Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 48 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit. Seite 9. Pr 48 immer der Erledigung harren. Diese Thatsache dürste dem hochverehrten Herrn Vorredner, der erst seit zwei Jahren in unserer Mitte weilt, nicht bekannt sein. Wir sind hier nicht beisammen, um Alles zu beschönigen, sondern um der Bevölkerung zu zeigen, dass wir auch den Fehlern, die in der Verwaltung der Cultusgemeinde vorhanden sind, nicht blind gegenüber stehen. Ich freue mich, dass der hochverehrte Herr Vorredner speciell an meinen Anregungen nichts gefunden hat, was nicht am Platze wäre, und ich freue mich ferners, dass ich unter den heutigen Opponenten auch den Herrn Bicepräsidenten Dr. Stern finde, somit als Oppositioneller in so guter Gesellschaft bin. Nicht die Sucht nach Oeffeutlichkeit lieg mich diese Anregungen wiederholt hier Vorbringen, sondern die Flucht in die Oeffentlichkeit. Ich beuge mich vor der parlamentarischen Erfahrung des hochverehrten Herrn von Taußig, halte mich jedoch berechtigt, bei einer Budgetdebatte, wie dies in der ganzen Welt üblich ist, Dinge zu besprechen und vor' zubringen, die ich für das Wohl der Gesammtheit für nothwendig erachte. Ich behaupte nochmals, dass die Zehngulden- Steuer für viele Beamte, die gerne 5 fl. an Steuer entrichten würden, zu hoch ist, und wenn ich gefragt wurde, warum sich die Betreffenden nicht freiwillig melden, so kann ich nur erwidern, dass wir eine Statistik der Idealisten, die sich freiwillig zum Steuerzahlen melden, bisher nicht haben. Ich constatire weiters, dass sich vier Beamte meines Hauses, als ihnen eine Zehngulden-Steüer aufgetragen wurde, sich zur Entrichtung einer solchen von 5 fl. bereit erklärt haben. Ich bin dessen gewiss, dass man für unsere Institutionen, hauptsächlich für unsere Armeninsiitution, ein schönes Stück Geld hereinbrächte, wenn die Fünfgulden-Steuer eingeführt wird. Präsident kais. Rath K l i n g e r wendet sich gegen die ^Bemerkung des Herrn kais. Rathes Pollak, dass die Beschlüsse nicht entsprechend zur Ausführung gelangen. Er müsse diesen Vonvurf entschiedenst zurückweisen. Der Uudget-Aefereut. Referent kais. Rath Hirsch: Im Namen des Vertreter- Collegiums habe ich die Ehre, Ihnen heute den Entwurf des Budgets pro 1903 vorznlegen. Nachdem die bisher durchgeführte Generaldebatte die einzelnen Capitel desselben nahezu gänzlich erschöpft hat, so erübrigt es mir nur noch, Ihnen die Gefammthöhe der Einnahmen und Ausgaben der Gemeindebrdürfnisse des kommenden Jahres vorzutragen. Die Einnahmen ergaben die Ziffer von 2,035.975.56, die Ausgaben von 2,196.217'27 Kronen. Das Budget schließt sonach mit einem unbedeckten Betrage von 110.241 71 Kronen in der ordentlichen Gebahrung und 50.000'— Kronen in der außerordentlichen Gebahrung, so dass ein unbedecktes Gesammterfordernis von 160.241'71 Kronen resultirt. Hiebei kann ich nicht umhin, besonders hervorzuheben, dass bei genauer Zusanlmenstellung und Vergleichung aller Ziffern die Mehrerforderniße an ordentlichen Ausgaben im Jahre 1903 gegenüber dem laufenden Jahre eine Steigerung von rund 209.000*— Kronen ergibt und dass es Ihre Aufgabe bleibt, entsprechende Deckung für diese bedeutenden Mehrauslagen, die übrigens auch für die Zukunft die Tendenz stetiger Steigerung in sich tragen, durch Stärkung der alten, und womöglich auch durch Erschließung neuer Einnahmsquellen zu suchen und zu finden. Ich muß die negative Thatsache conftatiren, dass angesichts der traurigen Elwerbsverhaltniße in unserer Stadt eine weitere Anspannung der Steuerkrast unserer Censiten in Form einer Erhöhung der Cültussteuer fast ganz ausgeschlossen ist. In vorliegendem Budget erscheinen die Einnahmen aus der Culrussteuer um volle 50.000.— Krouen erhöht, und ich fürchte, dass wir damit schon an die Grenze des Erreichbaren gegangen sind. Das langersehnte vollständige Gleichgewicht im Haushalte unserer Gemeinde wird daher insolange ein unerreichtes Ideal, bleiben, als es uns nicht gelingt, neue Einnahmsquellen für die Gemeinde aufzufinden, 'somit empfehle ich ihnen die Genehmigung dieses Budgets. Ueber Antrag des Cultusvorstehers Salo Cohn wird das Budget mit allen gegen die eine Stimme des Bezirksschulrathes Dr. Spitzer, der mit Entschiedenheit sich gegen die «n dloo-Abstimmung ausspricht, angenommen. Vorsitzender kais. Rath Klinger bemerkt, dass im Sinne des § 90 des Statutes der Voranschlag durch 14 Tage zur Einsicht der Gemeindemitglieder im Secretariate der Cultusgemeinde aufliegen werde und dass innerhalb dieser Frist Erinnerungen bezüglich des Voranschlages bei dem Cultusvorstande schriftlich überreicht werden können. Schluß der öffentlichen Sitzung 2 Uhr Nachmittags. Gemeinde- und Veremrdote. Wien. (Probepredigten im Leopoldstädter- und Stadttempel.) Herr Rabbiner Dr. Heinrich Brody aus Nachod hält Freitag, den 19. Dezember d. I. bei dem Abendgottesdienste, der um 4 Uhr 15. Min. beginnt, im Leopoldstädter-Tempel, Tempelgaffe, die Predigt, und am Samstag, den 20 d. M. bei dem um 3 Uhr Nachmittags stattfindenden Jugendgottesdienste im Stadttempel, I., Seitenstettengaffe, die Exhorte vor den Mittelschülern. — Für Freitag den 26. Dezember und Samstag den 27. Dezember ist Herr Rabbiner Dr. Moriz Bauer aus Gaya zur Abhaltung der Probepredigt im Leopoldstädter Tempel und der Exhorte im Stabttempel berufen. Allen. Der jüdische Schulverein für den XI. Bezirk (Obmann Primarius Dr. Sigmund Kornfeld) und der Rofsauer Geselligkeitsverein (provif. Obmann Realitätenbefitzer Josef Steiner) werden gemeinsam am 24. d. M. 7 Uhr Abends eine Anzahl armer Kinder bekleiden. Ort: Restaurant Wendlinger, IX., Seegaffe 7. Gäste willkommen. Spenden unter Adreffe Josef Steiner, IX., Seegaffe 7, erbeten. Zöien. (Litter. Geselligkeitsverein jüdischer Mädchen .Moria") Sonntag, den 21. d. M. wird Herr Dr. Prager seinen interessanten Bortrag über das Thema „Die Geschichte der Marianne^ sortsetzen. Beginn 3 Uhr im Religionsfaale der israelitischen Cultusgemeinde, I., Seitenstettengaffe 4, II. Stock. Gäste herzlichst willkommen. Iwitta«. Der unterm 14. v. M. in Nr. 45 dieses Blattes erschienene Bericht sei noch dahin ergänzt, dass sich um das Zustandekommen des hierorts neuerrichteten, prächtigen Tempels, deffen feierliche Einweihung am 24. August l. I. stattgefunden, sämmtliche Herren des hiesigen Cultusvorstandes, vornehmlich aber — und dies dürfte wohl von Jedermann zugegeben werden — Herr Fabrikant Josef Stein, unser allverehrter Vorsteher, Herr Max Zifferer, I. Tempelvorsteher und Tempelverwalter, und das hochangesehene, sehr geachtete und würdige Vorstandsmitglied, Herr Michael Zeißl, Besitzer einer ^bedeutenden Spirituosen-Brennerei, besonders hohe Verdienste erworben und vermöge ihrer mühe- und rastlosen Umsichtigkeit den Tempel selbst gebaut und fertig, gestellt haben. Das Gedeihen dieser heiligen Stätte wird von de« Vorstands- und allen Cultusmitgliedern nach jeder Rich tung hin thunlichst gefördert und willenskräftig unterstützt. So ist man unter Anderenr auch darauf bedacht, diverse, dem Hause würdigen Einrichtungsstücke u. s. w. zur Verschöneruug des Gotteshauses und Verherrlichung des Gottesdienstes suceesiive anzuschaffeu, woran nun wieder das fromme, mit religiösem Zartgefühl ausgestattete Weib, das wahrhaft fromme ‘rn nr* die hiesigen hochzuverehrenden Frauen — in ausgiebi ger Weise participiren. In unserer Gemeinde herrscht in cultueller und auch sonstiger Richtung das denkbar beste, ja nachahmenswerthe Einvernehmen; der Gottesdienst jetzt und auch früher, solange die Gemeinde nur ein sogenanntes Vereinsbethaus besaß, wird stets zahlreich besucht; an den hohen Feiertagen speciell wurde der geräumige Tempel von den hiesigen und vielen auswärtigen Cultusmitgliedern fast bis auf den letzten Platz occupirt und der Gottesdienst selbst feierlichst und andachtsvoll geleitet, woran unser verehrter Herr Rabbiner Dr. F. Kanter durch seine ausgezeichneten Reden großen Antheil hatte. Auch die Frauengalerie gab beredtes Zeugnis dafür, dass Vki»'» joVu kV — das jüdische Frauenherz nicht erkaltet und für Religion und Judeuthum nach wie vor fühlt Md empfindet. Auch die Amtsgebahrung der anderen Würd enträger unserer Gemeinde, der Chewra Zedoka, durch ihren Obmann, den Herrn-Max Zifferer als I. Tempelvorsteher, der Chewra Kadischa durch ihren aus