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Die Wahrheit · 1902-12-19 · Heft 48 (19.12.1902) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 48 (19.12.1902)
Date
1902-12-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 48 »»rstand an die Lösung seiner 'Aufgaben schreitet, anerkennen atfijfen. Kicttve Uosteu. CuÜusvorsteher Eltbogen findet es befremdlich, dass «it einer solchen übermäßigen Vorsicht budgetirt und ein unbedecktes Gesammterfordernis von K. 160.000 constatirt wurde, welches tatsächlich nicht vorhanden ist. Es werden Posten eingesetzt, die überhaupt nicht zur Verwendung kommen, wie zum Beispiel 10.000 Kronen für die Mikwah, 10.000 Kronen für den Wahlkataster u. dgl. m. Eine auffallende Post ist eine derartige Post bei Subvention an Bethhausvereine, die mit 20.000 Kronen figurirt, und während der geehrte Herr Vice- Präsident bemerk hat, dass 38.000 Kronen an die Bethäuser bewilligt wurden, wurden thatsachlich nur 18.000 Kronen bewilligt. Alle diese Posten, wie sie in den meisten Capiteln vorkommen, sind also nur fictive und ein derartiges, unbedecktes Gesammterfordernis Ist nicht vorhanden. Eine Steuerreform nach dem Beispiel der großen Gemeinden im Deutschen Reiche ist unbedingt nöthig. Dort gibt es eine Cultussteuer von 5 Mark und bei uns will man nun eine 5 Guldensteuer nur sacultatio einführen. Wenn jene 10.000 Kronen, die schon lange für die Anlage eines Wahlkatasters eingestellt wurden, zur Verwendung gebracht worden wären, so hätte mau gefunden, dass, wie sich bei den letzten Landtagswahlen gezeigt, im II. und XX. Bezirke mehr als 9000 jüdische Wähler waren, während in diesen beiden Bezirken etwas mehr als 3000 Juden Cultussteuer bezahlen. Die Reform der inneren Verwaltung findet Redner den Anforderungen nicht entsprechend. Während in früheren Jahren die Plenarsitzungen eine größere Zahl erreichten, haben im heurigen Jahre in 8 Monaten 13 Plenarsitzungen und — sage — 64 Vertretersitzungen stattgefunden. Wenn man Gelegenheit gehabt hat, die Tagesordnungen der Vertretersitzungen zu ieheu, waren sie stets ungeheuer groß, und wir müssen ja anerkennen, dass das Vertretercollegium mit ungeheurem Fleiße, ja geradezu aufopfernd thätig gewesen. Aber die Folge dieser dankenswertheu Anstrengung ist, dass manchmal auch Vertretersitzungen die knappe Beschlussfähigkeit haben. Der gegenwärtige Zustand bringt es auch mit sich, dass blos ein kleiner Theil des Vorstandes die Agenden zu erledigen hat und viele von den Herren Vorstehern von vielen Vorgängen in der Gemeinde gar nicht oder nur schlecht unterrichtet sind. Mir, sowie vielen anderen Herren, wird es gewiss nicht darum zu thun sein, mehr Sitzungen zu haben, denn wir haben auch andere Berufspflichten, aber im Jntereffe der Sache, bei der mitzuwirken wir uns bereit erklärt haben, wünschen wir eine größere Bedachtnahme auf die Commissionen und eine diesbezügliche gründliche Verbefferung der Geschäftsordnung. Der Bemerkung des geährten Vorredners, dass der Gesammtvorstand gewiss bestrebt ist, Allerbestes zu leisten und im Interesse der Gemeinde zu wirken, stimme ich gerne bei und werde ebenfalls der Vorlage des Budgets meine Zustimmung nicht versagen. Vorsitzender kaiserlicher Rath K l i n g e r bemerkt zu den Ausführungen des Cultusvorstehers Eltbogen, dass der Besuch Ler Vertretersitzungengen nahezu immer ein vollzähliger sei. Die Klage des Herrn Ellbogen, dass die einzelnen Cultusvorstcher zu wenig Einblick in die Geschäfte haben, sei wohl nicht gerechtfertigt. Es stehe ja laut Geschäftsordnung den Borstandmitglrederu frei, in den Protokollen der Vertretersitzuugen jederzeit Einblick zu nehmen. Wohlthatrgkeil ist Gottesdienst. Cultusvorsteher Dr. Steiner wendet sich gegen die Ausführungen Dr. Sterns, desien statistische Zahlen auf unrichtigen Voraussetzungen beruhen. Schaltet man die Ausgaben iür Spital und Allersversorgungshaus aus dem Wohlthätigkeits-Budget ans, so bleiben nicht 33 Percent, sondern kaum 10 Perzent 'ür die wirkliche Armenpflege. Eine Vergleichung unserer Verhältnis mit Berlin sei nicht maßgebend, denn bei uns laufe« nicht die privaten Wohlthäter zu Dutzenden auf der Straße herum, und daher ist man hier zumeist auf den Gemeindesäckel angewiesen. Die von Herrn Dr. Stern aufgestellte Behauptung, dass eine weitgehende Wohlthätigkeitspflege eine Gefahr für die Bethätigung der ^cultuellen Aufgaben der Gemeinde bedeute, dürfe ebenfalls nicht widerspruchslos hingenommen werden. Nach Anschauung des Redners sei „Gemiloth Chasodim" ebenso so hoch wie die „Tephilloh" zu schätzen und es beweise die Errichtung eines Kinderashles mehr jüdischen Sinn als die Erbauung eines Prachttempels im I. Bezirke. private W ohtthätigkeit. Cultusvorsteher Salo Cohn: Herr Vicepräsident Dr. Stern hat in großen Zügen ein Bild des Budgets in den letzten 10 Jahren entworfen und seine Conclusionen decken sich vollkommen mit den Anschaunngen, die ich hier seit Jahren vertrete. Jederzeit ich habe die Wohlthätigkeitspflege als eine Pflicht des Besitzes angesehen, aber dabei müssen sich Verstand und Herz die Hand reichen. Auch muß die Jugend zur Wohlthätigkeit erzogen werden, und dafür gibt der Gottesdienst und das Anhören der Predigt eine wichtige Handhabe. - Tempel und Gottesdienst müssen derartig ausgestaltet werden, dass sie die Jugend anziehen und namentlich die Töchter das Gotteshalls gerne besuchen. Bei uns ist das aber nicht möglich, denn in den Seitenstettentempel kann man ohne Drängen auf der Straße und den Stiegen kaum gelangen; darum wäre die Errichtung eines Tempels im 1. Bezirke dringend geboten. Heute sind freilich die Gemeindefinanzen so arg, dass die Mittel hiezu fehlen. Dass die Wohlkhätigkeitsinstitute unter privater Verwaltung besser gedeihen, beweise am besten England, resp. London, das nach dieser Richtung obenan stehe. Ein Gleiches sehe man an unseren Instituten, die ihr Entstehen der privaten Initiative zu verdanken haben, so das Blindeninstitut auf der Hohen Warte, das Taubstummen-Jnstitut und endlich die jüdische Volksküche, welche vor 28 Jahren gegründet wurde und von den kleinsten Anfängen an sich segensreich entwickelt hat. Deswegen stimme er der Ansicht zu, dass die Wohlthätigkeitspflege Sache der privaten Wirksamkeit sei, aber Aufgabe der Gemeiude sei es, die Kinder zu guten Juden zu erziehen. Kilf, wo Kitfe noth thut. Vicepräsident Dr. Gustav Kohn stimmt den Ausführungen des Vertreters Dr. Steiner vollständig zu. Er glaubt nicht, dass auch Herr Dr. Stern Einspruch erheben wollte gegen die Unterstützungen, welche das Vertreter-Collegium in einzelnell dringenden Füllen bewilligt. Die Armuth steigt von Tag zu Tag, die Noth wird von Gesetzeswegen noch verschärft. Wohlthätigkeit sollte Privatsache sein, ist es aber leider nicht. Wenigstens wächst sie nicht mit jener Progression, mit welcher leider die Noth unserer Glaubensbrüder steigt. Theilnahmslos können wir deni Elend unserer ^Glaubensgenossen nicht zuschauen und ohne Rücksicht auf die schönsten Theorien müssen wir dort Helsen, wo Hilfe dringend noth thut. Redner wendet sich dann gegen die Ausführungen des Dr. Spitzer bezüglich der Leichenbegängniße. Die Beerdigung auch der Armen erfolge in würdiger Weise. Dass von den Bemittelteren höhere Taxen eingesordert werden, geschehe nicht, um ein Geschäft zu machen, 72 Perzent aller Beerdigungen erfolgen gratis, 22 Percent nach der vierten Clasie und nur ungefähr 7 Percent nach der ersten und zweiten Classe. Dass zwei Stunden Religionsunterricht zu wenig, ist, ist gewiss wahr, allein, dass wir die Stundenzahl nicht vermehren können, weiß auch Herr Dr. Spitzer. Ueberdies werden die Bibelschulen und hebräischen Leseübungsschulen reichlich unterstützt. Redner fühlt sich verpflichtet, mit hohem Dank anzuerkennen, dass die Collegen ohne Ausnahme jede Forderung für Unterrichtszwecke einhellig bewilligen. Eine jüdische Religionslehrer-Bildungsanstalt wird noch lange ein frommer Wunsch bleiben, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil das Schülermaterial mangelt. Einem Berufe mit solch geringen Bezügen wendet man sich nicht gerne zu, und die Eltern überlegen sich lange, ehe sie ihre Kinder jüdische Religioslehrer werden lassen. Des-

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