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Die Wahrheit · 1903-01-23 · Heft 4 (23.1.1903) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 4 (23.1.1903)
Date
1903-01-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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- Nr. 4. Die Wahrheit. Seite 5. Fürsten, Gemeinfreie und Sclaven entwickelt Der verarmte Freie nimmt vom Reichen Vieh zum Lehen und verpfändet dafür seine Freiheit. Das Vieheigenthum ist die Wurzel alles Feudalismus. Kommt nun ein solches Volk zur Ansiedlung, so muß jeder so viel Land erhalten, als er zur Erz uährung seiner Familie braucht. Und da zur Familie auch die Sklaven gehören, so wird der reiche Mann viel mehr J Land erhalten, als der Gemeinfreie, und so entsteht der erste j Großgrundbesitz. Und wie der reichere Hirte darnach trachtete,? den ärmeren in ein Abhängigkeitsverhältnis zu bringen, so j sucht auch der reiche Grundherr seinen Besitz auszudehnen,! seine Hausmacht zu stärken, seine Waffenfähigleit weiter zu j entfalten, und während der arme Bauer den Mut seiner i Seele verliert, sperrt der mächtige Nachbar das noch unbe- I baute Land ab uud verlangt von jedem, der neues Land! braucht, daß er sein Knecht werde.! Die Sperrung von Land und Boden ist aber nicht über-all > erforderlich, denn wenn das Land, wie z. B. Palästina, klein I ist, wird es bald ausgefüllt. Die Söhne des Bauern können ' sich dann nicht mehr zu neuen Bauern ansäßig machen, sie j müssen entweder Diener eines Grundherrn werden, der ihnen! Land zur Bearbeitung Mweisl, oder auswandörn, oder städtische! Proletarier werden. Diese Entwicklung des Großgrundbesitzes j ist allen Staaten gemein. Von hier aus aber gabelt sie sich und! je nach den Verhältnissen im Viehstande entwickelt sich eine j Wirtschaft, die der unsrigen ähnlich ist, oder aber auch eine! c a p i t a l i st i s ch e S k l a v e n w i r t h s ch a f t. Darunter ist j eine Gesellschaftsordnung zu verstehen, in der ernstlich ver-! pflichtete Hörige oder Sklaven dem Herren Producte herj stellen müssen, die dieser nicht . für den eigenen Gebrauch, sondern zum Verkaufe auf dem Markt verwendet. Diese Wirtschaft ist eine absolut tödtliche Volkskrankheit, an welcher alle Völker der Antike gestorben sink. Israel, eingekeilt zwischen drei mächtigen Reichen (Egypten, Phönizier!, Mesopotamien) mit hochentwickelten! Geldverkehr, mußte also schon früh zur - capitalistischen Dklavenwirtyschaft gelangen, und diese war es auch, welche das Reich Israel in den Abgrund stürzte. Die Hauptsache dabei ist die Verödung des flachen Landes. Die Latifundien fressen um sich, der Adel bestimmt die Geschicke des Landes, der Kriegsdienst muß von freien Männern geleistet werden, sie müssen die Rüstungen Herstellen, können ihre Felder nicht bearbeiten und verfallen in Schulden. An vielen Stellen in den Propheten wird darüber geklagt. Das Land geht zu Grunde, die Leute geraten in Knechtschaft. Je mehr die Latifundien sich ausdehnen, desto mehr kommt die Bevölkerung in Abhängigkeit. Daß es in allen antiken Staaten so auffallend viele Händler gibt, die in der Fremde weilen oder Hausirhaudel treiben, hat auch darin seinen Grund. Für die zahlreichen jüdischen Händler, die zu Ellde des Mittelalters überall zerstreut waren, braucht man ebenfalls nicht einen besonderen Racengeist anzunehmen, sondern es erklärt sich das geradeso wie bei anderen alten Völkern daraus, daß das freie arme Element in diesen antiken Staaten mit ihrem verödetem Bauernlande! zur Auswanderung gezwungen war. In der capitalistischen Sklavenwirtschaft ist für die freie Bevölkerung kein Platz, sie wird zusammengedrängt in den Großstädten, wo, wenn auch kein Brod, so doch Brosamen. abfallen. Es herrscht dort eine fürchterliche Corruption, das! Volk entnervt durch schlechte Nahrung und Lebenserfahrungen, es wird um seinen sittlichen Halt gebracht. In Israel sind diese Erscheinungen nicht so wie in.anderen antiken Staaten, I bis aufs Aeußerste gediehen, der entscheidende Punkt ist aber! der, daß die Entnervung, von der auch die heilige Schrift! spricht, die politische Ohnmacht des Landes zur Folge hatte,! und daß es wehrlos dem Feinde ansgeliefert wurde. Nicht! weil die assyrischen Könige so tapfere Krieger hatten, nicht weil Gott die Hand von. seinem Volke gezogen hat,, sondern weil; sich die Bauernschaft ungeheuer verminderte und weil die Wenigen, die übrig blieben, in ihrer Kraft geschwächt waren — dies ist die letzte Ursache deffen, was man als antiken Staateutod bezeichnet. Nur deshalb sank auch Juda in den Staub. Einen Beweis für die Richtigkeit dieser Ansicht liefert die Thatsache, daß das-Land nach Fortfü hung der Besitzenden ins Exil sich wieder erholte, und die neue Züchtung von Bauern gab dem Lande die Kraft und die Macht in der Makkabäerzeit. Auch daß sich die jüdische Agrargesetzgebung — geradeso wie Solon in Athen und die Gracchen in Rom dies erkannten — gegen ungesunde Grundbesitzvertheilung und deren Folgeerscheinungen, Entnervung der Bürger und unge^ sunde Differenzirung derselben, wandte und die Erhaltung des Bauernstandes auf seiner Scholle bezweckte, muß die Richtigkeit der gegebene i Anschauungen bestärken. Zum Schluffe seiner überaus interessanten uud geistvollen Ausführungen sprach Dr. Franz Oppenheimer mit größter Sympathie vom Zionismus, der das ungeheuer große Ziel hat, einige Millionen der ärmsten, jammervollsten Menschen zu retten, die nicht nur das ganze Elend zu tragen haben, das Fendal.smns und Capitalismus im Gefolge haben, sondern aus deren wundgedrückten Schultern noch nebenbei der Fluch des Jndenthums lastet. Der Zionismus zieht in die Welt mit der Absicht, die Volkskrankheit der capitaliftischen Sklavenwirtschast für die Dauer zu vermeiden. Er will die Demok-atie verwirklichen, denn überall ist nämlich der Herrenstand auch der Herr des Volkes gewesen: „Deß' Brod ich eß, deß' Lied ich sing." Label and Libel. Wir haben in voriger Nummer einen knappen Auszug aus dem vor einigen Tagen von dem Assyriologen Friedrich Delitzsch in Berlin über das obige Thema gehaltenen Vortrag wiedergegeben und werden bereits in nächster Nummer in der Lage sein, eine Erwiderung auf denselben unseren Lesern bieten zu können. Allein jede Aeußernng in dieser Frage erscheint uns bedeutsam und darum wollen wir im Nachfolgenden einen Artikel, den Dr. Julius Weißburg im „Pester Lloyd" veröffentlichte, reproduciren: Wie schon so oft im Laufe der Jahrhunderte, steht das „Buch der Bucker", wie die Bibel sowohl wegen ihrer Verbreitung, als mit Rücksicht auf die unvergleichliche Wirkung, die sie auf den werthvollsten Theil der Menschheit geübt hat, mit Recht genannt wird, jetzt wiederum im Mittelpunkte der Aufmerksamkeit der gebildeten Menschheit. In glaubensstarken Zeiten war sie sozusagen das Herz des Denkens; von ihr ging der belebende Gedankenstrom aus und zu ihr kehrte jedes Denken zurück. Die neue Zeit erfand zur Speisung ihres GedankenkesselS neue Quellen, das Interesse für „das ewige Buch" war stark im Erblassen, fast war es die Kirhe allein, wo es seinen Thron und seine Rechte unbeschränkt behauptete und höchstens noch die Schule, wo es wohl nicht gern gesehen, aber doch geduldet wurde, als plötzlich ein Windstoß die Asche der Gleichgiltigkeit, welch sich in den letzten Jahzehnten auf *der Bibel anhäufte, wegfegte und das Buch wieder iu den Vordergrund u,lser Aufmerksamkeit rückte. Wie haben sich die Zeiten doch geändert! Ein Kampf um die Bibel und wegen der Bibel bedeutete noch vor garwenigen Jahrhunderten einen wirklichen, nicht nur bildlichen Kampf, einen Kampf von Roß und Reitern mit Flinten und Kanonen, bei dem es gar frisch und munter zuging. Freilich nicht zu munter für jene Tausende und Tausende, die ins Gras beißen mußten, aber dennoch froh und frisch, galt es doch dem heiligen Fanatismus, „die Ehre Gottes zu retten", die von den gegnerischen armen Wichten angeblich verletzt worden, als wäre der gute Gott so empfindlich wie ein Hußaren-Lieuteuant, daß ihn jeden Tropf in seiner Ehre kränken könnte. Und ein gut Theil der Kriege, welche die Blätter mittelalterlicher, ja sogar der sogenannten neuzeitlichen Geschichte mit

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