Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 3 (16.1.1903)
- Date
- 1903-01-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Vor ungefähr Jahresfrist hielt' Professor Friedrich Delitzsch in Berlin einen Vortrag über das Thema: „Babel und Bibel", in welchem er die Originalität der mosaischen Ueberlieferung in vielen Beziehungen bestritt und den Nachweis zu fuhren versuchte, daß manches Wesentliche derselben ans der babylonischen Cultnr entlehnt sei. Dieser aufsehenerregende Vortrag hatte eine tiefgehende wissenschaftliche Controverse zur Folge, indem hervorragende christliche und jüdische Gelehrte den Anschauungen Delitzsch' offen, entgegentraten und seine Behauptungen als unbegründete Combinationen hinstellten. Der Widerstreit der Meinungen wird nun von Neuem angefacht werden durch einen zweiten Vortrag, den Professor Delitzsch vor einigen Tagen in Anwesenheit des deutschen Kaisers, der Kaiserin, des Reichskanzlers, des Cultnsministers und anderer hervorragender Persönlichkeiten über das gleiche Thema hielt, wobei er seine Anschauung noch eingehender begründete und an seinen Kritikern scharfe Gegenkritik übte. Bei der großen Bedeutsamkeit, die dem im Vorträge behandelten Thema naturgemäß innewohnt, halten wir es angezeigt, im Nachfolgenden unsere Leser mit dem Inhalt desselben eingehender vertraut zu niachen, und erachten es als eine unabweisbare Pflicht namentlich der jüdischen Gelehrten, den Kampf um unser heiliges' Gut, die Bibel, mit aller Macht der wissenschaftlichen Begründung anszunehinen: Es ist ein Jammer, so führte der Vortragende in der Einleitung ans, daß Viele, die sich freuen sollten, daß die Asfyriologie Vieles aus der Bibel anfhellt, was bisher dunkel war, sich abseits stellen und sich jeder Theilnahme an der neuen Kenntniß verschließen. Eine Fülle neuer Erscheinungen stürmt aus den Steintrümmern von Babylon ans uns ein. Er vermeide es grundsätzlich, von Bestätigungen biblischer Berichte durch babylonische Funde zu berichten. Es wäre schlecht um das Alte Testament bestellt, wenn es erst durch solche Bestätigung seinen Werth erhalten sollte. Aber es wäre eine Sünde, wollte der Bibelforscher die Ergebnisse der Asfyriologie unbeachtet lassen. Auf allen Gebieten sind Früchte zu sammeln, und mancher alte Glaube wird berichtigt. Dann kommt in Betracht, was uns die Asfyriologie zur Textansgelung der Bibel Neues lehrt. An allen schwierigen Stellen der Bibel wird herumgedeutet. Durch Plattheiten will man der Schwierigkeiten Herr werden. Jeder Freund der Bibel sollte an der Arbeit theilnehmen, welche die Entzifferung der Tausende von Thontaseln erheischt und die einen sicheren Fortschritt in der Bibelerkenutniß verbürgt. Ein Bei'piel für viele. Wir sind von Jugend ans erblich belastet mit . der Vorstellung von dem Wahnsinn des Nebnkadnezar. Wie steht es aber mit der Erzählung. - wenn man sie an der Assyriologie prüft? Da zeigt es sich — und Eberhard Schrader's Forschungen Hütten einem jeden Jngenderzieher eine Mahnung lein müssen, die Nebnkadnezar-Erzählung nicht ganz in der biblischen Ueberlieferung seinen Schülern vorzmragen — daß auf Nebnkadnezar gar nicht alles das zntrifft, was man ihm nachsagt. Ganz anders vielmehr hat nach babylonischen Quellen all jenes Unheil er seinen Feinden gewünscht, und erst spätere Ueberlieferung hat jenen Fluch Nabnkadnezar's ans ihn selbst übertragen. Es ist mit Freuden zu begrüßen, daß in Jerusalem ein deutsches Institut für Alterthumskunde des heiligen Landes begründet worden ist. Es kann für den jungen Theologen nichts Besseres geben, als wenn er sich mit dem Leben in der Wüste vertraut machte und einige Zeit dort unter den Beduinen lebte, die dort noch gerade so Hansen wie in den alten Zeiten, und ihren phantastischen Erzählungen lauschte. Es würde ihm erst dann für die Ueberlieferung aus dem Orient und damit für die Bibel das Verständniß anfgehen; wie Schuppen würde es ihm von den Augen fallen. In vielen Einzelheiten tritt die Uebereinstimmnng zwischen assyrischer und biblischer Darstellung zu Tage. So in der Heiligkeit der Dreizahl, in der Auffassung des Speichels als des Elements des Lebens, in der Vorstellung von der Erlvecknng vom Tode u. A. m. Es gibt keine größere Verirrung des menschlichen Geistes als den Glauben, die Bibel sei eine persönliche Offenbarung Gottes. Der Inhalt der Bibel selbst widerspricht in einzelnen Theilen durchaus dieser Anschauung. Das Buch Hiob enthält Stellen, die an Blasphemie grenzen. Das Hohelied enthält weltliche Lieder voller Lust. Umsonst bemühen uch in Einseitigkeit befangene Ausleger, durch künstliche Constrnctionen solchen Stellen einen Sinn unterznlegen, der dem Inhalt fremd ist, nur um sie in ihie Anschauung von dem göttlichen Ursprung einzuzwängen. Die wissenschaftliche Theologie har auch längst erkannt und gezeigt, daß die Bibel durch fortdauerndes Umarbeiten und Jneinanderarbeiten von ganz verschiedenen litterarischen Bestandthcileu zu dem Canon geworden ist, der uns vorliegt. Das Bemühen, die Bestandtheile aus dem Ganzen