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Die Wahrheit · 1903-01-09 · Heft 2 (9.1.1903) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 2 (9.1.1903)
Date
1903-01-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Die Wahrheit. Nr. 2. Seite 4. Signatarmäcl te des Berliner Congresses erscheint, jenes Congreffes, der die Erhebung zweier türkischer Vasallenländer zu dem vereinigten, unabhängigen, selbstständigen Staate Rumänien an die vertragsmäßig festgestellte Bedingung anknüpste. daß das religiöse Bekenntnis bei der Gewährung und Ausübung bürgerlicher und politischer Rechte keinerlei Einfluß, keinerlei Unterschied üben dürfe, eine Bedingung, die bei dem Culturstände Europas selbstverständlich erscheinen musste. Ist es doch England, welches lange Zeit hindurch, bei den späteren zweideutigen und gewundenen Ausflüchten der rumänischen Regierung bezüglich der Einhaltung dieser vertragsmäßigen Bedingung, sich nicht beruhigen wollte. Ist es doch England, dessen Parlament wiederholt in letzter Zeit von den Klagen gegen rumänische Barbarei und Grausamkeit, gegen den offenen.! den Signatarmächten ins Antlitz geschleuderten Vertragsbruch j wiberhallte. In England haben aber auch schon längst vorher erleuchtete Staatsmänner sür das Recht der Juden und gegen deren Bedrückung die Stimme erhoben. Unvergeßlich sind die Worte, die Graf Shastesbury im englischen Oberhause vor gerade 40 Jahren der ganzen Welt znries: „Ueberhaupt glaube! ich, daß noch Niemand seine Hand auf das jüdische Volk gelegt hat, sei es um ihm weh- oder wohlzuthun, ohne ein Leid für das eine, eine Belohnung für das andere davon zu tragen." Ihre und Ihrer hochverehrten Herren' Collegeu hervorragende, edle That hat wieder die Überzeugung gestärktdaß für die idealen Forderungen der Menschheit sich immer noch Fürsprecher -finden, sie hat die Hoffnung in den Gemütern unserer unglücklichen Glaubensgenossen belebt, daß man sich auch in Rumänien j auf die Dauer über die Gebote der Menschlichkeit, über Völkerrechtliche Verträge und Verpflichtungen durch eine Fiction nicht hinwegsetzen kann, durch die Fiction, daß man Menschen, die im Lande geboren, Menschen, die ihre st a a t s b ü r g e r l i ch e n Pflichten a u G n t u n d B l n t e r f ü l l e u , zu „Fremden" stempeln, und als solche behandeln, ja mißhandeln dürfe! Sie und Ihre hochverehrten Herren Collegeu haben durch Ihr vorbildliches Beispiel dafür gewirkt, daß wieder einmal die Stimme des Rechtes die schrillen Töne des Hasses übertönt. Wir österreichische Juden, vor deren Augen tagtäglich die Schaaren der aus dem Nachbarlande Rumänien vertriebenen, flüchtigen Glaubensbrüder vorüberziehen, unsere Vereinigung, die im Namen von 200 jüdischen Cultusgemeinden Oesterreichs das Wort führen darf, empfinden es als eine beglückende Pflicht, Ihnen, hochverehrter Herr, und Ihren h chverehrten Collegeu unsere vollste Anerkennung, unseren wärmsten Dank anszndrücken." Antisemitismus und Zionismus'). ii. Ich übergehe nun zu dem Motiv des phantastischen Projektes. Der Autor nennt als solches mit dürren Worten: die Iudenuoty und fügt mit starker Phrase hinzu: Wer wagt es zu läugnen, dass diese vorhanden sei? Wenn unter In dennoch ein spezieller, besonders großer, der Judenschaft allein zukommender Zustand der Rechtlosigkeit verstanden wird, wenn unter Judennoth gemeint sein soll, dass die Judcnschaft als solche mehr zu leiden hat, als andere Klassen der bürgergerlicheu Gesellschaft in Europa, so sage ich klipp und klar: Nein, eine solche Judennoth besieht nicht, trotz des Antisemilismus und trotz der Antisemiten. Ich läugne nicht, dass die Juden Europas von der christlichen Bevölkerung auf das beste gehasst werden. Handelt es sich doch um eine Culturerbschaft. deren Vorhandensein auch auf jeder Seite der vorstehenden Mittheilungen nachgewiesen wird; allein ich kann *) In voriger Nummer wurde in Folge eines Druckfehlers der Name des Autors des citirten Werkes irrtümlich mit Willibald Bauer angegeben. Es sei hiemit konstatirt. daß der Verfasser der „Urkundlichen Beiträge zur Geschichte der mähr. Judenschaft" Herr Dr. Willibald Müller, Custos der Studienbibliotek in Olmütz ist. nicht zugeben, dass dieser vorhandene Judenhass der Christen so groß ist, um die europäische Judenschaft zu einer Atlswanderung nach Asien oder Amerika zu veranlassen. Auch die anderen Klassen der europäischen Völkerschaft stehen sich heute in bitterem Hasse gegenüber und ob wir die Trennungslinien der einzelner Stände nach nationalen, sozialen, politischen, wirtschaftlichen oder konfessionellen Gesichtspunkten ins A.uge fassen, wir nehmen überall einen beklageuswertheu Zusstüid gegenseitiger offener Feindschaft war. Man braucht nur. die Namen der verschiedenen Parteien und Parteigruppen aufzuzählen, um ebenso viele feindliche Brüder zu nennen, die sich mit heißem Bemühen das Leben gegenseitig zu verbittern trachten. Einzelheiten aus dem allgemeinen Bilde des gegenseitigen Hasses heranszugreifen, würde hier zu weit führen. Gewiß darf man aber ohne Widerspruch den heutigen Cnltnrzustand der Völker Europas als einen Kampf bezeichnen, in dem die historischen Scheidungslinien zwischen den Vertretern des Fortschrittes und des Rückschrittes ziemlich verwischt erscheinen, als einen Kampf Aller gegen Alle. Ich möchte versuchen, einschaltnngsweise in wenigen einfachen Worten die Entstehung dieses Kampfes anzudenten. Bis um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts lag die europäische Culturwelt unter dem Glanze Roms, war die Erde nichts als ein großer Garten, in dessen Mittelpunkt der Weltschöpfer den Menschen gestellt hatte, damit er über alle Creaturen herrsche und sich mit Hilfe der Gnade, die nur von Rom ausgieng, von der Erbsünde reinige. Nach der Eroberung von Constantinopel durch die Türken (1453) machte Europa rasch Bekanntschaft mit der altgriechischen Culturwelt und mit der schwarzen Knust Gntenbergs. Wenige Jahrzehnte später (1492) entdeckte Columbus Amerika, fanden Portugiesen (1498) den Seeweg nach Indien. Es musste nun eine neue Weltanschauung entstehen, unabhängig von Rom, denn die durch den Druck vervielfältigte Bibel kam jetzt in Jedermanns Hände und siehe da! sie enthielt nichts vom Papste, vom Fegefeuer, von der Messe, vom Teufel, vom Ablass. Der Gegensatz war also da und der Streit zwischen alter und neuer Weltanschauung musste beginnen. Und er hatte durch Luther kaum begonnen, — anders begonnen wie man erwartet hatte, — du erhielt die neue Weltanschaung abermals eine neue Richtung durch Kopernikus, der 1543 sein Buch: cte revolutionibus coelestibus veröffentlichte und damit den Beweis. erbrachte, „dass die Sonne den Mittelpunkt der Welt ausmache, dass die Erde nur ein Planet wie andere sei und sich wie die anderen Planeten um die Sonne bewege". Es war also jetzt nicht nur die römische Lehre, sondern sogar die Bibel discreditirt, und auch Luther nahm sofort gegen Kopernikus Stellung und schalt den Thorner Domherrn einen „Narren, der die ganze Kunst Astronomia umkehren wolle". Allein weder der Protest Roms, noch der Widerspruch Luthers änderten etwas an der neu entdeckten Thatsache.. Die Erde ifi;eiue Kugel und dreht sich um die Sonne, wie die übrigen Planeten, deren Beweguntzsgesetze Kepler im Jahre 1618 feststellte. Aber schon zr^vor war noch ein Wort gesprochen worden, das den Ausgangspunkt der neuen Weltanschauung endgiltig feststellte, das Wort von der Unendlichkeit des Weltalls durch Giordano Bruno, den die Kirche im Jahre 1600, von ihrem Standpunkte aus mit Fug und Recht, verbrennen ließ, denn aus dem Worte der Unendlichkeit des Weltalls lodert eine Flamme auf, in der jedes kirchliche Dogma verschwinden muß. Wenn der Fix« sternhimmel nicht die „achte Sphäre" ist, wenn es gar keine Himmelswölbung gibt, sondern nur Raum und Kugeln. Raum und wieder Kugeln bis ins Unendliche fortgesetzt, wo bleibt da ein persönlicher Weltfchöpfer, wo bleibt da die Liebe des Schöpfers zu seinen Geschöpfen, das Geheimnis der Menschwerdung, das Dogma überhaupt? Bei dem Versuche der Beantwortung dieser Frage suhlt man ein erstarrendes Gefühl von Kälte aus dem großen unendlichen Weltraum über sich hereinströmen, ein Schaudern üöer die eigene Winzigkeit, und darin liegt es, dass sich die enropä-?

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