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Die Wahrheit · 1902-12-19 · Heft 48 (19.12.1902) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 48 (19.12.1902)
Date
1902-12-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit. S eite 5. Nr. 48 In letzter Zeit hat eine unrichtige Auffassung bezüglich der Aufnahme in manchen Kreisen platzgegriffen, dass es hiezu großer Protektion bedürfe. Das sei absolut unrichtig, und die Aufnahms-Commission nehme nach strenger, objektiver Prüfung aller in Betracht kommenden Mom ente nur die Würdigsten auf. Seit der Eröffnung der Anstalt im Jahre 1890 haben 550 Personen in derselben Aufnahme gefunden. Hievon sind 330 tbeils gestorben, theils ausgetreten, so dass der derzeitige Stand 220 beträgt. Die Einrichtung des dritten Stockwerkes, welche gegenwärtig im Zuge ist und voraussichtlich in den ersten Monaten des kommenden Jahres vollendet sein wird, bedeute nun einen Zwuachs von 26 Betten. Dies sei wohl im Vergleiche zu den vorliegenden Gesuchen nicht viA, aber immerhin werde dadurch wenigstens ein Theil derselben befriedigt werden können. Nach Kenntnisnahme?es Referates spricht der Vorsitzende unter lebhafter Zustimmung der Versammlung dem Referenten Dank für seine Mühewaltung aus, und es gelangt hierauf der Voranschlag pro 1903 zur Berathung. Budget Feöatte. Vice-Präsident Dr. Stern will einige Reflexionen, die sich ihm aus dem eingehenden Studium des Budgets ergeben haben, der Versammlung vorlegen. Im Budget der G meinde seien einige Conti enthalten, welche er besonders Hervorbeben wolle. Zunächst sei für die Zwecke des „Mannheimer Kinderasyles" derzeit schon ein Capital von K. 73.930 vorhanden; er glaube, dass es fetzt an der Zeit fei, darüber schlüssig zu werden, ob nicht der Vorstand durch seine moralische Autorität bewirken solle, dass nach dieser Richtung etwas geschaffen werde. Es bestehe weiters ein größerer, mehrere hunderttausend Kronen betragen er Fond für ein Knaben-Waisenhaus, welcher sich durch ein im Jahre 1903 sreiwerdendes, bisher gebundenes Capital noch vermehren werde. Da nun gegenwärtig ein „Kinderheim" in Bildung begriffen sei, dränge sich die Frage aus, ob es nicht möglich sei, eine Vereinigung derartiger Institute anzustreben und etwas Positives zu schaffen. Für das Kinderspital ist bisher ein Kapital von K. 275.4OO vorhanden. Dass mit diesem Betrage an ein selbstständig zu errichtendes Institut nicht gedacht werden könne, sei klar. Doch sei auch hier mit der Thesanrirnng inneznhalten und unter Wahrung etwaiger stifterischer Rechte eine Vereinigung mit ähnlichen Institutionen anzustreben. Vielleicht werden auch durch die öffentliche Anregung dieser Frage andere Wohlthäter diesen humanen Zweck durch weitere Beiträge fördern. Die Spitals-Aushilfscassa, welche über jährliche Einnahmen von K. 10.480-— verfügt, sollte in das Budget der Gemeinde einbezogen werden. ßuttus uud Wohkttjäligkeit. Das Budget der Gemeinde weise einen Ausgaben Etat voll rund 2,169.000 Kronen aus. Hierin sind auch einige Posten enthalten, toelche eigentlich nur durchlaufend sind und nicht in das Budget gehören, so z. B. Zinsen von Stiftungen und Fonden. Bringt mau diese in Abrechnung, so verbleibt ein Budget von Kronen 2,032.000. Unbedingt gebunden hievon sind die Zinsen von sundirten Schulden und Amortisationen im Betrage von K. 72.227, so dass ein reines Budget von rund K. 1,959.000 verbleibt. Hievon werden verwendet : Für Cultus- und rituelle Angelegenheiten ca. 23°/0» für den Religionsunterricht 14*/,o/„, für den Friedhof bl/2°lo für die allgemline Verwaltung 17l/20/o- Für verschiedene Wohl- ' thätigkeitszwecke werden ca 33% des Gesammtbndgets verausgabt. Damit sei man in Bezug ans die Wohlthätigkeit an der Grenze dessen angelangt, was eine Cultusgemeiude leisten könne. Eine anerkannte Autorität hat den Ausspruch gethan, dass es eine Gefahr für die jüdischen Cultusgemeinden sei, ihre Thätigkeit in allzu überwiegendem Maße der Wohlthätigkeit zuzuwendeu. Hiedurch würde sie von ihrer wesentlichsten Ausgabe, der Erhaltung , der altehrwürdigen Tradition und deren Ueherlieferung an {bie Nachkommen, abgezogen und vernichte .die i Grundlage, auf welcher die Wohlthätigkeit geübt wird. Die bestehenden Institutionen müssen wohl aus der Höhe erhalten , und voll ausgenützt werden, aber desto vorsichtiger möge man > bei neuen Investitionen sein. Dagegen findet die Pflege des! Cultus im Budget nicht in jenem Maße Ausdruck, als es! wünschenswerth wäre. Unter den vielen unberechtigten Klagen, j welche anlässlich der jüngsten Wahlen laut wurden, kann die! Klage, dass wir mit unseren gottesdienstlichen Einrichtungen im i Rückstände seien, insolange als nicht unberechtigt angesehen! werden, als wir nicht dafür Sorge tragen, dass diese Einrich-! tnngen von einer sehr großen Anzahl Glaubensgenossen benützt werden können. In manchen Bezirken herrscht ein besonderer > cultueller Nothstand, dem abgeholfen werden müsse. Seminar für Hteligionslehrer. j Dr. Markus Spitzer äußert zunächst einige formale! Bedenken bezüglich der Ausstellung des Budgets und wendet ' sich dann der Besprechung der einzelnen Agenden zu. Aus dem Gebiete der Shnagogen-Berwaltung sind im Lause der letzten Jahre vielfache Verbesserungen eingetreren, die man mit Dank anerkennen müsse. Nur die Leopoldstadl werde stiefmütterlich behandelt. Der Bau eines zweiten Tempels für die Leopoldsradr werde sich noch früher nothwendig erweisen als in der inneren Stadt. Ueberhaupt sollten alle JnstitutionZn der Wiener Cultusgemeinde auf der Höhe der Zeit stehen. Das kann man zum Beispiel von der Mikwah nicht sagen, welche in threr heutigen Einrichtung den Zweck zu haben scheint, die Leute von der Benützung abzuhalten. Darum werde Redner für die Streichung der zur Renovirung der Mikwah ins Budget eingestellten K. 10.000 stimmen. Der Cn.tnsvo, stand müsse entweder eine neue Mikwah erhalten, oder aber Errichtllng und Betrieb derselben übergeben. Die Rabbinersrage beschäftigt gegenwärtig den Cultusvorstand in ganz besonderem Maße. Das Interesse an den Predigten nimmt in der Gemeinde außerordentlich zu, und darum müsse man nicht einen 'oder mehrere Rabbiner anstellen, die, wie es in dem Berichte heißt, a u ch Prediger sind, sondern glänzende Redner, würdig der Wiener Gemeinde. — Bezüglich des Religionsunterrichtes steht mail noch immer am Anfänge eines schwer, löslichen Problems. Es ist allgemein anerkannt, dass 2 Stunden wöchentlich zu wenig sind, aber da eine diesbezügliche Aenderung unmöglich, muß mau nur trachten, die karg bemessene Zeit am besten auszunützen. In Anbetracht dieser Verhältniße sei die freigebige Unterstützung, die der Vor- : stand den Religiousuud Bibelschulen zu Theil werden lässt,! jedenfalls dankbar zu begrüßen. — Unbedingt nothwendig sei j die Gründung eines Seminars zur Heranbildung jüdischer I Religionslehrer. Jever Berus hat seine Fachanstalten, nur der . jüdische Religionslehrer entbehrt einer derartigen Bildungsstätte, i Dieses Pädagogium müsste auch aus die sachliche Ausbildung! der Cantoren, eine Forderung, die in cant oralen Kreisen selbst! mit Nachdruck erhoben wird, und für die Heranbildung tüchtiger , Cultusgemeindebeamter überhaupt Bedacht nehmen. Redner! plaidirt weiters, um auch das Interesse der Erwachsenen am i Judenthum zu heben, für die Erweiterung der Gemeindebiblioj thek zu einer jüdischen Lesehalle und Ausgestaltung der Toynbeei balle, die gegenwärtig mehr eine Unterhaltungsstätte ist. Rach j Hinweis der Nothtvendigkeit der Steuerreform nach Berliner Muster tritt Dr. Spitzer dafür ein, dass auf dem Friedhose das Princip der Gleichheit mehr gewahrt werde und auch die ärmeren Personen würdigere Leichenbegänguiße erhalten mögen. Da würde sich namentlich für die jüngeren Rabbiner ei» ausgiebiges Feld der Wirksamkeit eröffne,!. Endlich fordert Redner, dass zu den Sitzungen der Friedhofs-Commission 2 Deleante der Chewra-Kadischa zngezogen werden, und erklärt zum Schluffe, dass er trotz aller vorgebrachteu Bedenken für das Budget stimmen werde. Wer dasselbe objectiv und ohne' Voreingenommenheit prüft, werde anerkennen, dass dieses Budget ein echt jüdisches ist; er wird Aufgabe» und Leistungen begegnen, welche au der äußersten Peripherie des jüdischen Pflichtenkreises liegen, und die Fürsorge und Liebe, mit welcher der Cultus-

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