Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 2 (9.1.1903)
- Date
- 1903-01-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit. Seite 9. Nr. 2 stützen werde, solle dabei keineswegs verzichtet werden. Aber endlich solle einmal mit der Heranziehung der Bezirscommissionen der Anfang gemacht werden, und da biete sich bei der Obsorge für diese armen Kinder die erste Gelegenheit, ihnen ein reiches und ergiebiges Feld für gemeinnützige Bethätigung zu eröffnen. Abgesehen davon, dass es durch Uebertragung dieser Agenden an die Bezirkscommissionen ermöglicht wäre, nicht zwanzig und mehr Kinder, sondern nur zwei bis drei unter die Aufsicht einer einzelnen Person zu stellen, würden sich die Mitglieder der Bezirks-Commissionen nicht nur für das gegenwärtige Wol der ihnen zur Ueberwachung anvertrauten Pfleglinge lebhaft interessiren, sondern ihnen auch in ihrem weiteren Lebenslaufe, namentlich in der Wahl und Bestimmung geeigneter Lebensberufe, ersprießliche Dienste leistln, die man von den Lehrern weder erwarten, noch verlangen könne. Aus diesem Gründen müsse sich Redner gegen die Anstellung der drei Lehrkräfte, zur Obsorge für die verlassenen Kinder aussprechen und mit voller Ueberzengung für die Heranj ziehutlg der Bezirscommissioneu zu derartigen Actionen ein-! treten. (Beifall). Wilhelm K u ffner identificirt sich mit den Ansführungn des Vorredners und hält die Mitglieder der Bezirks-Commissionen schon darum geeigneter für die Obsorge für diese j Kinder, weil Sie mit ihren Lebeusgewohnheiten vertrauter sind. ' Redner glaubt, dass auch die Frauen der Bezirksräthe an dem! Schicksale der der Obhut ihrer Gatten anvertrauten Kinder j Antheil nehmen und dieselben nach jeder Richtung fördern j werde. Er werde daher für den Antrag Pollak stimmen.! Salo Cohn begrüßt auf's Freudigste den Antrag Pollak! und unterstützt denselben unter'Hinweis aur ähnliche Einrichj tuugen in Deutschland, wo Großartiges geleistet wird, ohne dass der Gemeiudesäckel in Anspruch genommen wird. Ritter v. Goldschmidt plaidirt für den Referentenantrag. Den Anregungen des kais. Rath Pollak könne man dadurch gerecht werden, dass die Bezirkscommissionen ersucht werden, sich mit den beaufsichtigenden Lehrern in's Einvernehmen zu setzen. An der weiteren Debatte betheiligen sich noch Dr. Berger, dee Präsident, Oberfinanzrath Dr. Rappaport, und Heinrich T e l t s ch e r. Letzterer tritt für den Antrag Pollak ein, weil er praktischer in der Ausführung und zweckentsprechender für das Wohl der verlassenen Kinder ist. Die Bezirkscommissionen schauen gierig nach einem Arbeitsfeld aus und hier bietet sich ihnen Gelegenheit für ersprießliche Thätigkeit. Die Männer des praktischen Lebens werden die Bedürfniße der armen Kinder diel besser erfassen als Lehrer, und namentlich ihnen auch bei der Wahl geeigneter Lebensberufe große Dienste leisten können. Mit diesem Anträge nähern wir und um einen Schritt dem Elberfelder System, dessen Verwirklichung aus dem Gebiete der Armenpflege Redner anstrebt. Jedenfalls möge man den Versuch machen, die Obsorge für die verlassenen Kinder den Bezirkscommissionen zu übertragen, und er hege die vollste lieberzeugung, daß dieser Versuch gelingen werde. . Referent Dr. Steiner hält die Bezirkscommissionen wohl für administrative Maßnahmen geeignet, aber für Wohlthätigkeitsactionen taugen sie nicht. Er verweist auf die Institution der Waisenväter und Waisenmütter, von denen viele nicht die Adressen des ihnen anvertrauten Kindes wissen, viel weniger noch, dass sie sich um seine. Zukunft bekümmern. Man sieht es auch bei der Armenanstalt. Ein Beamter leistet mehr .und bessere Recherchen als alle Vorsteher. In der ersten Zeit werden die Bezirkscommissionsmitglieder sehr begeistert sein, nach vier Wochen sich aber um nichts mehr kümmern. Am verlässlich stell ist der Beamte, der zur Rechenschaft gezogen werden kann. Die Rückverweisung des Antrages an das Vertretercollegium sei eine Gefahr für die nächste Zeit der armen Kinder, und darum bittet Referent, für jetzt die Lehrer zu bestellen und betreffs der Zukunft im Vertretercollegium die weiteren Berathungen zu pflegen. Kais. Rath Wilhelm Pollak reagirt zuerst in thatsächlicher Berichtigung auf die Behauptung des Referenten Dr. Steiner, dass er mit Schlagwörter arbeite, und bemerkt, dass der Referent wol insoferne Recht habe, als die Bezirkscommissionen bisher ein Schlagwort geblieben sind; ein Schlagwart darum, weil mehr als 2 Jahre verflossen sind, 'in denen diesen Commissionen nicht einmal ein Hauch von Leben eingeflößt, gescheize denn an die Activirung derselben geschritten worden sei. Gerade den jetzigeit Anlaß wollte Redner benützt wissen, um den Beweis zu erbringen, dass diese Commissionen nicht nur znr Verwal tungs-, sondern entgegen der Ansicht des Referenten, auch zu Wohlthätigkeitsagenden geeignet seien. Das Herz im Leibe mußte Einem höher schlagen, wenn man wie Redner, heuer Zeuge von Chanukabescherungen war, bei denen sich Männer und Frauen, der zionistischen Partei.angehörig oder dem Cultuvorstande nahestehend, mit gleichem Eifer und Erfolg bei der Bekleidung und Beteilung armer Kinder bethätigten. Darum mäße er an seiner Anschuung festhalten, dass auch zur Beaufsichtigung der Pflege verlassener Kinder die Mitglieder der Bezirkscommiss-dnen heranzuziehen seien und ihre Pflicht in vollstem Maße erfüllen werden. Redner schließt sich dem Referenten nur deshalb an, weil dieser in so grellen Farben schildert, dass den Kindern bis zur Activirung der Bezirkscommissionen ein Schaden geschehen könnte, bittet aber, weitere drei Leh.rer nur auf Widerruf mit der einstweiligen Ueberwachung zu betrauen, welche dann sofort von den Commissionen zu übernehmen sei. Kais. Rath Weil und Wilh. Kuffner beantragen den Refereutenantrag nur für eil» Jahr zu bewilligen und den Antrag Pollak dem Vertretercollegium zur Würdigung und baldigsten Beschlussfassung' zu übergeben. Kais. Rath Pollak erklärt sich damit einverstanden, wenn ein Termin von längstens 6 Monaten festgesetzt wird. Der Vorsitzende hält es wohl für schwer, persönlich ein bindendes Versprechen zu geben, da er ja nur die Beschlüsse des Vorstandes anszuführen habe, aber er glaubt, dass die Behandlung dieser Angelegenheit in der gewünschten Frist möglich sein werde, und hierauf wird der Referenteuantraz mit dem Zusatzantrage Weil-Kuffner angenommen. Nach einem weiteren Referate des Herrn Dr. Maxim. Steiner über Subventionirung eines Kindergartens in der Brigittenau, die der Vorstand auch pro 1904 genehmigt, wird die öffentliche Sitzung um ^2 Uhr Nachmittags vom Vorsitzenden geschlossen. Israel. Bethausverein im IX. Wiener Bezirke. Unter recht lebhaftem Zuspruch fand am 30. December die diesjährige Generalversammlung für das 36. Verwaltungsjahr des israelitischen Bethaus-Vereines „Chewra Beth Hat« filah“ im IX. Bezirke, im imposanten Ceremoniensaale des Tempels in der Müllnergaße stat. In seiner Eröffnungsansprache gab der Obmann Herr Gottlieb Bettelh e i m feiner Freude über die rege Betheiligung der Mitglieder Ausdruck und begrüßte zugleich den als Vertreter des Cultusvorstandes erschienenen Vicepräsidenten Dr. Gustav Kohn, ferner den Präsidenten des Vereines zur Hebung der Gewerbe, Herrn S. Brod u. s. w. Das Protokoll der letzten Sitzung wird vom Schriftführer, Herrn CommerciaLrath Neuftadtl, verlesen und verificirt. Hierauf bringt der Vorsitzende den Jahresbericht zur Verlesung, welcher auf allen Gebieten eine gedeihliche Entwicklung des so überaus gemeinnützig wirkenden Vereines constatirt und der wichtigsten Ereigniffe im abgelaufenen Jahre gedenkt. Die Versammlung folgte der Verlesung mit gespannter Aufmerksamkeit und zollte an mehreren Stellen lauten Beifall. In verstärktem Maße kam die Zufriedenheit der Vereins- Mitglieder mit seiner Leitung zum Ausdrucke, als zuerst vom Ausschußmitgliede Herrn Trebitsch und dann vom Bereinsmitgliede Herrn M. Freund der Antrag gestellt wurde, von der