Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1902-12-19 · Heft 48 (19.12.1902) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 48 (19.12.1902)
Date
1902-12-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063113-3063161--02247-3068907
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 8 Die Wahrheit. Nr. 48 Luch Kayserling-Hecht) und möchte an dessen Stelle einen die Jugend für das Iudenthnm begeisternden Geschichts-Unterricht gesetzt wissen. Wenn man darüber, die Professoren befragt, so ist dies natürlich dasselbe, wie wenn man die Ansicht der Professoren für Griechisch über die Abschaffung des Griechij fchen eiuholt. Redner plädirt ferner für die Einführung einer! obligatorischen Füns-Gulben-Steuer, da die gegenwärtige frei-; willige gar^ keinen Sinn und Erfolg habe. Ans reinem Opfer--! muth hat noch Niemand eine Steuer gezahlt, und der Vors stand braucht sich mchr zu fürchten, dass die Fünsgulden-Männer, wenn ihnen das Wahlrecht ertheilt ist, zahlreicher als bishe' au ihn wegen einer Unterstützung heranlreten werden. Wer! hiezu durch die Noth getrieben wird, der thut es ohne Rück' j sicht darauf, ob er Steuer gezahlt hat oder nicht. Bezüglich , der Armenpflege sollte der Versuch gemacht werden, die Unter- | stützung der jüdischen Armen auch durch die politische Gemeinde! zu erwirken. Namentlich wäre es Aufgabe der bisher leider noch immer auf dem Papier stehenden Bezirks-Commissionen, bei den Vorstehern der Bezirke in höflicher und urbaner Fornr dafür einzutreten, dass aus den Spenden für Arme „ohne Unterschied der Confession" die jüdischen Armen einen aliquoten Theil erhalten; Sache der Bezirks-Commission wäre es, nur wirklich Bedürftige vorzuschlagen. Redner hat zu wiederholten! Mulen auf diesem Wege Erfolge erzielt und ist überzeugt, dass trotz der gegenwärtig unduldsamen Verhältnisse beij consequenter gerechter Thätigkeit, bei unbedingter Vermeidung der Empfehlung Unwürdiger, viel erreicht werden könnte. Man muß sich der Sache nur richtig und mit Takt annehmen, aber bisher ist der Versuch nicht gemacht wordea. Auf die Aufforderung des Präsidenten, nicht allgemeine Beschuldigungen, son-! d ern thatsächliche Fälle anzuführen, bringt Redner Vorkomm -! nige m der letzten, gut gemeinten, aber schlecht inscenirten! Vertrauensmänner-Versammlltng nach der Probepredigt im Leopoldstädter Tempel, ferner eine Beamteuernenuung und die Bersetzultg eines Camors in einen anderen Bezirk zur Sprache. Zum Schlüsseseiner Ausführungen richtet Redner einen wiederholten Appell an die Versammlung, endlich die bezirksweise Wahl der Vorsteher und Vertrauensmänner nach den jetzigen Wahlbezirken statutarisch zu schaffen. Zweck der öffentliche« Sitzungen. Theodor Ritter von"Taufsig bedauert es, dass sich die Debatte in einem, seiner Ansicht nach falschen Geleise bewege. Einer der geehrten Vorredner habe bemerkt, er wolle heute „zum Fenster hinausspreche»". Das sei gerechtfertigt. Der Zweck der öffentlichen Sitzung des Cnltusvorftandes ist hauptsächlich, einen Contact mit der Oeffemlichkeit und der Gemeinde herzustellen, zu dem Budget einen öffentlichen, mündlichen Commentar zu bieten, über die Intentionen der Verwaltung und die leitenden Ideen die Gemeindemitglieder zu mformireu, MlßverstLndnisse anfzuklären. Eine Debatte, wie die heutige, sei aber kaum geeignet, diesem Zwecke zu dienen, scheine vielmehr dazu angethan, Verwirrung hervorzurufen. Es müsse befremdend wirken, dass Vorstandsmitglieder, welche während des ganzen Jahres Gelegenheit haben, motivirte Anträge zu stellen und zu vertreten, gerade die öffentliche Sitzung dazu deilützen, um unmotivirte, uuausgereifte und vielfach in der Form von abfälligen Kritiken gekleidete Anträge zu stellen. Wenn mau mit nicht erfüllbaren Wünschen, mit mehr oder weniger— zumeist weniger — durchdachten Projekten die Reden für die öffentliche Sitzung des Vorstandes ausstattet, so vertauscht man die Vorstandssitzungen mit Wählerversammlungen Reue Aniräge und Projecte gehören in die vertraulichen Sitzungen, wo sie einer ernsten, reiflichen und eingehenden -Würdigung und Prüfung unterzogen werden, nicht aber in eine öffentliche Sitzung, ui welcher der Vorstand Rechenschaft ablegt üoer das Resultat feiner Verwaltung Es muß verhängnisvoll und schädigend wirken, wenn Vorstandsmitglieder selbst in derl össeuilichen Sitzungen statt aufklärend zu wirken. im Dstait und Pauschal verdächtigende Kritik üben. Warum sind die Herren mit dieser Kritik nicht im Laufe des ganzen Jahres gekommen und haben ihre Anträge gebracht? Heute, improvisirt, mit einer Fluth unausgereifter Anträge und Projecte hervorzutreten, ist eine völlige Verkennung des Interesses der Gemeinde. Es ist nur zu natürlich, dass man bei solchem Verfahren schließlich zu Schlagworten greift, denen mehr oder minder — meistens ein Sinn beiznmesfen ist. die aber geeignet sind, nach Außen hin Verwirrung zu tragen. Redner bittet, wenn man zu einem collegialen Zusammenwirken gelangen soll, ein derartiges Vorgehen nicht fortzusetzen. Ein geehrter Herr Redner hat neuerdings die obligatorische Fünf-Guldensteuer urgirt. Statutengemäß besteht diese Steuer, und wer fünf Gulden jährlich zahlt, wird Gemeindemitglied und erwirbt das Wahlrecht. Arme Personen aber, welche erklären, eine Steuer von 10 Kronen nicht zahlen zu können, mit Execulion zu verfolgen, ist weder billig, noch vernünftig. Die Kosten der Executionen müssen die Erträgniße dieser Steuer übersteigen und das Verfahren würde zu Mißhelligkeiten führen, die dem Ansehen der Gemeinde nicht zuträglich sein können. Wenn aber jener Redner erwähnt hat, dass in einem Bezirke 9000 politische Wähler jüdischer Confession sind und nur 3000 jüdische Cultussteuerträger, somit 6000 Glaubensgenossen wohl eine staatliche Steuer zahlen, aber jeder Beitragsleistnng für die jüdische Gemeinde sich entziehen, so möge er nunmehr sich auch die Frage vorlegen, ob es vernünftig und im Interesse der Gemeinde wäre, diese Elemente zum entscheidenden Factor für die Leitung der Gemeinde zu erheben. Dass der Vorstand den Aufgaben der Wohlthätigkeit sich entziehe, ist einfach undenkbar. Der größte Theil dieser Ausgabelt könne seiner ganzen Natur nach, weil sie gebunden sind, nicht zur Discussion gestellt werden. Spital, Siechenhaus, Versorgungsanstalt könne man nicht austassen. Auch betreffend der Unterstützungen, welche der Vorstand gewährt, habe ich mich überzeugt, dass wir oft vor Fällen stehen, wo wir uns der Hilsspflicht unmöglich entziehen dürfen. Deswegen dürfe» wir uns nicht die Hände binden, sondern müssen jedesmal, unbeirrt durch präjudicirliche Beschlüsse, unvoreigenommen nach Pflicht und Gerechtigkeit Vorgehen. (Lebhafter Beifall.) Armeuanflalt. Dr. K a tz a u wendet sich gegen die Ausführungen des Herrn BauratheZ von Goldschmidt und constatirt, dass bei Uebertragung der Agenden an die Armenanstalt nicht in erster Linie Ersparungsrücksichten, sondern Rücksichten der Organisation und Ceutralisirung maßgebend waren. Redner bemerkt, daß die ins Budget pro 1903 eingestellte Erhöhung der Dotation um 10.000 Kronen lange nicht ausreiche, den ru gewärtigenden Mehrbedarf zu decken. Mit diesex Maßregel wollte man keineswegs die Ausgaben in die Grenze gewiffer Ziffern bannen, um den Etat zu petrificiren angesichts einer progressiven Steigerung der Noth. Redner führt eine Reihe von Ziffern vor, welche klar beweisen, dass thatsächlich bedeutende Ersparniße erzielt worden sind, wenn sie auch äußerlich nicht zum Ausdruck gelangen, weil die Zahl der Unterstützungelt ins Ungemessene gestiegen. Seit Ende October 1902 sind mehr als 700 neue Arme zugewachsen. Der überaus strenge Winter, das neue Hausirgesetz sind Factoren, welche den Armenstaud >loch in bedeutender Weise erhöhen werden. Berichtigungen. Kais. Rath Wilhelm Pollak (zur persönlichen Berichtigung) : Ich habe mich zu einer persönlichen BenchtigüngMemeldet, um die Worte des hochverehrten Herrn Mitgliedes des Vertreter-Collegiums, Herrn Ritter v. Taußig, dahin richtig zu stellen, dass ich meine vorherigen Anträge schon in vielen früheren Sitzungen gestellt habe, somit nichts Neues undauch nichts, was Geld kostet, anregte, sondern schon oft, sogar.zu oft^ die gleichen Beschwerden vorbrachte, die aber/WiLer noch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.