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Die Wahrheit · 1903-01-23 · Heft 4 (23.1.1903) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 4 (23.1.1903)
Date
1903-01-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 4. sondern im uneigentlichen Sinne zu nehmen, sind die Verüber jener Schändlichkciten nicht wirkliche Juden sondern Andersgläubige gewesen, deren Tat man uns als „jüdisch" bezeichnen wollte, und nur aus purem Versehen sind statt der figürlichen Juden wirkliche Juden gemartert, gerädert und verbrannt worden. Das „Prager Tagblatt" hat den Probst Kärlach in dankeuswerther Weise auf das Unpassende und Deplacirte seiner Bemerkung aufmerksam gemacht. Am nächsten Tage hat das Blatt mitgetheilt, daß der Herr Propst in einer Zuschrift erklärt habe, daß ihm bei dem Gebrauche des gerügten Ausdruckes jede confessionelle Schmähung ferngelegen, was auch daraus zu erkennen sei, daß er vorher sit yenia verbo gesagt habe. Diese Erklärung ändert an der Sache nicht das Geringste. Das sit yenia hat der Probst nicht etwa der Juden Wegen, die in der Versammlung waren, gesprochen, denn er wußte ganz gut, daß dort keine Inden seien, sondern nur derjenigen wegen, denen er zugemuthet, daß sie die „jüdische Mache", welche die Landesbank nicht übernehmen wollte, übernehmen sollen. Jedenfalls bleiben alle Bemerkungen, welche hier an den Gebrauch des Ausdruckes „jüdische Mache" bei dieser Gelegenheit geknüpft worden sind, in ihrem ganzen Umfange aufrecht. Dieser Tage war auch in den hiesigen Zeitungen zu lesen, daß ein Lehrbursche von seinem Meister eines Gelddiebstahls beschuldigt und mit einer Peitsche zn dem Geständnisse veranlaßt worden ist, daß er von einem bekannten Vagabunden, dessen Namen er genannt hat, dazu angereizt, den den Diebstahl begangen habe. Die Sache kam vors Gericht, i und obgleich der vom Lehrburschen Beschuldigte hartnäckig leugnete, von der Sache etwas zn wissen, beharrte der Lehrbursche bei seinem Geständnisse. Beide wurden in Haft genommen und bliebenin derselben, bis dieser Tage von einem anderen Gerichte die Meldung kam, daß der wirkliche Dieb des Geldes dort verhaftet worden sei. Nur die Peitsche hatte den Lehrburschen vermocht, sich selbst und einen anderen Unschuldigen des Diebstahls zu beschuldigen und bei dieser Beschuldigung aus Furcht zu beharren. Dieser Fall, der sich in Königgrätz zugetragcn hat, mit obiger^Auseinandersetzung in Zusammenhang gebracht, ist geeignet, manch dunkles und trauriges Kapitel in der Geschichte des jüdischen Mittelalters aufzuklären. Der Staatentod im Altertum und die jüdische Nation. Samstag, den 17. d. M., fand im Festsaale nied.-österr Gewerbevereines eine zahlreich besuchte Plenarversammlung der „ö st e r r. - i s r a e l. U n i o n" statt, in welcher der bekannte Nationalökonom, Herr Dr. Franz O p p e n h e i m e r aus Berlin, einen Vortrag über das Thema: „Der Staatentod im Altertum und die jüdische Nation" hielt. Der Vorsitzende, Vicepräsident Professor Dr. E h r m a n n, eröffnete die Versammlung mit folgenden Worten: „Meine verehrten Damen und Herren! Ich heiße Sie namens des Vorstandes der „österr. israel. Union" herzlichst willkommen, daß Sie heute erschienen sind, den Worten eines hervorragenden Sociologeu über die Vergangenheit unseres Stammes zu lauschen. Das Thema, das der Herr Vortragende heute behandeln wird, ist ein wahrscheinlich bis in die Gegenwart reichendes, jedenfalls sind die Fragen, die darin zur Besprechung gelangen werden, meiner bescheidenen Ansicht nach wichtiger, als die Frage, ob zufällig in den babylonischen Steintäfelchen Spuren eines Sabbathes Vorkommen, oder Spuren irgend welcher Gebote Moses, oder ob Babylon irgend welche Sindfiutfage gehabt hat. Diese Völker sind schon lange ausgestorben, die Juden aber leben noch heute, und in diesem Sinne begrüße ich den verehrlichen. Gast und lade ihn ein, seinen Vortrag abzuhalten: Dr. Franz Oppenheimer bemerkte in der Einleitung daß er von dem Schicksal des jüdischen Staates, nicht vom Schicksal des jüdischen Volkes heute sprechen wolle. Das letztere bildet eine Ausnahme, ja einen Einzelfall in den Büchern der Geschichte — so seltsam, so voll von Wundern, daß wol der fromme Jude nach wie vor an dem messianischen Gedanken festhalten muß, daß sein Volk dazu ausersehen sei, das Reich der Freiheit und Gerechtigkeit auf Erden zu verwirklichen. Während des mehr als Ltausendjährigen Exils hat dieses seltsame Volk trotz Knechtschaft und Verachtung seine Sprache und Religion, seine Tradition zu wahren gewußt, und auf die Frage des frommen Juden, was wol Gott mit der harten Prüfung bezweckt habe, ergibt sich nur das eine als Antwort, daß er es zum Werkzeuge seines Willens, znm härtesten Stahle schmieden wollte. Und so ist es kein Wunder, daß dieses wunderbare Volk Jahrtausende überdauert hat, zwischen den Mühlsteinen der fremden Völker, denn es hatte außer dem Herrenblute seiner Race, außer dem unzerstörbaren demokratischen' Kern, vor allem seine Religion, durch welche es sich von den Völkern bei der westeuropäischen Völkermischung abschloß. Wenn aber wirklich, wie ich auch hoffe und glaube, jüdische Herzen und Gehirne in dem nahen letzten Kampfe um das Reich Gottes auf Erden, um Ordnung und Gerechtigkeit, bie man mit vielem Mißbrauche Socialismus nennt, die Führer des letzten siegreichen Sturmlanfens sein werden, natürlich nicht genau so, wie es unsere Vorfahren sich träumten, dann werden auch die bittersten Feinde erkennen, daß sie sich abschlstßen mußten, um allen Haß und alles Leid i aus ihre Schultern zu laden, daß sie alle Ungerechtigkeit erdulden mußten, um jene große Sehnsucht nach Gerechtigkeit zn gewinnen. So seltsam die Geschichte des jüdischen Volkes, so typisch ist die Geschichte seines Staates, und das kritische historische Auge erblickt in der Geschichte Judas den typischen Entwicklungsgang aller Staaten des Alterthums. Sie alle haben einen Passionsgang voll Blut, Not und Frevel, den Weg von der Schwäche zur Macht, von der Größe zum Niedergange zurückgelegt. Alle Staaten der antiken Geschichte verfallen dem Gesetze der Katastrophen; darüber herrscht keine Meinungsverschiedenheit, nur die Erklärung dieser Thatsache ist eine verschiedene. Der Eine erblickt sie in dem Aufkommen des Pöbels, ein zweiter im Altern der Volksorganismen, ein dritter in der Verschlechterung der Herrenrace; aber alle diese Erklärungen genügen nicht. Die Geschichte beweist, daß die demokratische Negierungsform, wie z. B. in der Schweiz, von ewiger Dauer sein kann, andererseits hat die Demokratie in Nordamerika das reichste Gemeinwesen geschaffen, während in dein feudalen Rußland das tiefste Elend herrscht. Auch die Erklärung vom Altern der Völker genügt nicht; ein Volk altert nicht, sondern es erneuert sich. Nicht anders steht es mit der Nacenerklärung. Es gibt gewisse Sociologen, die wieZ der dumme Menelaus der schönen Helena geantwortet haben. Ihr gefährlichster Vertreter ist Houston Stewart Chamberlain, dessen Racentheorie eine Carrikatnr jeder echten Wissenschaft darstellt. Der Vortragende hat eine andere Erklärung, die er heute vortragen möchte. Die bisher in der socialwiffenschaftlichen Geschichte allgemein vertretene Anschauung, daß da wo namentlich Grundeigentum begründet wird, eine Verschieden?- heit des Vermögens die notwendige schnelle'Folge sein muß, daß die Differenzirung der Völker, von der alle Geschichtsschreiber ihre späteren Geschicke ableiten Wollen, nothwendig eine - mit dem Eigenthum verknüpfte Erscheinung sein soll. — Diese Theorie sei falsch. Um dies zu beweisen, erörtert der Portragende, wie ein Volk von Jägern oder Hirten; die erste Etappe eines staatengründenden Volkes, ein Land in Besitz nimmt und welche Differenzirungeir sich! dabei ergeben. Schon bei den Hirten findet mau mindestens eine Zweitheilung in Herren und Sclaven, aus der sich bald eine Dreitheilung in

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