Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 49 (26.12.1902)
- Date
- 1902-12-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 49. Unser Chanuka. Von Dr. L. Hirsch, Krumau. (Schluss.) Za, das Weihelicht, welches der Verbreitung des.Wunders xarsumeues gilt, das soll nie erlöschen, da es den Sieg der Gerechtigkeit über das Unrecht, die Gewalt der göttlichen Vergeltung gegen die scheinbar unbesiegbare Gewalt.entmenschter Tyrannei feiert; ein solches Licht, wo immer es ausleuchtet, es ist der Trost der Unglücklichen, die Erhebung der Verzweifelnden. Und wie sehr bedarf der Mensch dieses Lichtes in der finsteren Zeit, die alles besseren Empfindens bar zu sein scheint! Nur das Licht besserer Einsicht hat uns stets erhalten, wenn wir, von der Macht des Vorurtheils getroffen, schier an uns selbst zweifelten. Da traten tapfere Männer auf, die des Glaubens Fahne. hoch hielten und das Volk zusammenriefen zur Wahrung seiner Existenz, seiner Geschichte und seines Gottesideales. Solche Männer sind, Gott Lob, uns immer erstanden, sie haben, vpn hehrem Idealismus ergriffen, für Gesetz und Recht gegen Gewalt und Niedertracht geeifert. Das war ihr Glaube, ihre Ueberzeugung, von der sie keine Erdenmacht abbrachte. Es gibt eine Gerechtigkeit, die das Unrecht straft; an diese göttliche Gerechtigkeit appellirten sie, und mit Erfolg. Wie damals, so heute und immer. Männer von fester Gesinnung, die über Einzelheiten nicht der Gesammlheit vergeffen, die wegen dieses oder jenes Parteigruudsatzes in wichtigen Dingen nicht uneins sind und damit der gemeinsamen Sache schaden! „Sondere dich nicht von der Gemeinschaft ab!" das ist auch für unsere Zeit die Losung. Wer heute aus welchem Grunde immer seines Volkes Sache verlässt, begeht auch an sich selbst Verrath. Er vernichtet sein eigen „Ich", denn indem er aus dem Verbände seines Volkes scheidet, Hai er mit seiner eigenen Vergangenheit gebrochen, seine Väter verleugnet und geht in einer fremden Menge unter. Das fremde Element gewinnt an ihm nichts, da er ihnr zumeisr gleichgiltig gegenübersteht und sich an ihm unklaren Uebnngen und Bräuchen kaum nur äußerlich betheiligt. So stirbt der Neuegat dem alten Glauben ab und der neuen Lehre gegenüber ist er ebenfalls todt. Das eben ist der Fluch der bösen That, awero goseret awero, dass sie beständig nur neues Unheil stiftet. Würden dies Alle bedenken, sie würden mir mehr Muth in ihrem Unglücke ausharren, um dem größeren Unglücke zu entgehen. Denn heute und immer ist der Renegat vom ehrlich denkenden Manne verachtet, fremd im eigenen Lager, fremder noch im anderen Lager. Diese Beobachtung kann man stets machen und psychologisch auch ries begründen. Darum eben soll das Licht des reinen Gouesglanbens im Menfcherr still leuchten, unbeeinflusst von jedem andern Lichte. Sowie wir vom Ehannkalichte keinen Gebrauch zu irgend einem Zwecke machen dürfen, so soll das reine Licht der Gotleserkenntnis nicht durch irgendwelche falsche Ansichten der Zeit, durch Vorurtheile nationaler oder confessioneller Natur getrübt oder gar mißbraucht werden. Wir sollen uns nicht durch die jeweiligen Zeitströmungen dazu verleiten lassen, dieses Ehannkalicht mit anderen Lichtern zu vermengen, mit anderen zu vertauschen. Nicht der Weihuachtsboum, der ja an heidnische Brauche angelehnt ist, verdränge das Weihelicht befreiter Menschlichkeit, nicht ähnliche nichtjüdische Bräuche verstoßen das, was an unserer Väter Elend und ihre Besre ung uns leise, aber ernst gemahnt! Wenn bei einbrechender Nacht das Lichtlein uns an den Morgen besserer Zeit erinnert, so ist uns dies auch das gute oiwon-Anzeichen vafür, dass trotz der Nacht, die uns heute umhüllt, endlich doch wieder ein besserer Morgen anbrichl und uns tausendfach ersetzt, was wir in festem Mannesmnth und treuer Ausdauer für Wahrheit und Gerechtigkeit erlitten. Dass unser L-cht nicht zu harmonischem Glanze anderen Lichter sich gesellen kann, das hat ja die Zeit gelehrt. Je mehr wir versuchten, den andern uns zu nahen, desto kälter,! verächtlicher wurden wir ab gewiesen. Denn nicht durch Ver-! leugnung unseres Wesens, sondern durch Offenheit sollen wir Achtung uns erwerben; nicht durch Verhöhnung seines Volksj thums kann der Mensch vom Menschen Schätzung erlangen, - sondern durch begeisterte Pflege seiner Geschichte zündet er das Weihelicht seiner Menschenwürde und ehrt damit die Meusch- I heit, deren Würde er mit der Entäußerung seines Volksthums - in den Staub zerrt. Das sollte ein jeder bedenken, und er i würde sich dann Achtung und Schätzung aller Edlen ,'erwirken. ' Sei ein Mensch, wahre deinen Beruf als Erdenbürger, schände i nie den Ehrenschild - deiner Ahnen durch Verrats! Unsere Alten i bestimmten, dass ein Oar, ein Proselyte, beim Segensspruch : sage: „Der Wunder Israel erwies." Wie tiefsinning tft doch; diese Bestimmung, die uns lehrt, dass der Fremde, der unserer j Lehre sich weiht, sich ihr anschließt, bei uns jenes Recht der! Antheilnahme am Glauben findet, das mau anderwärts nicht i findet. Sind ja wir selbst diesem Glauben fremd, seinen; Satzungen schenken wir kaum Beachtung und würde uns nicht l Noth beten lehren, so hätten wir auch dies verlernt, j Allerdings gab es oft solche Zeiten in unserer Geschichte und nur die drückende Umgebung brachte zur Umkehr oder i zum Abfall. Es muß Sache jedes einzelnen werden, diesen Abfall in seiner Machtsphäre möglichst zu verhindern, indem j vorerst die Unwissenheit in jüdischen Dingen beseitigt .wird. - j Ist einmal dieses Uebel beseitigt, so gelingt es schon leichter, die Vorurtheile zu beheben. Denn nur gegen das nicht oder : halb Verstandene wendet sich unser Vorurtheil, unsere Ab-; neigung. Möchte doch ein jeder treue Sohn seines Glaubens! daraus dringen, dass sein Freund, sein Bekannter, ans den er l gewiss Einfluss nehmen kann, unter den Romanen auch einj mal eine jüoische Geschichte kaust, von der es heute so viele j großartige Darstellungen gibt. Wie oft ist bei Bar-mizwah; , Geschenken die Gelegenheit geboten, ein gutes jüdisches Werk ' zu kaufen, wovon allerdings oft der betreffende Geber keine; Ahnung har. Es empfiehlt sich daher, dass die Eultusbeamten immer wieder die Eltern auf solche Werke aufmerksam machen, die jüdischen Blätter immer wieder an auffallender Stelle aus j solche Werke Hinweisen und so fürs Judenthum etwas leisten.! Wenn mir auch in religiösen Dingen leider zum Theil „modern" (ober modern?) denken, so sollten wir doch wenigi steus unsere Geschichte kennen, die heule, zu unserer Schande , gesagt, jeder feingebildete Nichtjude, von unseren Geschästsi antisemiten gar nicht zu reden, wenigstens in ihren Grund-; zügen kennt. In jedem bessern christlichen Hause liegt eine Bibel zur eifrigen Lectüre auf, bei uns oft kaum ein Gebet-! buch. So weil sind wir gekommen. Während in großen j Städten Bibelstunden auch für Erwachsene abgehalten werden, streiten wir über diese oder jene leere Form, den Inhalt verj achtend. So sehr unser Vereinsleben blüht, so wenig scheint; unser religiöses Leben zu pulsieren, weil eben alles andere eher von uns gesucht wird, als unser eigener Herd. Man suchte in der hellenistisch-römischen Zeit eine Amalgamirung der jüdischen mit der heidnischen Lebensauffassung. Umsonst! Und man wird sie i wohl immer umsonst suchen, da das eine mit dem andern; kaum äußerlich, viel weniger innerlich harmonirt. Warum sucht , denn der Katholik oder Protestant sich ganz mit seiner Religion : zu durchtränken? Trotz seiner antisemitischen Grundsätze hängt! er an diesem Glauben, dessen einzelne Theile uns entnommen > sind, ohne auch nur den ungeheuren Widerspruch zu ahnen,! der darin liegt. Wir wollen ja unsere Antisemiten nicht Religion lehren, | dies bleibt uns ferne. Nur die Thatsache der Entlehnung j ihrer wichtigsten Lehren und Bräuche wolltenwir den consequenten Gegnern der „Rasse" Vorhalten. Allerdings sind es meist besseren Argumenten aus Eigennutz, Bosheit oder son-! stigeu Schwächen unzugängliche Elemente, die hier im Trüben; fischen. Denn wie kann ein vernünftiger Mensch die Religion i für die Fehler der Menschen verantwortlich machen? Die j Religion will ja das Individuum veredeln, ans dem Sumpfe sittlicher Verkommenheit herausarbeiten und nicht etwa zu