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Die Wahrheit · 1903-01-16 · Heft 3 (16.1.1903) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 3 (16.1.1903)
Date
1903-01-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Mahrheit.?tr. 3 auszulesen, ifi nicht ohne Erfolg gewesen. Hand aufs Herz; außer der Gottrsoffenbarung, die jeder Mensch in sich trägt, brauchen wir keine. Wie ist es im Lichte der wissenschaftlichen Forschung um die zehn Gebote bestellt? Es ist leicht, zu zeigen, wie aus engerem Interesse der einzelnen Glaubensgemeinschaften Aenderungeu nicht nur in der Anordnung, sondern auch im Texte vorgenommen wurden, und zwar Aenderungen ganz wesentlicher Art. Und doch sollen die zehn Gebote die eigenste Offenbarung Gottes an Moses sein. Aber selbst Moses gieng nach der biblischen Ueberlieserung mit den Tafeln nicht so um, wie er es hätte thun müssen, wären sie ihm die höchste Offenbarung Gottes gewesen. Wie konnte er an einer göttlichen Darbietung willkürlich ändern? Was wir als die erste Pflicht eines Jeden erachten, der es mit einem Documeut zu thun hat, nämlich, daß er es rein und unverfälscht überliefert, das soll Moses an einer von Gott herrührenden, den Inhalt aller Gesetze und Moral enthaltenden göttlichen Darbietung außer Acht gelassen haben? Aber wir wissen seit Dillman, daß es mehr als einen Text der zehn Gebote giebt, und zwar Texte, die zeitlich weit auseinander liegen. In Wirklichkeit steht es um die zehn Gebote so: Von altersher waren Bräuche und Gesetze ausgebildet; es gab Normen für das Handeln in Haus und Gemeinschaft, dem Mitmenschen und der Gottheit gegenüber. Alle diese Normen wurden zusammengelegt und Moses zugeschrieben, so daß er in der Ueberlieferung als der geistige Urheber von alledem erscheint, was in den mosaischen Gesetzen enthalten ist. Nun wissen wir aber, daß in Babylon lange vor der mosaischen Zeit ein wohlgeordneter Rechtsstaat bestand, mit Gesetzen, in denen sich alle die Bestimmungen finden, die Moses anfstellt. Obenan steht darin der Schutz der Waisen, der Witwen und der Schwachen. Wer aber in aller Welt möchte meinen, daß die Gesetze von Babel göttlichen Ursprunges seien! So gut wie sie menschlichen Ursprunges, sind es auch die mosaischen. Es wird Sache zukünftiger Forschung sein, zu ermitteln, was an den mosaischen Gesetzen spezifisch israelitisch, was allgemein semitisch, was babylonischen Ursprunges ist. Viele Uebereinstimmnngen fallen ins Auge wie der Rechlssatz Aug' um Auge, der Sabbath und vor Allem der Jahve-Gedanke. Daß der Jahve-Gedanke babylonischen Ursprungs ist dieser sein vorjähriger Ausspruch habe wie ein Donnerschlag, gewirkt. Trotz all der Erregung, wo uit dieser Satz bekämpft, wurde, er bleibt bestehen, renn er ist die Frucht wissenschaftlicher Erkenntniß. Tie Widersacher haben sich dagegen gewehrt, daß babylonische Cultur mit der biblischen in eine Reihe gestellt worden ist, und werben nicht müde, auf die Scheußlichkeiten hinzuweiseu, die sich in der Ueberlieferung von Babel fiuben sollten. Dabei haben sie viel Willkürliches und Unwahres behauptet; sie haben den Babyloniern Dinge nachgesagt, von denen sich in den Documenteu keine Spur findet. Nur eines von vielen. Man vergleiche nur die Verehrung, die in Babel die Flau hatte, mit der Stellung der Knechtschaft, welche der Frau in der Bibel zugewiesen. Nirgends findet sich dort ein Frauenname, aus dem hervorginge, daß das Mädchen als Geschenk Gottes angesehen wurde. Als Eroberer habe» sich die Juden auch nicht gerade milde erwiesen, und von der Bilderverehrung konnten sie nicht loskommen. Die babylonische Ueberlieferung soll unsitttliche Dinge enthalten. Man vergesse aber nicht, daß oft genug gefordert worden ist, daß man Bibelausgaben für den Schulgebrauch herstelle. Was es mit der Unsittlichkeit der Babylonier ans sich hat, das lehrt unter Anderem, daß man bisher bei den Ausgrabungen noch keine obscöne Frauenfigur gefunden hat. Selbst gegenüber der homerischen Cultur ist iu Babel sogar ein seiner Frauencult heimisch. Fünfmal des Tages betet der Moslem eine bestimmte Sure sein Vaterunser. Darin nimmt er allein für sich die echte Lehre, in Anspruch. Ganz so ist es mit dem jüdischen Monotheismus bestellt. Jahve ist ausschließlich der Gott der Juden. Alle Andersgläubigen haben an ihm nicht theil. Das ist eine schreckliche Lehre, ganz erfüllt vom Egoismus, unvereinbar mit allem religiösen Empfinden, dieser particularistische exclusiv^ Monotheismus. Er ist überwunden durch das Christenthnm. Wenn auch dem Alten Testament der Charakter einer Offenbarung genommen wird, seine Bedeutung behauptet es als Zeugniß eines großen religionsgeschichklichen Processes. Das viele Schöne in ihm wird in uns immer ein Echo finden. Aber wir dürfen an dem Veralteten nicht festhalten. Alles Irdische ist wandelbar. Die Neformation hat vieles Alte überwunden; aber sie ist nur eine Etappe der Entwicklung. Die freie Forschung in der Wissenschaft dringt unaufhaltsam vorwärts. Ihre Pfleger sind die Vorkämpfer des großen Wortes von der NothwenUgkeit der Weiterbildung der Religion. Die Hörerschaft, die den Saal der Berliner Singakademie bis auf den letzte» Platz füllte, folgte mit gespannter Aufmerksamkeit Delitzsch's Ausführungen, die er durch Lichtbilder von Fundstücken, Gegenden und Vergleichsobjecteu erläuterte. Eimvanderungsgesetz in Ungarn. Das neue Einwailderuiigsgesetz, das aut 9. d. M. dem Ungar. Abgcordnetenhanse zur Berathuug vorlag und, so sehr man auch dessen coufessionellen Charakter auf Seite der Regierung leugnen mag, sich vornehmlich gegen die Einwanderung galizischer und rumänischer Juden wendet, brachte eine ganz regelrechte Judendebatle. Die Redner der clericalen Volkspartci brilllrten mit antisemitischen Tiradeu und Mätzchen, die der Unabhärg'gkeitspartei war.n halb warm, halb kalt, und wenn auch Ministerpräsident Szell den ungarischen Juden von der Negierungsbaiik aus ein patriotisches Wolverhaltungszeugnis ansstellte und die Erklärung abgab, daß der Antisemitismus leinen Eingang in die Gesetzgebung finden dürfe, so brachte die Debatte dennoch zur Evidenz, daß auch in dem liberalen Ungarn weite politische Kreise von der modernen Volkskrankheit erfaßt sind. Als erster Redner sprach Franz Buzät von der Volkspartei, der natürlich nur aller Emphase für das Gesetz eintrat und bei dieser Gelegenheit eine scharf papricirte Hetzrede von Stapel ließ. Ihm folgte Samuel Visontay von der Unabhängigkeitspartei, der, obzwar er noch Jude sein soll, seine Rede mehr im Geiste der Vollspartei hielt. Unter dem Beifalle der Clericalen billigte er die Ausführungen Luzäth's betreffend die nachtheilige» Folgen der galizischen Einwanderung und ebeufo warme Theilnahme fand er bei dieser Partei für die Stellungnahme zu Gunsten des verstorbenen Regierungskommissärs für die rutheuische Aktion, Eduard Egan, der seiner Ansicht nach sich nicht durch conseffionelle Rücksichten habe leiten lassen. Dagegen schwieg die Volkspartei, als Visontai für die ans Rumänien vertriebeuen Inden eintrat und die diesbezügliche Ha tung der rumänischen Regierung als eine eclatante Verletzung des Berliner Vertrages bezeichnete. Die Vorlage selber nahm Visontei als Basis für die Specialberathung an, machte aber die endj giltige Votirung von der Annahme eines von ihm einzubringenden Amendements abhängig. Nachdem noch Uray von der Unabhängigkeitspartei und Zboray von der Vollspartei gesprochen, wurde die Generaldebatte geschloffen. Nun reflectirte Ministerpräsident Szell auf die oorgebrachten Argumente. Den Einen sei die Vorlage zu gelinde, den Anderen zu drakonisch, aber die Wahrheit liege in der Mitte. Di: Vorlage habe keine confrssionelle Tendenz, sondern wolle nur verdächtige Elemente abhalten, wogegen auch die patriotischen Juden nichts einzuweuden haben. Auch gegen die rumänische j Einwanderung habe die Regierung entsprechende Maßnahmen > getroffen, er zweifle aber, ob man gegen Rumänien ans Grund i des Berliner Vertrages Vorgehen könnte. Die Vorlage wurde! dann mit großer Majoritäl votirt, im Nachstehenden ein Ansj zug der Reden:! Soma V is o u t a i will die Vorlage von dem Gesichtspunkte j beurtheileu, ob die den heutigen Auffassungen entsprechenden Disj Positionen des Fremdenrechtes und der -Polizei in dem Entwürfe enthalten sind und ob dieselben dem Zwecke entsprechen. Nach

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