Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 5 (30.1.1903)
- Date
- 1903-01-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 5. 3. Ich wies darauf hin, - daß auch die in den oberen Gegenden wohnenden Juden auf die staatliche Subventionirung angewiesen sind und daß man diese Unterstützungsbedürftigen in die agrarischen Beschäftigungen einbeziehen muß, wie dies der „Jsr. Ackerbauverein" selbst verlangt. Dieser Verein hat sich selbst an den Negierungskommissär Eg an behufs Ausarbeitung eines einschlägigen Elaborats gewendet, und Egan begann diese Arbeit mit der bewundernswerthesten Objektivität; er zergliederte die Frage, ob die jüdische Race gegenwärtig der Bodenkultur ungezogen werden kann. Diese Arbeit hat Egan zuletzt dem Oberhausmitgliede Herrn Sigmund Kornfeld übergeben, der mit seiner bekannten tiefen und weisen Einsicht mit Egan selbst über diese Frage verhandelte. Welche Unvernunft und Tölpelhaftigkeit gehört dazu, mir vorzuwerfen, warum ich vor dem Parlamente diese edlere Thätigkeit Egans hervorgehoben haben! 4. Zch habe die Lage der rumänischen Juden vor dem Parlamente ausführlich geschildert. Zch wies das vertragswidrige Verhalten Rumäniens vom Standpunkte des Berliner -Vertrages nach und verlangte Aufklarung^darüber, ob die ungarische Regierung hinsichtlich der amerikanischen Zirkularnote in gehöriger Weise ihren verfassungsmäßigen und gesetzlichen Einstuß bei dem betreffenden Entschlüsse des Ministeriums des Aeußern geltend machen wird. Freilich gegen die gesetzwidrige Interpretation Kolomau Szell's hatten die Lloybs und Journals nichts einzuwenden. Sie lärmen nur insolange, als nicht von Machthabern die Rede ist. Mich können sie leicht angreifen, aber ihr Muth und ihr prahlerisches, jedoch unaufrichtiges jüdisches Gefühl fällt ihnen in die Hosen, so sie sich einem Minister gegenüber befinden. Dies die kurze Skizze meiner Reklamation. Ich kann auch noch hinzufügen, daß ich ebenso, wie ich jetzt meine Stimme im Interesse meiner ans Rumänien vertriebenen unglücklichen Glaubensgenossen erhoben, dies auch stets anderwärts gethan habe, wo es sich darum dandelte, für unsere bedrängten Glaubensgenossen, für unsere im Auslande verfolgten Brüder ein Asyl zu schaffen. Zedoch hat sowohl Ungarn selbst, als auch seine Judenschast ihre eigenen wirtschaftlichen Uebel. Wer würde es wagen, auf das Forum hinauszutreten, um zu verkünden, daß wir unter den gegebenen Verhältnissen nur für die jüdischen Einwanderer Ausnahmsbegünstigungen verlangen sollen? Das Gesetz wurde für Jedermann geschaffen. Ich mußte gelegentlich meiner Ausführungen gleichmäßig als Ungar wie als Jude meine Pfiicht erfüllen, Mit diesen Ausführungen wurde ich von der Unabhängigkeitspartei betraut. Möglich, daß mein Können nicht im Verhältnisse zu meinem Wollen stand, aber daß mein W i l l e g u t w a r u u d d a ß m i ch auch diesmal die warme Empfindung für m e i n e G l a u b e u sgenossen leitete, bezeugfe ich vor Gott und der Welt. Wer das Gegcntheil verkündet, ist ein Verleumder. Auf meiner politischen Karriere traten mir schon viele solche Verleumder entgegen. Ich schob sie beiseite oder ich wich ihnen aus. Dies ist auch jetzt mein Prinzip. B u d a p e st, 26. Jänner 1903. D r. V i s o n t a i S o m a, Reich stag s ab geordneter. q- -iq- Die,Ungarische Wochenschrift*, die gleichfalls die Erklärung Dr. Visontais veröffentlicht, fügt an dieselbe folgende redaktionelle Bemerkung au: Dr. Soma V i s o n t a i hat noch bei jeder Gelegenheit unverkennbar bekundet, daß er sich warmen Herzens und voller Begeisterung der jüdischen Angelegenheiten annimmt. Wenn er auch nicht unaufhörlich sein Judenthum betont, wie dies viele Juden von Rang und Stand aus Sensationshascherei thun. Aber wir wissen, was Dr. Visöntai bedeutet, wenn es sich um die Vertheidigung der Rechte der ungarischen, oder sagen wir, der gesammten Judenschaft handelt. Ex trägt seine Thateu nicht auf den großen Markt, damit man ihm applaudire. Er brauchte keinen Applaus. Gleich der edlen Wohlthätigkeit thut er still, unter Vermeidung jeder Marktschreierei, dasjenige, was ihm sein ehrliches, ungarisches, aber auch für die Judenheit warm schlagendes Herz diktirt. Es macht wahrlich einen theatralischen Eindrucks wenn böse Zungen auf Visöntai den Vorwurf des —horribile diptu .— Paktirens mit den Antisemiten wälzt. Blödes Gerede, welches kein ernstes Wort der Entgegnung verdienen würde, wenn wir 'nicht die Irreführung des großen Publikums sehen winden. Mögen diese Schwätzer, die fast schon in den Taufbecken tauchen, den in der „Wiener Morgen-Zeitung" vom 25. Dezember v. I. erschienenen Artikel „Ungarn und die rumänischen Juden"' lesen, und sie werden, wenn nicht verleumderische Absicht diese wackeren Judenretter leitet — einsehen, daß sie sich lächerlich machen. Auch durch Folgendes wird Dr. Visöntai — der jüdische Freund der Volkspartei, wie ihn unsere „Israeliten" . nennen — zur Genüge charakterisirt: Die ungarländische Judenheit, die mit Herz und Seele am Wohle des Vaterlandes arbeitet und glücklich ist, hier zu leben und hier sterben zu können; jene Judenschaft, die sich von der positiven Religion noch nicht losgerissen hat, hat. mit. Freuden die Gelegenheit ergriffen, eine so erhabene, in ihrem menschenfreundlichen Streben edle Weltbewegung zu unterstützen, die von ihr nur Opfer fordert, ohne daß sie ihre Vortheile jemals in Anspruch nehmen wollten; fordert einen solchen „Menschenschutzverein", den auf der ganzen Erdenrunde, ohne Stammes- und Religions- Unterschied, jeder gute Mensch unterstützt: den Zionismus, der den verfolgten und vaterlandslos gewordenen Juden ein Heim verschaffen will, wo sie für ihren, müden, gepeinigten Körper und Geist eine Ruhestätte finden. Der b e g e i st e r t st e Förderer der B u d ap e st e r Anhänger dieser Bewegung! st ■ D r. Visöntai—der j ü dische Antisemit! Randglossen ju „Sabel und Lilie!". Von Ar. Krnst Sellin, Professor an der k. k. evangelisch-theologischen Facultät (W ien). Wir waren unter allen jüdischen Blättern zuerst in der Lage, einen Auszug des vielbesprochenen Vortrages des Assyriologen Friedrich Delitzsch in Berlin über „Babel und Bibel" unseren Lesern zu bieten, und haben gleich damals an die Männer der jüdischen Wissenschaft die Aufforderung gerichtet, den ihnen hingeworfenen Fehdehandschuh mit aller Macht der wissenschaftlichen Ueberzeugung aufzunehmen. Wie es ja nicht anders zu erwarten war, haben die Theorien Delitzsch's in der wissenschaftlichen Welt lebhaften Widerspruch hervorgerufen, aber leider sind gerade die jüdischen Stimmen, die bisher laut wurden, die schwächsten. Wie wenig wissenschaftlich die Vertheidigung des jüdischen Standpunktes von Manchem betrieben wurde, beweist z. B. der Hinweis auf die Tatsache, daß ein ehrwürdiger Herr.Artikelschreiber das Malheur hatte, Friedrich Delitzsch mit Franz Delitzsch zu verwechseln, ein Lapsus, der freilich wenigstens der Correctur seitens der Nedaction des betreffenden Blattes bedurft hätte. Welch' glänzende Gelegenheit böte sich, da den bernfeneu Vertretern der jüdischen Wissenschaft uitd den Männern, deren Lebensaugabe es ist. jüdische Wissenschaft zu pflegen und Jünger der jüdischen Wissenschaft heranzubilden, im Namen der jüdischen Wissenschaft offenen Protest gegen die Behauptungen Delitzsch's einzulegen und den Beweis zu erbringen, daß wissenschaftliche Bibelkritik und wissenschaftliche Bibelforschung nicht Gebiete sind, auf denen nur christliche Theologen ein maßgebendes Wort zu sprechen haben. Vielleicht ermannt sich eine unserer jüdisch-wissenschaftlichen Koryphäen in Wien zu einer solchen. Tat. Sie wäre zumindest so verdienstlich, wie mit dem Vollgewicht seiner Persönlichkeit ein Urteil über den höheren oder minderen