Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 48 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr 48 Dir Wahrheit Leite 7 wegen muß es unsere Aufgabe sein, zunächst eine bessere Besoldung der Lehrer durchzuführen. Auch haben wir nicht die nöthigen Vacanzen, um den Absolventen einer derartigen Anstalt Stellen zu verschaffen. Zum Schluffe wendet sich Redner gegen die Behauptung, dass fictive Beträge ins Budget eingetragen wurden. Es lag nur an den Verhältnißen, wenn dieselben nicht zur Verwendung gelangten. Ritter von G o l d s ch m i d t constatirt, dass die heutige Dedatte im Allgemeinen und Speziellen höchst beachtenswerthe Anregungen gebracht habe, aber es sei leichter, Anregungen zu geben, als die Mittel zu deren Durchführung zu beschaffen. Soll dies durch Reduction der Ausgaben oder durch Erhöhung der Ausgaben erfolgen? Eine Erhöhung der Steuern, oder cflie Umgestaltung des Systems ist in der nächsten Zeit nicht möglich, ebensowenig sind Ersparungen im Unterrichts- oder Armenbudget denkbar. Bezüglich der privaten Verwaltung! gibt die Ueberlassung der Handbetheilungen an die Armen-! anstatt ein classisches Beispiel. Bei aller Anerkennnng des j höchst verdienstvollen Wirkens der Vorsteher derselben must der! Versuch. Ersparungen zu erzielen, als mißglückt bezeichnet! werden. Aber trotz alledem können und müssen wir sparen j und hauptsächlich wären Ersparungen bei einer zweckmäßigen 1 Organisation der Belhansverwaltnng möglich. Per «lange Gag". Kais. Rath Wilhelm P o l l a k: Zm Volksmunde wird : der Jom-Kippur der „lange Tag" genannt. Ein solcher langer Tag scheint, nach der vorgerückten. Stunde zu schliesteu, auch unsere Budgetdebatte zu werden. Es scheint aber auch ein Ver- - söhnungstag, ein Tag der Aussprache zu werden, wo den Cultusvorständeu Gelegenheit geboten wird, ihre schon das ganze Jahr gehegten, ausgesprochenen und unberücksichtigten Wünsche und Beschwerden wieder in Erinnerung zu bringen. Die Budgetdebatte soll jedoch nicht allein Gelegenheit bieten, zum Cultusvorstande, sondern, wie man sagt, zum Fenster hinaus zu sprechen. Man möge mir dieses offene Bekenntnis; Nicht übel nehmen, da ich der Anschauung bin, dass diese Debatte nicht den Zweck hat, die Corporation des Cultusvorstandes als das höchste Ideal hinzustellen und alle seine Handlungen und Beschlüsse mit den üblichen Mischeberachs lobend; gut zu heißen, sondern weil ich die Ansicht vertrete, dass beidiesem Anlass Anregungen gegeben und Verbesserungen beantragt werden sollen, die sich in den verschiedenen Zweigen der Gemeindeverwaltung nothwendig erweisen; und die jüdische Be-; völkerung soll daraus ersehen, dass man für die bestehenden Mängel nicht blind ist, sondern trachten wird, dieselben zu be- : festigen. Wenn gleich der arg beschnittene heutige Cultusvorstand hlos in 13 Sitzungen berathen hat und auch informativ verständigt wird, was das Vertreter-Collegium, der Stadtrath des Cultusvorstandes, gemacht hat, so muß ich doch, entgegen einem meiner geehrten Herren Vorredner, rühmend he vorheben, dass höchst segensreiche Arbeit geleistet wurde. Zn den 63 Sitzungen beö Vertreter-Collegiums, die der Bericht erwähnt, haben speciell die Vertreter der höher besteuerten Curie sich ihrer Aufgabe mit größtem Eifer entledigt. Und wenn ich mich nun frage: Wieso kommt es, dass bei all der angestreng- 1 teil, aufopferungsvollen Thätigkeit des Vertreter-Collegiums und des Cultusvorstandes, sowie der vorbereitenden Commissionen, , bei ausgezeichneter innerer Buchhaltung und Cassaverwaltung, 1 nach außen hin doch so wenig von dieser Arbeit zu verspüren! ist? Und darauf meine Herren muß ich antworten: Daran ist! die nicht genügende Administration, die ungenügende, nicht in j allen Consequenzen durchdachte amtliche Verarbeitung der Beschlüsse des Vertreter-Collegiums schuld. — Ich bin gewiss kein- Feind der Beamten, aber ich verlange, dass Ordnung e?k»kehxe, die Protection aushöre und jeder wisse, was er zu thrm hat, dass eine genaue Abgrenzung der Pflichten und Rechte, jedes Einzelnen.vorgezeichnet sei. Herr Biceprästdeut Dr. Stern hat auf die Dringlichkeit der Errichtung neuer Tempel hingewiesen. Ich theile vollkommen seine Anschauung und muß derselben, selbst auf die Gefahr hin, von viele» Mitgliedern der Cultnsgemeinde mißverstanden zu werden, zustimmen, obgleich ich hier stets für das Sparen eingetreteu bin. Einer der geehrten Vorredner hat die Opferwilligkeit unserer Glaubensgenossen hervorgehoben, die ja thatsächlich vorhanden ist, aber wenn die reicheren Kreise willig die ihnen anferlegten größeren Lasten übernommen haben, so drängt sich doch unwillkürlich die Frage auf: Was bieten wir ihnen als Compensation dafür? Namentlich zwei Gelegenheiten. Hochzeit und Leichenbegängnis, sind es, die sie mit dem Gottes» hause und der Gemeinde in nähere Verbindung bringen. Können wir aber wirklich aus jene Veranstaltungen, die separat gut. bezahlt werden müssen, mit Stolz blicken, oder wird nicht vielmehr bei jedem derartigen Anlasse gerechter Unmuth laut? Und kann man erwarten, dass die Leute weitere materielle Opfer gerne darbringen, wenn ihnen nichts geboten wird? Besonders im Tempel in der Seitenftettengasse ist die Unzulänglichkeit der räumlichen Verhältniste bei größeren Trauungen oft beklagt worden, und auch ich habe zum Beispiel aus die Nothwendigkeit fahrpolizeilicher Verordnungen hingewiesen. Mit besonderer Befriedigung erfüllte es mich, als ich einen schon jahrelang von mir ausgesprochenen Wunsch nach Uniformirung der Gemeindedieuer heute realisirt iah. Es ist dies eine gebotene Rücksicht auf die Repräsentation der Gemeinde, die auch nach außen hin einen gewissen Ordnungssinn bekunden must. Eine wichtige Einführung wäre die Verwendung von Cantoren, deren Stimmmateriale infolge jahrelanger Berufsthätigkeit nicht mehr ganz iutacl ist, auf anderen Posten der Cultusgemeiude; bei aller Verdienstlichkeit derselben must sich das Publicum diesen oft zweifelhaften Genuß nicht bieten lassen. Werden doch auch die berühmtesten Opernsänger an ihrem Lebensherbst oft Gesangsprofessoren. Wenn man mir einwendet, dass wir kein Geld zur Errichtung von Tempeln haben, so gebe ich dies ruhig zu; so lange wir aber so hervorragende Männer an der Spitze unseres Collegiums haben, werden wir doch nebst den freiwilligen Spenden genügenden Credit aufbringen, um Gutes schaffen zu können. Soll denn die nächste Generation nur sagen können, dass wir ausgezeichnet gewirthschaftet und gut verwaltet haben? Wäre dies nicht dasselbe, rvie bei der leider verflossenen Aera im Gemeinderathe, wo ausgezeichnete Männer gut verwaltet haben, aber infolge ihrer Furcht vor Schulvenconkrahirung in der letzten Periode sich zu keinem großen Werke aufschwingen konnten? Die Männer, die nach ihnen gekommen sind, haben die Scheu vor Schulde» überwunden und die Bezahlung eines Theiles derselben mit Recht der Nachwelt überlassen, der ja auch die betreffenden Institutionen $u Gute kommen werden. Schon seit länger als einem Jahre schlummern meine Anträge über Friedhofs- und Beerdignngswesen, über Leichenbegängniße der Armen, auf welchem Gebiete ebenfalls Wandel nothwendig ist- Zeigt es sich ja auch, dass die von mir beantragte und durchgeführte Uniformirung und Auswahl der Schmiramänner (Leichenwache) von ganz besonderer Wichtigkeit ist. Diese Leute sind die ersten Religionsdiener, welche die Familien in trauriger Stunde aufzusuchen haben, sie dürfen daher kein abschreckendes Bild, keinen Anlass zu Klage, Verlästerung oder Spott bieten. Die allgemeinen Klagen über die als nicht disciplinirbar bezeichneten Leichendiener halte ich für übertrieben. Bei einem leider im Vorjahre in meiner Familie vorgekom- - menen Fall habe ich mich überzeugt, dass nicht die Diener der Cultnsgemeinde um Trinkgeld vorsprachen, sondern, dass ganz fremde, sich fälschlich als Diener der Cultnsgemeinde vorstellende Individuen es waren, welche die Mildthätigkeit der Leidtragenden auszunützen versuchten. Auch im Schulwesen ist manches der eingehenden Berathung werlh, und habe ich meine Anträge in der betreffenden Commission stets gestellt. Eine genaue Durchsichtung des Lehrplanes, das Ausscheiden des unnöthigen Auswendiglernens der Vocabeln, der geschichtlichen Ballaste über sämmrliche falschen Propheten und viele Rabbinen sammt ihren Familie» halte ich für dringend geboten (Lehr»