern beobachteten Zusammentreffen, sondern die Alles umfassende Verbindung der kurzen religiösen und ethischen Gebote im Dekalog das eigentliche und sonst von keinem antiken Volke — auch im neugesundenen Gesetzbuche Hammnrabis nicht — erreichte Wesen dieses Grundgesetzes ausmachen. Wo bleibt die wissenschaftliche Gerechtigkeit, wenn man das Alles verschweigt? Aber auch das ist schließlich noch nicht das innerste Ceutrum. Bereits seit 20 bis 30 Jahren war es ein Allgemeingut der Wissenschaft geworden, nicht nur der orientalischen, sondern auch der theologischen, daß die Wurzeln jener Erzählungen und Jnsiitutionen zum Theile in Babylon ruhten und daß dieselben in Israel nur in einzigartiger Weise geläutert und vertieft seien. Das eigentlich Neue, was der Vortrag brachte, war etwas Anderes. Delitzsch verflieg sich dazu, darzuthnn, daß das, was Israels ganz spezielles unv ureigenstes Besitztum in der antiken Völkerwelt ist, was die weltgeschichtliche Bedeutung des alten Testamentes ausmacht, der Monotheismus, ebenfalls aus Babylon stamme. Diese neue Erkenntnis hat nun nicht nur überrascht, sie hat einfach verblüffend gewirkt. Von einem Monotheismus der Babylonier hatten auch die gewiegtesten Kenner der Religion dieser noch nie etwas verspürt. Delitzsch suchte ihn seinen Hörern auf einem dreifachen Wege zn beweisen. Zunächst verwies er auf die bekannte Thatsache, daß die

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