Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 2 (9.1.1903)
- Date
- 1903-01-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063163-3063165--02283-3068945- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seit« 6. Die Wahrheit. Nr. 2 L - welche das Kind stets umgeben, sind es, die bei jeder Gelegenheit dessen jugendliche Charakterzüge zn durchforschen, dessen abwcchslrrngsreiche Gemühtsstimmungen zu ergründen, mit einem Wort, dessen Thun und Lassen streng zu überwachen haben und bestrebt sein müssen, dem zarten Sprößling, sobald er Symptome vorzeitiger Urtheilsfähigkeit und Entschlossenheit zeigt, jene Lehensauschauungen beizubriugen, die ihn rechtzeitig von falschen, überspannten Begriffen über Ehre und Pflichte» befreien und feruhalten. Ein derartig veranlagtes Kind muß ^mittelbar in den Stand gesetzt werden, die großen Fragen des Lebens von den kleinlicher, zu unterscheide,r und auf das schwache Selbstbewusstsein seines Jchs weniger Werth zn legen, als ans die heiligen Gesetze der Menschlichkeit und Religion. Allerdings gerät das leicht erregbare Gemüt des Kindes bei solchen Anlässen, beispielsweise bei Erhalt eines ungünstigen Schulausweises, sei es aus Scham vor den Mitschülern, sei xs aus Furcht vor der elterlichen Züchtigung, leicht in den Zustand hoher Gereiztheit und sucht um jeden Preis einen Ausweg aus der unerquicklichen Situation zu finden, allein bei einer fürsorglichen, dem Naturell und der Gemühtsart des Kindes anpaffenden Erziehung wird dasselbe auch im aufgeregten Zustande niemals zu solch verwerflichen Mitteln greifen. Wir waren ja auch einmal jugendliche Kinder und auch unter uns gab es nicht selten leichtfinnige Naturen, säumige, pflichtvergessene Schüler, aber bei aller eiserner Strenge und Consequeuz, die unsere Eltern uns gegenüber walten ließe,!, kgm niemand von uns auf den Gedanken, bei schlechter Notifikation in den Schulgegenstäuden lieber fluchtartig das Elternhaus zu verlassen, als die bevorstehende Strafe über sich ergehen zu lassen. Za das war eben noch die gute, alte Zeit. Zone Zeitepoche, in der die zarte Jugend noch nicht so aufgeweckt und aufgeklärt war, wie die heutige, in der sie sich noch willenlos und gefügig den Mahnungen, Weisungen und Ahndungen der Eltern und Lehrer unterzog und nach dem Dafürhalten und Musterbilve dieser ihnen über Alles hochstehenden Personen die richtigen Lebensauschauuugen und Lebensbegriffe sich bildeten. Will man aber aus den Ursprung dieses Uebels zurückkommen, unter welchem unsere heutige Jugend so empfindlich zu leiden hat, so ergibt sich die unverkennbare Thatsache, daß derselbe nur in der mangelhaften religiösen Erziehung liegt, in ungenügender Kenntnis der Religion und deren Lehren und in dem Umstande, daß unsere Kinder für Alles mehr Empfindung und Begeisterung haben, als für das, was sich Jndenthum und jüdisches Leben nennt. Und wenn auch solche crasse Fälle von Pflichtvergessenheit, wie die angeführten, Gott sei dank, nur äußerst selten bei Kindern jüdischer Familien sich ereignen, so mag dies wohl einem günstigem Zufälle zuzuschreiben sein, aber nicht zu der Annahme berechtigen, daß unsere Jugend, bei allen seelischen Vorzügen, die sie besitzt, gegen ähnliche Ueber- Zriffe gefeit und ähnlichen Versuchungen stets moralischen Widerstand zu leisten vermag. Und darum, Ihr fürsorglichen Eltern und Familienoberhüupter, Ihr Väter und Mütter unseres Glaubens, wenn Euch die Zukunft Eurer Kinder am Herzen liegt, dann haltet Euch beider Erziehung derselben die Gegenwart mit ihren gefahrdrohenden Strömungen und Bewegungen vor Augen, lasset Wch nicht von der .Moderne", die selbst vor den heiligsten Traditionen und Ueberlieferungen ans des Judenthumes glorreicher Vergangenheit nicht Halt macht, nicht beeinflußen und zu dem grundfalschen Gedanken verleiten, daß es auch ohne Religion und ohne Gouesvertrauen eine Kindererziehung gibt, sondern stärket und befestiget Eure Lieblinge schon frühzeitig in der Liebe und im Vertrauen zu Gott und in der Heiligung der Religion und ihrer Lehren — dann, ja nur daun werden sie auch iu der Liebe und Verehrung zu Euch erstarken, in allen Schicksalswendungen und Wechselfällen des Lebens stand halten und als würdige, anhängliche Kurder und unzertrennliche Mit gliedcr und Namensträger der Familie sich erweisen. Daniel S k u t e z k y, W i e u. Äus der Wiener Cnltusgemeinde. Die letzte öffentliche Plenarsitzung des Cultusvorstandes, die am 6. Jänner, halb 11 Uhr Vormittags, unter dem Vorsitze des Präsidenten, Herrn kais. Rath Heinrich K l i n g e r, . stattfand und an welcher bereits die neugewählten Vorstandsmitglieder theilnahmen, bot iii mannigfacher Beziehung erhöhtes Interesse. Sie erbrachte auch neuerdings den Beweis, dass die administrative Entlastung, die das Plenum durch das Vertreter-Collegium erfahren hat, die Berathungen des ersteren auf ein höheres Niveau stellt, indem so die Möglichkeit gegeben ist, dass in den Plenarsitzungen wichtige prinzipielle Fragen zur Verhandlung und Beschlussfassung gelangen, und die Zeit nicht wie früher, mit kleinlichen Agenden verschwendet wird. Welch große Aufgaben der C.ultusgemeinde in nächster Zeit harren, das zeigte Präsident Klinger in seinem trefflichen Expose, das gleich der Frage der Anstellung weiblicher Lehrkräfte beim Religionsunterrichte, und der von Herrn kais. Rath Wilh. Pollak angeregten Heranziehung der Bezirkscommissionen bei der Obsorge für die verlassenen Kinder in den weitesten Kreisen mit großem Interesse ausgenommen werden dürfte. Im Nachfolgenden der Bericht: K^posö des Präsidenten. Präsident kaiserl. Rath Klinger eröffnet die Sitzung mit folgender Ansprache: Bereits gelegentlich der Agnoscirung der Wahlen haben wir der Befriedigung über die Wiederwahl jener Herren Ausdruck gegeben, welche die Reihe des Austrittes getroffen hatte. Heute sind wir in der angenehme Lage, die vier neugewählten Vorstandsmitglieder zu begrüßen; es sind dies — der alphabetischen Reihenfolge nach genannt — die Herren Prof. Dr. S. Ehrmann, Moriz B. Eißler, Sigmund Kanders und Heinrich Teltscher. Ich darf wohl die Ueberzeugung anssprechen, dass sich die genannten Herren in werkthätiger Weise an den Arbeiten des Cultusvorstandes betheiligen werden, und gebe ihnen die Versicherung, dass sie im Vorstände der besten Collegialität begegnen werden. Gestatten Sie, meine Herren, dass ich, nachdem wir uns in der ersten Sitzung im neuen Jahre befinden, für wenige Minuten Ihrer Zeit in Anspruch nehme; nicht so sehr, um ein Arbeitsprogramm zu entwerfen, als vielmehr um in großen Zügen jene Aufgaben zu skizziren, welche an den Cultusvorstand nach, meinem Erachten in diesem Jahre herautreten werden. Ich muß mit einigen Worten auf die Reorganitation der Arbeitseintheilung zurückkomm-'n. Wir waren bestrebt, das Plenum von der Ueberfülle rein administrativer und minder wichtiger Angelegenheiten zn entlasten, um demselben für. große und principielle Fragen Raum 'zu schaffen. Hiedurch ist aber die Thätigkeit des Vertreters-Collegiums in erheblichem Maße größer, ich möchte sagen, sie ist eine perenltirende geworden, sie erfordert, dass die Vertreter mindestens ein mal wöchentlich, oft aber mehrmals in der Woche, zu Sitzungen zusammentreten. Es ist deshalb dringend nothwendig, dass die Commissionen, welche Sie heute! wieder wählen werden, durch gründliche Vorberathungen die! Arbeiten des Vertreter-Collegiums thalkrästigst unterstützen.; Wichtige Fragen des, Cnltus harren der Berathung. Die j bestehenden fünf Gemeindebethäuser nehmen wohl die Mittel der j Gemeinde und unsere Thätigkeit in großem Maße in Anspruch. ° Damit halte ich aber — nach meinem persönlichen Empfinden — die Pflichten des Vorstandes in Bezug auf Cultusagelegenheiten als noch lange nicht erfüllt. Was speciell die Bethansvereine betrifft, so verdienen dieselben. — ich lege Werth daranf, dies hier zu betonen — insoferne sie begründete Anforderungen stellen, die thatkrästigste Förderung des Cultusvostaudes, und wir müssen in anerkenennder Weise der Männer gedenken, welche opferwillig die Leitung der Bethhansvereiue auf. sich nehmen. Wir müssen auch trachten, dem Mißstänbe, daß anläßlich der hohen Feiertage Gottesdienste in nicht entsprechenden Localen ahgehalten werden, endlich energisch zu steuerm, eine Angelegenheit, mit welcher sich in erster Linie die. Commission für.Cnltus- und rituelle Angelegenheiten zu beschäftigeu haben wird.