Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 4 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nedaction mit» Administration: Wien, II/,. Novaragaffe 27. K. k. österr. Postkvarcassa Check-Coitto Nr. 8t6.251 Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnserationsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. Erscheint jeden Freitng. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Bezugspreis:! Ganzjährig. . . L 12.— Halbjährig .... ff. 6.— Für Cultusbeamte: Ganzjährig.... ff. 10.— Für Ausland: j Ganzjährig . . . 8 Mark. 6 Rubel oder 16 FcS Ar. 4. Wien, 23. Immer 1903. Anhalt r Prager Briefe. — Der Staatentod im Altertum und die jüdische Nation. — Babel und Bibel. — Ans der Wiener Cultusgemeinde. — Verschiedene Nachrichten. — Die Härten der Concurs-Ausschreibungen. — Verschiedene Nachrichten. Prager Griefe. Vor einiger Zeit wurde bereits in diesem Blatte berichtet, daß die Affaire der St. Wenzelsvorschußkasse in Prag — es handelte sich um eine Defraudation von sieben bis acht Millionen — seit Monaten die Gemüter vieler Tausender, die um ihre durch langjährige Arbeit erzielten Ersparrnisse zu kommen fürchten, in fortwährender Aufregung erhält. Alle bisher unternommenen Versuche, die Anmeldung des Concurses, der eine wahre Katastrophe bedeuten würde, zu vermeiden, sind bislang erfolglos geblieben. Die Clericalen befinden sich in größter Verlegenheit, denn sie fürchten, daß das Hereinbrechen der Katastrophe auch ihre Macht brechen könnte. Das abgekrachte Geldinstitut ist nämlich, wie schon dessen Name besagt, von den Clericalen zur Vergrößerung ihrer Macht und zur Erweiterung ihres Einflußes gegründet worden. Die Leitung befand sich immer in Händen von Leuten, an deren katholischer Gesinnung kein Mensch, auch der Papst nicht, was auszusctzen gefunden hätte. Der Director war ein hoher Geistlicher, der, wenigstens hieß es so, öfter nach Rom ging, und dort immer größere Beträge von dem erzielten Gewinn als Peterspfennig übereichte. Die Geldeinleger bei der Vorschußkasse recrutirten sich aus solchen Kreisen, deren Herz vom Glauben ganz erfüllt ist und die zu dem den Namen des Landespatrons tragenden Geldinstitut mehr Vertrauen hatten, als zu den bestfundirten und solidest geleiteten Sparcassen und Banken. Doch das alles geht uns Juden nichts an — denn ich glaube nicht, daß auch^nur ein Jude mit dem den Antisemitismus propagirenden Geldinstitute in Verbindung stand — und ich würde es auch hier nicht erzählen, wenn nicht vorige Woche aus dem Munde des Probstes Karlach, der die schwere Aufgabe der Sanirung übernommen hat, eine Aeußerung gekommen wäre, die nicht allein von einer seltenen Unverfrorenheit zeugt,,sondern auch typisch ist für all die Verdächtigungen und Beschuldigungen, welche seit jeher von clericaler und judenfeindlicher Seite gegen die Bekenner des Judenthums vorgebracht worden sind. Eine Zeitlang hat es nämlich geheißen — warscheinlich um die Jntertssenten zu beschwichtigen — die Laudesbank des Königreiches Böhmen werde die Saiürung der St. Wenzels- Vorschttßcafse in die Hand nehmen. Miln hat-Propst Karlach in einer vorige Woche stattgtsundeucu Versammlung erklären müssen, daß die Landesbank, nachdem sie einen gründlichen Einblick in den Stand der Dinge getan, das an sie ergangene Ersuchen abgelehnt habe. Probst Karlach selbst entschuldigt die Landesbank, indem er sagte, daß das Handeln und Feilschen mit denJnteressenten und Einlegern, damit sie etwas von ihren Forderungen Nachlassen, für die Landesbank nicht passe, weil das eine „jüdische Mache" sei, zu der das vornehmste Geldinstitut des Landes sich unmöglich hergeben könne. Muß man da nicht — nicht blos der Jude, sondern jeder gerecht und billig Denkende — staunen, oder vielmehr die tiefste Empörung empfinden, wenn in einer Versammlung, in welcher über die Sanirung eines durch Millioimdefraudation verkrachten katholischen Geldinstitutes das Wo.t „jüdisch" zur Bezeichnung des Gemeinen und Unehelichen gewählt wird?! Möchte man da nicht glauben, daß die St. Wenzel;- Vorschußcasse von lauter Juden gegründet und geleitet worden iü, daß Rabbiner und nicht hervoeragende katholische Geistliche an ihrer Spitze standen, vielleicht gar, daß St. Wenzel ein jüdischer Heiliger war, und daß das nach ihm benannte Institut den Zweck hatte, jüdische Interessen zu fördern?! Nein, die Inden haben nie, so sehr sie auch aut den Gelderwerb angewiesen waren, die Religion mir dem Manmou zusammengespannt und die Namen heiliger Personen mit Geldinstituten verbunden, und selbst die in jüngster Znt von den Zionisten gegründete Colouialbank wurde nicht nah einer biblischen Persönlichkeit benannt, auch haben Rabbiner sich nie mit der Leitung von Banken befaßt. Es gehört wirklich mehr als Unverfrorenheit dazu, in einer Zeit, wo an allen Ecken und Enden ZaloLnäs krachen, wo man au jedem Morgen, sobald man die Zeitung in die Hand nimmt, von einer neuen Defraudation liest, die von Nichtjuden begangen worden ist, von „jüdischer Mache" zu sprechen. Aber das ist ja immer so gewesen! Alle die Schändlichkeiten und Niederträchtigkeiten, welche von Leuten, die im eigenen Lager zu suchen waren, begangen worden sind, hat man den Juden in die L-chuhe geschoben und das Wort „Jude" und „jüdisch" mit d.m eigenen Schmutze besudelt. Wir können aber auch daraus erkennen,, welchen Wert und welche Glaubwürdigkeit alle jene mittelalterlichen Documeute besitzen, welche von Judenfeinde» verfaßt sind uud über von Inden verübten Schändlichkeiten berichten. Vielleicht ist auch in dies.n das Wort Jude uud jüdisch nicht im buchstäblichen.