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Die Wahrheit · 1902-12-26 · Heft 49 (26.12.1902) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 49 (26.12.1902)
Date
1902-12-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 49. Die Wahrheit. Seite 5. Schlechtem führen! Wie kurzsichtig man überall) den „Inden" verantwortlich macht, wo es der verkommene „Mensch" ist, den alle Schuld trifft. Welche Thorheit oder Niedertracht gehört dazu, voll einer Religion, die auch den geringsten Genuss des Blutes strenge verbietet, den Genuss des Menschenblutes anzunehmen! Was wäre das für Gottesglauben, der den Genuss von Menschenblut vorschreibt? Es ist eine Gotteslästerung. zu behaupten, irgend eine Sekte des Judenthums verwende zu ihreli religiösen Uebuugen Menschenblut! Das lväre ja der heidnische Cult in seiner rohesten Form, der hier anslebte! Gott Lob, solch ein Gräuel war nie in Israel. Wären wir nicht im eigenen Hause fremd, so würden wir solchen Unsinn ganz anders zurückweisen! So aber ist uns alles „leerer Formenkram", den wir verdammen! Dem einen ist das Judenthum ein Unsinn, dem andern ein Gräuel, dem dritten etwas Veraltetes. Nur ein kleiner Rest will es verstehen und liebt es innig. Darum sind wir eben Fremdlinge. Gäste (xvnoi), die wohl dies oder jenes beachten, bas Meiste aber beiseite lassen. Wir sind am Schluffe unserer vielleicht oft zu düstern Anschauungen über die Verhältniße, die sich nun einmal ergaben. Möge dieses Jahrhundert die Menschheit zur Menschlichkeit zurücksühren, zu Milde und Liebe gegen einander! Möge die Zeit Allen Licht und Freude bringen, das jüdische Schriftthum wieder erblühen. Wir möchten die bekannte Eontroverse in j. der. nicht dahin untersuchen, ob die Worte und Lehren der Soserim mehr beliebt sind als die Lehren der Thora, oder ob nach R. Chanina die Aussprüche der oskenim mehr als die der Propheten gelten, sondern diesen Streit derart beheben. dass wir sagen : Die Worte unserer Gelehrten, unserer Führer werden uns wieder mit unserer Thora besreunden, da sie ja nur die lebendige Darstellung der Thora sind und nie mit ihr in Widersprach stehen können, wenn anders diese Männer seksnim »nd uobiimsürs Judenthum begeisterte Söhne Mathatias sind. Trachten wir alle der Welt Licht zu geben, der Mann im Leben draußen, die Frau im Hause, wie ihr ja die Pflicht, das Sabbatlicht zu zünden, seit den Schöp'nngslagen anserlegt wurde (j- Mbdat.) So möge beim Gott der Herr weiter den Streit der Gerechten führen, die Rechtssache der Gedrängten verfechten und alle Menschetikirider in Liebe und Versöhnlichkeit um jenes Licht scharen, welches die Zukunft der Menschheit sichert: Aufklärung, Liebe zu Gott und Menschen und wahre Duldsamkeit! Mit diesen Gnadengaben des Himmels rvird allmählich jeder seinen Berns als Mensch und Bruder erfüllen können. Lernberger Briefe. Eine kurze Spanne Zeit ist cs, kaum der Beachtung des Ehrollisten werth, welche zwischen Snkkoth und Chanuka vertu eicht, und doch, weiche Summe von Thäligkeit hauste sich in diesen wenigen Woche», eine Thäligkeit, welche wie goldige Soimenstrahlen weit in die Zukunft hineinleuchtet. Wir über blicken das Terrain und finde», dass sowohl von der Altbürgern rvie aitch von den akademischen herrliche Arbeit geleistet wurde. Im Vordergründe steht der Senior der Wohlthäter, Direktor Moriz Lazarus, der zu seinem Gebuustageam Simchath- Thora der Lemberger jüdischen Gemeinde ein Krankenhaus im Kostenbeträge von 600.000 Krolieu zum Geschenke machte. Das Lazarns'sche Spital wird aber mit dem landläufizen Namen „Krankenhaus" nicht passend bezeichnet, es ist eher -in Keankenpalast uwliecholau kulau aumer kowaud; denn in diesem Tempel der Hnmanitäl spricht alles von Ehr furcht. Uebei att Kunst, Geschmack, Ulitität, Solidität und herzenswarme Winien. Die Hygiene, die Mutter jeder Heilbestiffenheit, feiert hier wahre Triumphe. Das Lazarils Krankenhaus besitzt einen Venrilationsapparat, welcher wie ein Lebewesen mit seinen elastischen Athmuugsotganen jeden Augenblick den verbrauchten Luststrom in sich ausnimmt und frische Lust wieder abgibt. Das Lazarus- Spital athmet aus und ein. nach Wunsch und Auorduung der sanitären Leiter. Wie hart das böse Geschick den Kranken auch drücken mag. ans dem Krankenlager in diesem Spital empfindet er nur das Weiche und Wohlige der ihn mit aller Fürsorge umgebenden Pflege. Allein bei aller Erhabenheit dieser großherzigen Spende, tvelche wohl in unserer Gemeinde, trotz ihres hohen Alters, die erste in ihrer Art ist, können wir uns der Sorge nicht entschtageu, wie die ärztliche Kräfte, die eigentlichen Functronäre, die Priester und Künstler in einer Person sind, zu diesem neuen Institute sich verhalten werden. Man wirst wohl keinen Stein aus die bisherigen ärztlichen Kräfte, ''wenn mau behauptet, dass wir nicht blos Heil-, souderu auch Lehrkräfte benöthigen, um die gegenwärtige Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Ebenso müsste das Spital von dem Rudel der Krankenwärter und Wärterinnen befreit werden, welche über die Taschen der Unglücklichen herzufatlen pflegen, ein ekelerregendes, ganz unhygienisches Pers onal Diese Erkenntnis führt uns zu dem weiteren Gedanken der Errichtung eines Kurses für intelligente Sanitätsmänner und Sanitätsfrauen. Und nun kommen wir zu dem Schaff'schen Waisenhaus. Auch eine herrliche Spende eines warmempfindeuden jüdischen! Herzens, eines Mannes, welcher der Generation der ehemaligen Fortschrittsmänner entstammt, der aber bei alldem mit der orthodoxen Assimilationsclique der „Polen mosaischer Consefsion" | nicht ganz zu identificiren ist. Herr Dr. Simon Schaff, der einzige jüdische Advocat in Galizien, dem es geglückt ist. nicht blos von der Frucht seiner ausgezeichneten Feder und von der Schneide seines juridischen Redner-latentes, sondern von seinem ipeculaliven Geiste zu leben, hat sich in jene Höhe gebracht, wo nur wenige jüdische Sterbliche weilen dürfen, in die sonnenbeschienene Millionenzone. Und wie man mit Recht sagen kann — richesse oblige — er versteht es, sein Herz und feine Hand von seinem Beutel nicht zu entfernen. Er übt Wohlihaten im Verborgenen, so will es die Fama behaupten, obschon sein Wesen eine rauhe Außenseite zeigt. Dieser Mann, welcher als zweiter Präsident der Lemberger Gemeinde vorsteht, hat. von anderen Dingen abgesehen, ein doch modernes Waisenhaus; erbaut. Dem Anscheine nach blos ein Flügel der alten Anstalt, ivelche im Innern ganz morsch und vom Schimmel zerfressen, ein Hans war, auf welchem, wegen Mailgel an Licht in den Eorrivoren, die Todesschatten lagerten. Dieser Pavillon, herrlich jon außen und noch herrlicher iin Innern, in dessen unteren Etagen sich alle mögliche» Räume für die Körperpflege befinden, kann wohl als Master eines Waisenheims betrachtet werden. Ihr Berichterstatter hat nicht nur Phrasen gemacht, als er in seinem Toast aus den Spender und Erbauer dieses Waisenhauses daraus hinwies, wie Herr Dr. Schaff, als Verwalter dieser Anstalt, in väterlicher Fürsorglichkeit leibliche Eltern in oje Schranken fordert und die göttliche Vorsehung für die armen Waisen ergänzt, indem er ihnen ein Stück Mißgeschick abnimmt, das diesen unglücklichen Kleinen zngedachl ist. Dieses Waisen- ' haus ist ein ElternhailS. welches leider nur zu kurz dauert, und! daher appellirte Dr. R. Vierer mit Recht an die Gäste, das Zchaff'sche Waisenheim als Fundament einer großartigen Waisen» erziehungsauftalt zu begrüßen, das io rasch als möglich erweitert j und in jüdischem Sinne ausgebant werden soll.! Es dürft' dein geschützten Leserkreis dieses Blattes angej aehm sein zu erfahren, dass die musikalische Introduktion der! Einweihnngsseier von Zöglingen dieser Anstalt executirt wurde, j ein Ensemble von k. u. k. Mnstkseldwebeln und Co.poralen, die; jo ui jüdischen Waisenhanse weg, wo sie die erste musikalische! Ausbildung durch einen jüdischen Capellmeister erhielten, fast noch im Kindesalter zu den Musikkapellen assentirt wurden, wo-; selbst sie eine rasche Carrisre machten. Wir stehen ab von der! Beschreibung der großartigen Schlafmib Speiseräume, der j Arbeits- und Schnlzimmer und wollen auch die nette Stznagove, i die wohl gelungen, wenn auch wenig geräumig ist, nur kurz; erwähnen, um den moralischen Gewinn zu verzeichnen, welchen die Eröffnungsfeierlichkeiten der Gemeinde brachten.

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