Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1902-12-12 · Heft 47 (12.12.1902) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 47 (12.12.1902)
Date
1902-12-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3063113-3063160--02230-3068889
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 47. Die ärztliche Behandlung der von intercurrirenden Erkranknngen befallenen Pfleglinge und des Hauspersonales, wie auch ein allwöchentlicher Coutrolbesuch in der Anstalt wird von einem in der Nähe des Heims wohnenden Arzte besorgt, welcher auch die thunlichst rasche Jsolirung der von ansteckenden Krankheiten Befallenen zu veranlassen hat. Die Anstalt nimmt Knaben und Mädchen aus/ Für deren Separirung ist hinreichend gesorgt. Für die Zahlplätze sind Kronen , 600 jährlich festgesetzt. Eine Hausordnung regelt die inneren Verhältniße des Heims. Die Kost wird für die Pfleglinge speciell vorgeschrieben. Dieselbe muß' dem körperlichen Zustande der Pflege sowohl nach der Qualität als Quantität entsprechen. Die Kinder erhalten folgende Kost: Erstes Frühstück: Ein Viertel Liter Milch, eine Semmel. Zweites Frühstück. Mittag: Kräutersuppe, Ochsenfleisch (170 Gramm sroh^j mit Knochen pro Nation und Kind), Gemüse, Mehlspeise, ein Brot. Jause. Abendmahlzeit. Die Kleidung, Wäsche sowie die in Rücksicht der Behandlung erforderlichen Arzneien, die zur ärztlichen und chirurgischen Hilfeleistung erforderlichen Apparate, Bandagen und Instrumente sowie Zusätze zu Bädern rc. werden auf Anstaltskosten beschafft. „Wer ein Herz für Kinder hat, wer bekümmerten Eltern einen Theil Kummers abnehmen und wer den Herzensschmerz der Mütter lindern will, er helfe uns, er arbeite mit uns! Siebenhundert Mitglieder haben wir, ihrer siebentausend brauchen wir!" Mit diesen Worten schließt der Bericht des Vereines „Kinderheim" und wir wünschen, dass dieselben Eingang in die Herzen unserer Glaubensgenossen finden mögen. Jüdische Lage» und Legenden?) Unter den vielen Fragen, welche bei der religiösen Erziehung des jüdischen Kindes noch immer vergebens auf eine befriedigende Antwort warten, ist die Frage wohl eine er wichtigsten: wie schafft man eine geeignete Jugendleklüre für die jüdische Jugend? Von den Staatsschulen werden ihr Schriften in die Hand gegeben, die viel von rer griechischen und römischen Mythologie, viel von deutschen Märchen erzählen, nichts aber von dem unendlichen Sagenschatz des jüdischen Volkes enthalten.' Ist es da zu verwundern, dass beim jüdischen Kinde in der Regel Alles eher ausgebitdet ist, als das jüdische Herz, als das jüdische Bewusstsein? Und doch könnte nichts so sehr dies Beides bilden und heben, wie die Bekanntschaft mit der jüdischen Sagen^ und Märchenwelt. Von der biblischen Zeit, der talmudischen Epoche, aus dem Mittelalter und der Neuzeit ist so Vieles ans uns gekommen, dass es ein Leichtes scheint, daraus eine unterhaltende, Her; und Gemüth erglückende Jugendlitteratur zu schaffen, cm welcher vielleicht auch die Erwachsenen mit der Zeit Gefallen finden würdell. Daher ist der Versuch Kuttners freudig zu begrüßen, eine solche Litteratur ins Leben zu rufen. Er schreibt gefällig, wenn auch uicht immer interessant genug. Auch müsste die Auswahl des Stoffes sorgfältiger sein, und sollten die Originalqnellen — Talmud und Midrasch — nicht die Asterquelleu — Maassebücher — benutzt werden. Ich besitze diese Maassebücher nicht und weiß daher nicht, ob die zahlreichen Unkorrekiheiten bei Kuttner schon in ihllen Vorkommen. So in den Geschichten von Chanina ben Dossa (Taanith) und Choni Hameaggel — uicht wie gewöhnlich Hamaagal, da Choni keine Wagenburg oder Kreis war, son dern — ein Kreismacher (ebeud.). Ten Helden einer Geiftergeschichte aus Chullin 105 nennt Kuttner oder das Maassebuch Rabbi Aschi und macht ihn zum „bekanntell Schriftgelehrten und Kabbalisten"! Nun hat es ehr« Rabbi Aschi nicht gegeben, die Talmndquelle nennt den Sohn des Rab Aschi w 31 12 iv a.s den Helden, und *) Jüdische Sagen und Legenden von Dr. Bernhard Krtt, er, 1. Bändchen. I. Kauffmann, Frankfurt a. M. — 1 Mark. weder er noch sein VatMvaren KabbalijM! „Der verzauberte NabbWerinnert mehr ajt^Eansend und^ille Nacht", als au eine jüRHe Legende, wenMste auch im Maissebüchel steht. Wir wünschen aufrichtig, dass die folgenden Heftchen frei von solchen Verstößen sein mögen und so allen jüdischen Schulen und Familien aufs wärmste empfohlen werden können. Dr. K ach a n, Znaim. .TjL.iv . . Die Ansllte der öffentlichen Kinderbekleidung. So schön und edel es ist, Wohllhätigkeit zu üben, ebenso peinlich und deprimirend muß es wirken, wenn-man sieht, dass mit-der Wohllhätigkeit geflunkert, ja dieselbe absichtlich zur Schau gestellt wird. Wer mit dem kleinen SchKrslein, welches er von seinem Besitze oder gar Ueberfluß an den Armen abgibt, den Zweck verfolgt, dadurch Anerkennung zu ernten, als Wohlthäter zu gelten, der übt keine wahre Wohlthätigkeit. Man bedenke! -Ein Verein im XX. Bezirke eqnipirt 170 israelitische Kinder vollstäirdig, und ein Schwesterverein widmet separat 169 Paar Schuhe, für welche sich weitere 169 Paar unbekleideter Füßchen armer jüdischer Kinder finden. Welche Summe von Elend liegt nicht in diesen Ziffern! In der Brigittenau allein finden sich 170 jüdische Familien, die für je eines ihrer Kinder ein primitives Wintergewand annehmen, und 169 Familien, die auch zufrieden sind,? ein Paar Schuhe für eines ihrer Kinder zu'erlangen. Unter diesen 339 Familien gibt es sicherlich gar manche, denen nicht an der Wiege gesungen wurde, dass sie für ihre Kinder einen Anzug oder nur eilt Paar Schuhe anzunehmen bemüssigt sein werden. Das Schicksal verschlug sie nach Wien, in die Metropole des Reiches, wo Milch und Honig für die jüdischen Staatsbürger fließt; hier starb der Vater, die Mutter mit einigen unmündigen Kindern steht verlassen da; , sie kann nicht fort, weil ihr die Mittel fehlen, sie wüsste auch nicht, wohin? Oder der Vater lebt, er versucht, durch befugtes oder nilbefngtes Hansiren oder Agentiren für seine Familie den Lebensunterhalt zu - schaffen, aber es geht beim besten Willen und dem Aufgebot aller Kräfte nicht, soviel zu verdienen, um den theuren Zins und die ebenso theureu Lebensmittel bestreiten zu können; Roth und Etttbehrllng haben oft Krankheit und Siechthum im Gefolge, und mancher anfgesparte Groschen für Winterkleidung muß hervorgeholt werden, um für Arzt und Apotheke verwendet zu werden) Das primitivste Gesetz der Menschlichkeit, insbesondere die Lehre des Judenthums gebietet es, hier helfend einzugreifen; allein die diversen Tischgesellschaften, die „Guten Brüder" und „Lustigen Ritter", und wie sie alle die unzähligen sogenannten Humanitären Vereine und Vereinigungen beiderlei Geschlechtes heißen, sind die wahren Retter der durch die Roth und Schicksalstücke bedrohten Glaubensgenossen nicht. Ja, ich wage sogar die Behauptung,? dass es oft selbst an dem guten Willen fehlt, dies zu sein. Mit der Armuth der Mitmenschen und Glaubensgenossen wird in den meisten Fällen einfach ein Sport getrieben. Die scheinbar geübte Wohlthätigkeit durch die Bekleidung einiger oder selbst einer größeren Anzahl armer Kinder verfolgt mehr die Tendenz des Renommirens, als dass sie dem Impulse wahren Wohlthuns entspringt, da man sonst dies im Stillen, ohne Reclame und Kanzelreden, ablhun würde. Empfehlen würde sich aber, auf diese Art der WMrhätigkeit oder Hilfe ganz zu verzichten, und es würde sich vielleicht bei denjenigen, die es mit der Sache ehrlich meinen und denen Wohlthnn ein Herzensbedürfnis ist, bald die bessere Erkenntnis Bahn brechen, dass den Eltern ausgiebige Hilfe in dem Maße zutheil werden müsse, damit sie in die Lage kommen, für ihre Kinder selbst bje nöthige Kleidung zu beschaffen. ' N. CH.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.