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Die Wahrheit · 1903-01-09 · Heft 2 (9.1.1903) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 2 (9.1.1903)
Date
1903-01-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2. Die Wahrheit. Seite 5. ischen Culturvölker so lange Zeit ließen, die Frage zu beantworten. Erst in den letzten Decennien des vorigen Jahrhunderts wurde die Antwort versucht und das Resultat des Versuches war die Entwicklungslehre, die Giordano Brunos Wort voll und ganz bestätigt. Diese Lehre führt uns mit unfehlbarer Sicherheit aus dem Sumpfe der menschlichen Thorheiten und Leidenschaften hinaus, aber nur dann, wenn wir alle Schwäche von uns abthun, wenn wir uns mit der winzigen kleinen Rolle begnügen, die uns die Gesetzmäßigkeit der Entwicklung zuweist, wenn wir auf die Erkenntnis jeder Zweckmäßigkeit in der Natur Verzicht leisten und uns entschließen, nichts anderes sein zu wollen, als endliche Erdengeschöpfe mit einem kurzen Leben auf diesem winzig kleinen Welt-Bruchtheile, den wir Erde nennen. Wieder durchdringt uns bei diesen Worten ein erstarrendes Kältegefühl, wieder erfasst uns der Schauder vor dem! Unendlichen und wieder sehen wir die Menschheit zaudernd > und bange vor der Antwort stehen, die sie auf die neue Frage > geben soll.! Doch hat sich ein großer Theil der Cnlturmenschheit! bereits entschlossen, dem neuen Zeichen zu folgen, die Entwicklungslehre als den Ausgangspunkt für eine neue Cnltur anznerkennen, auf dieser Grundlage das Fundament einer zu- \ künftigen Gesellschaftsordnung aufzubanen, und darin finde ich! den Grund der gegenwärtig bestehenden sozialen Verwirrung,! die eben mehr ist, als der Kampf um das Recht zwischen ein-! zelnen Gesellschaftsklassen oder Völkern, die vielmehr den Gegenj satz zwischen zwei Weltanschauungen in aller Schärfe zum Aus-; drucke bringt. Es ist dabei ganz nebensächlich, dass der! fundamentale Gegensatz in dem allgemeinen Kampfe Aller gegen | Alle häufig nicht herausgefunden werden kann, weil er eben! verschleiert wird durch vorwandliche Absichten religiöser, politischer, wirthschaftlicher, ethischer und nationaler Natur. Trotz-; dem ist er in allen Zusammenstößen der kämpfenden Parteien! wirksam und leicht nachzuweiien. Den Beweis dafür vermag ' ich hier ebenfalls nur anzudeuten. ' Die auf die Gesellschaft angewandte Entwicklungslehre z stellt die Menschen ohne jede Einschränkung als gleichberechtigte : Gesellschaftstheilnehmer hin. Sie muß für alle Theilnehmer . ans dieser Erde Gleichberechtigung verlangen, weil sie ein zweites Leben nicht kennt. Sie führt also trotz des Umweges über Nietz'sche zum Sozialismus, der in der modernen Cultur, wie Jedermann weiß, bereits vielfach in die Erscheinung tritt und als Hanptvertreter der neuen Weltanschauung aufgefasst werden muß. In dem Kampfe der neuen Weltanschauung mit der alten spielt die Gegnerschaft zwischen Antisemiten und Juden nur eine verhältnismäßig unwichtige Rolle, die nur ab und zu von den unmittelbar Betheiligten zu einiger Bedeutung aufgebauscht wird, indem das einemal ein sogenannter Ritualmord aus der Schaubühne der Oeffentlichkeit ausgesührt, das andere Mal etwa ein Verein zur Abwehr des Antisemitismus gegründet wird. Beides sind unwesentliche Episoden der gegenwärtigen Culturentwicklung. Der Zionismus als directe Abwehr des Antisemitismus hat erst in der letzten Zeit von sich reden gemacht. Trotzdem hat er es rasch zu einem Actionscomito und einer die Geldmittel sammelnden Bank gebracht. Diese Geldmittel werden wohl kaum die Bestimmung erhalten, in Palästina oder Argentinien Land anzukaufen. Die Pionnire des Jndenstaates werden das Schicksal der edlen Schwärmer theilen, die vor einigen Jahren zur Gründung von Freiland aufbrachen. Dr. Theodor Hertzka und Dr. Theodor Herzl — die Namen klingen recht ähnlich — werden höchstens als geistvolle Autoren von Utopien verzeichnet werden. Dem Judenthum aber wird das Entfallen des Judenstaates keinen Eintrag thun, eben so wenig wird der Menschheit überhaupt der geplante -Judenstaat fehlen, denn ich möchte doch glauben, dass die menschliche Gesellschaft mehr von dem Geiste der neuen Lehre durchdrungen ist, als sie selbst ahnt, dass sich die Knospe des neuen, modernen Glaubens verhältnismäßig rasch zur Blüthe der Ueberzeugung entfalten wird und dass dann Rückständigkeiten wie Antisemitismus und Zionismus von selbst abfallen werden. Zu diesen Rückständigkeiten muß auch der radicale Nationalismus gerechnet werden, der in unserem theuren Vaterlande so viele Köpfe verwirrt und den Kampf gegen die wunderbar organisirten Mächte des Feudalismus und Clericalismus geradezu aussichtslos zu machen scheint. Aber noch gährt eben der Most einer neuen Weltanschauung in dem so außerordentlich reich gefüllten Behälter der historischen Cultur, und eine lange Zeit mag noch vergehen, bevor sich aus dem schäumenden Chaos der perlende Wein einer neuen, zwar an der Erde haftenden, aber dennoch ideal schönen, des Menschen würdigen Weltanschauung und eines alle Menschen mit gleicher Liebe umfassenden Rechts- und Sittengesetzes abklärt. Die Vertreter der modernen Weltanschauung in allen Lagern werden trotz alldem eines Tages zusammenftehen und sich — um ein Wort aus-der Einleitung zu diesem Buche in das Schlusswort herüberzunehmen — aus der hohen Warte erkannter, nicht blos geglaubter Wissenschaft die Bruderhand reichen, denn weithin leuchtet schon jetzt das Licht der neuen Ertenntnis und es wird erst mit dem Menschengeschlechte erlöschen, wenn auch, was ich gern zugeben will, der Zeitpunkt noch sehr fern sein mag, an dem Zionisten und Antisemiten mit einander in der Erfüllung von allgemein menschlichen Cultnraufgaben wetteifern werden, an dem die neue Lehre zur allgemeinen Ueberzeugung und Grundlage des sittlichen Handelns wird. _ Der Zchulausweiö, der gefürchtete Dämon imferer Jugend. Ein Capitel zur modernen Selbsthilfe pflichtvergessener Schulkinder. So oft ein Semester oder Quartal an den öffentlichen Schulen und Lehranstalten unserer Jugend seinen Abschluß gesunden und den jugendlichen Abiturienten das Notifikations- Certifikat, der übliche Schnlausweis zur Einsicht und Vidirung der Eltern oder Vormünder ausgesolgt wird, wissen die diversen Tagesblätter und Lokalanzeiger von Flucht-, ja nicht selten sogar von Selbstmordversuchen jugendlicher, die Schule besuchender Kinder zu berichten, die in ihrem verletzten Ehrgefühl über die erhaltenen schlechten Fortgangsnoten und ans Furcht vor der zu gewärtigenden elterlichen Rüge oder Züchtigung Reißaus nehmen oder gar Hand an sich legen. So machte erst dieser Tage eine Notiz durch sämmtliche Wiener Journale die Runde, daß nicht weniger als sechs Schulknaben, darunter sogar reifere Mittelschüler, wegen schlechter Schulausweise heimlich das Elternhaus verlassen haben, seither noch immer abgängig'.sind und sich zweifellos ziel- und planlos in der Fremde umhertreiben. Also wieder mehrere Opfer des von so manchen dieser kleinen Zukunstsbürger so gefürchteten Dramas: Schulausweis! Ein halbes Dutzend halbwüchsiger Jungen, noch nicht dem Knabenalter entwachsen, fühlen sich in ihrer kindlichen Ehre verletzt und ihre vorzeitigen Lebensanschauungen über Ehre und Pflichtgefühl zwingen sie, den Tadel und die Schmach, die sie erlitten, durch die Flucht vom Elternhause wett zu machen! Und so müssen sechs Familienoberhäupter, vielleicht die zärtlichsten Väter und hingebungsvollsten Mütter, die es nur geben kann, ihr Kind, das sie so inniglich lieben und das sie so fürsorglich aufgezogen und der Stätte der Bildung zugeführt, eine Zeitlang schmerzlich vermissen und mit peinlicher Ungeduld die Stunden zählen, bis der Vermißte wieder ins Elterheim zurückkehrt! Welch' unsäglicher Jammer! Muß nicht jedem mitfühlenden Menschen und besonders den mit Kindern gesegneten Familienoberhäuptern das Herz bluten bei dem Gedanken an jene Eltern, die von einem so schweren Mißgeschick ereilt werden? Und doch, so bedauernswerth diese Eltern auch erscheinen mögen, so trifft sie dennoch ein weit größerer Theil der Schuld, als die für Alles verantwortlich gemachte Schule. Die Eltern

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