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Die Wahrheit · 1902-12-05 · Heft 46 (5.12.1902) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 46 (5.12.1902)
Date
1902-12-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die Wahrheit. Seite « Nr. 46. und Freiheit, dieses fieberhafte Streben nach wirklich menschlichem Dasein macht den Zionismus selbst in seiner Uebertriebenheit ehrenwerth. Die Zionisten sind besser und edler, als jene beiden Schichten der Judenheit, die auf sie am schnellsten einen Stein werfen: die Capitalisten und blindeifrigen Fanatiker. Die Erbitterung des vom Ideal durch, drungenen Menschen verstehen diese praktischen Männer freilich nicht, die so denken: „Was fehlt uns denn zu unserem Glücke? Wir können doch Grund und Boden erwerben, unsere Wechsel intabuliren, Banken eröffnen, per Equipage fahren, sogar uns den Adel erkaufen!" Jener Theil der Judenschaft, der in mehr als einem Lande Europas Meister in der Entwickelung des kapitalistischen Systems war, ist mit seiner Lage sehr zufrieden und lebt in ausgezeichneten Beziehungen mit den mächtigen Faktoren jeder Zeit. Noch kein einziger Rothschild war auf einem zionistischen Congreß. Indem sie jenes Zeitalters vergesie», da sie selbst der Staat nicht emanzipirt hatte, zittern sie vor Wonne darüber, dass sie in der Epoche der Allmacht des Geldes leben, und stellen ihre ganze Kraft in den Dienst der brutalen Macht. Sie sind die Säulen der Reaction, gleich der. Feudalaristokratie oder dem Ultramontanclericalismus. Sh> sind die hochmüthigsten und schlimmsten Parvenüs. Sie würden keinesfalls nach Zion gehen, ihre Investitionen und jenes wirthschaftliche System hier lassen, in welchem sie sich, so agil bewegen, wie der Fisch im Wasser. Und auch die blindeifrigeu Fanatiker bleiben hier. Diese betrachten die soziale Jioliruug als eine Fügung Gottes, die man mit Ergebung tragen must. Sie schrecken vor der vollständigen gesellschaftlichen Emanzipation zurück, weil sie fürchten, dass durch dieselbe die Religiosität über den Haufen geworfen würde. Es sind dies die freiwilligen Sclaven des Ghetto, die auch dann das Gefängnis nicht verlosten, wenn man dessen Thore weit öffnet. Eine menschliche Hand darf Zion nicht erlösen. Wenn einmal der Messias kommt, wird schon jeder Knoten von selbst sich losen. Es bleiben die ihrer Nation treuen, für das gleiche Recht schwärmenden Juden. Sie bleiben, aber sie sehen in den Zionisten ihre irrenden Brüder, die ihnen näher stehen, als die Kapitalisten und Fanatiker. Die auf nationaler Basis stehende, mit den Nationen verschmelzte Judenichaft empfindet die gleiche Bitternis, wie die Zionisten; sie fühlt die Marter der Erniedrigung ebenso wie sie. Sie fühlt es, dass die Emanzipation im Leben zur schrecklichen Lüge wird und dass die Wurzel der Vorurtheile sich noch in den Gemüthern der Menschen befindet-. Aber diese Bitternis wird nicht zur Erbitterung. Als Gegenwirkung des brutalen Racenhochmuthes erwacht in ihnen nicht das Stammesgefühl. Sie können sich von der Nation, deren gleichberechtigte Mitglieder sie sind, nicht mehr lostrennen. Sie sind nicht mehr im Stande, den Boden zu verlassen, ans welchem sie geboren sind. Sie können die Cultur, deren Arbeiter sie sind, nicht gegen eine andere vertauschen und wollen es auch nicht. .Auch die Besseren der Judenschaft, ihr idealer Theil, brauchen nicht den neuen Judenstaat. In ihnen offenbart sich der^ Stolz anders, als in den Zionisten, die zurückweichen und sich Auer großen Schöpfung widmen, weil sie sich mit den flehte» Schwierigkeiten des Lebens nicht messen können; sie weichen nicht zurück, selbstbewusst fordern sie die Gleichberechtigutrg nicht nur für sich, sondern für die ganze Klasse der Ausgestoßenen und Verfolgten. Sie beugen sich nicht vor den Vorürtheilen, sie gehen nicht in die freiwillige Verbannung, sondern sie nehmen den Kampf gegen jeden Faktor der Dummheit und Liebedienerei auf. Nicht die Wiederaufrichtung Zions sondern die Hilfeleistung beim Aufbau einer vorurtheilslosen, wahrhaft freien und demokratischen Gesellschaft ist der Weltruf des idealen Theiles der Judenschaft. Dies kann der Kapitalist nicht begreifen, weil er keinen Begriff hat von moralischen Werthen und bei der Freiheit des Kapitals die Unterdrückung nicht empfindet: der Fanatiker nicht, weil er sich mit den Nationeil nicht verschmelzen will, sondern seine gesellschaftliche Absonderung bewahren möchte. Deshalb ist die Verirrung der Zionisten schmerzlich. Sie verringert die Kraft der idealen Juden gegenüber den Kapitalisten und Fanatikern und benachtheiligt die Erfüllung der Weltmission der Juden. Erlöser, Verkünder der Volksfreiheit soll die Jndenschaft der Menschheit geben. Die aus den Reihen der Unterdrückteil Stammenden können, wenn sie ein hehres Gemüth und scharfen Verstand besitzen, mit der aufrichtigsten Wärme der .Sache der Unterdrückten dienlich sein. Das Band be§ eigenen Interesses knüpft den Judeil an den Triumpf der Volksfreiheit. So lange der Begriff Nation nicht alle mit gleicher Liebe umfasst, so, lange es Ausgestoßene und Elende gibt, wird auch der Jude nicht von der gesellschaftlichen Sklaverei befreit. Die Juden einer jeden Nation sind die Schuldner derselben, wenn aus ihrer Reihe 'keine Vertheidiger der Rechte des Volkes entstehen, und die Judenschaft würde die Schuldnerin der Menschheit bleiben, wenn sie die große Aufgabe verratheu würde, wie die Kapitalisten, verachten wie die Fanatiker und aus Erbitterung in Stich lassen, wie die Zionisten. Vergebens flößen aus den Augen der irrenden Schwärmer die Freudeiuhränen ob des Heranahens der Zeit zur Wiederanfrichtung Zions. Zion wird nicht bald wieder erbaut, aber keine Macht der Dummheit und Sklaverei kann den Triumpf des gerechten Staates der Zukunft verhindern. Die Maßregelung von Technikern wegen Theilj nähme an einer jiid. Cnltuswählerversammlnng j durch den israelitischen Freitischverein in örünn. Der in Brünn bestehende israelitische Freitischverein gewährt zirka 30 Hörern der hiesigen technischen Hochschule den Genuss des Freitisches. Die Betheiligung mehrerer Techniker! an der am 9. November stattgefundenen Kultuswählerverj sammlung gab der Leitung des Freitischvereines den Anlass, I mehrere Techniker zu maßregeln und einem unter ihnen, dem j Herrn I. Sch. .. den Freitisch gänzlich zu entziehen.! Diese Maßregelung veranlasste die jüdischen Techniker, j gegen diesen Gewaltakt, welcher nichts anderes als die Einj schräukuug der akademischen Freiheit bedeutet, in einer vom i Rektorate der hiesigen technischen Hochschule gebilligten, am! Brette der Aula angekündigten Technikerversammlung zu protestiren, umsomehr als der Präses des Freitischvereines im Vorjahre bei einem ähnlichen Anlässe eine schriftliche Erklärung! zu Protokoll gab, welche dahin laut.te, dass vom Vereiue über die politische Gesinnung der vom Vereine Verköstigten j und deren Betätigung unter keiner Bedingung eine Kontrolle geübt werden dürfe.! In dieser Versammlung wurde folgende Resolution an-; genommen und dem Präses des israelitischen Freitischvereines! durch eme Deputation persönlich überreicht. Resolution, ' beschlossen in der am 22. d. M. stattgefuudenen jüdischen Techniker-Versammlung. Angesichts des Vorgehens des Ausschusses des israelitischen; Freitischvereines gegenüber dem Techniker Herrn I. Sch ..., > dem zufolge seiner politischen Gesinnung und bereit Betätigung der Genuss des Freitisches entzogen wurde, sieht es die jüdische Technikerschaft Brünns als ihre Ehrenpflicht au, gegen eine derartige engherzige und rücksichtslose Vergewaltigung,! durch welche ihre mittellosen Kollegen in ihrem durch akadej mische und staatlichen Gesetze gewährleistetem Rechte der freien Meinungsäußerung bedroht werden, vor der Oeffentlichkeit j Ltellung zu nehmen ^>ie drückt hiermit den Urhebern dieses Beschlusses und! allen jenen die sich an seiner Durchführung betheiligten, ihre! Mißbilligung aus.! Diese Männer, die Dank der in der Brünner Juden- 1 schaft herrschenden Verhältniße als deren Repräsentanten an-

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