Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 46 (5.12.1902)
- Date
- 1902-12-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 Die Wahrheit. Seite 5. religiös ist, wie die früheren Geschlechter, „Samuel in seiner Zeit, Jefta in seiner Zeit". Unsere Zeit verlangt eben mehr thatkräftige Förderung religiösen Lebens als mechanische Gebetübung. Sie wird dem Grundsätze: „Besser weniger mit Andacht, als viel ohne Herz" solange huldigen, als nicht ein besseres Verständnis unserer Gebete das Interesse daran mehr hebt. Sorge darum erst für eine sorgsamere Pflege der hebräischen Sprache, die Eigeuthnm aller gebildeten Juden war, ist und sein wird, dann wird auch der „gebildete" Jude sie endlich doch pflegen und daran Gefallen finden, wenigstens verständnisinniger beten. Unsere Litteratur ist zwar in zahlreichen Übersetzungen der Menge zugänglich, aber Uebersetzung ist bekanntlich nie Original. Homer oder Horaz in Uebersetzung ist nie so wie Urtext. So auch bei unserer heiligen Schrift und den daran hängenden Schriften. Sorgen wir also in dem großen Sprachenstreite, der jetzt die Völker so mächtig erregt, dafür, dass eine Sprache der Vermittlung, der Verständigung in uns rem eigenen Lager Geltung finde, die Sprache unserer Väter, die Sprache, in der unsere größten Werke verfasst sind.. Wollen wir diese Sprache unserer Jugend geben, dann rüsten wir sie zum Kampfe für unser Judenthum. Nicht Utopien wollen wir verfolgen, sondern Erreichbares anstreben. Unser Schriftthum in weite Kreise tragen, unsere Jugend mit -unserer großen Geschichte bekannt machen. Wenn nur jeder Rabbiner oder Cantor seine Gemeindeangehörigeu gelegentlich aus den Werth der jüdischen Geschichte, aus die spannende Darstellung derselben in verschiedenen Bearbeitungen auf' mciksam macht, so ist damit schon etwas erreicht. Nicht vom Theater allein oder von den politischen Fragen sei die Rede, sondern von unserer Zukunft und ihrer Gestaltung. Wenn wir schon nicht das Studium unserer Litteratur so populär machen können, wie etwa das einer modernen Litteratur, so wollen wir doch wenigstens einen Theit unserer Werke verbreitet wissen. Während man jetzt im „gottlosen" Amerika die Renaissance der jüdischen Litteratur in der Ausgabe der „Realencyklopäoie des Jude.ithums" feiert, sollte man nicht auch im „frommen" Europa etwas für unsere Jugend thun? Wenn wir nicht bald dazu schauen, wird großer Schade werden. Nehmen wir uns doch ein Beispiel an Anderen! Das Gute, Praktische soll überall angenommen werden! Unserer Jugend aber rufen wir zu: Arbeitet für Euer Judenthum, thut alles, um es zu befestigen, dass man auch Euch--'zurufen kann „Heil unserer Jugend, die unser Alter nicht beschämt", die alles thut, was den Vätern Ehre und Freude bringt, dass Euer Leben, Euer Streben eine Sühne sei für etwa begangene Fehler, ein Opfer für die Herrlichkeit unseres Glaubens, und dass wir stets nach innen und außen eine geschlossene Bruderschaft bilden, die sich um das Licht des Glaubens schaart, um das Licht der Meuorah, deren strahlender Glanz uns gar bald wieder gemahnen soll, dass trotz aller Mächte und Ränke der Finsternis dennoch langsam, aber sicher das Licht sich verbreitet, jenes Licht der Duldsamkeit, der Aufklärung und Liebe, für das unsere Ahnen ihr Leben freudig geopfert! Lastet uns Gott preisen, der uns -geheiliget hat, und mit der ehrenvollen Aufgabe betraut, der Welt das Licht des Friedens, der Liebe, Duldsamkeit und Aufklärung anzuzünden! Möge Licht einkehreu überall, wo Finster'Nis . alles beirrte, Licht und Freude, Frohsinn und Fröhlichkeit alles erhellen! Jüdische Kreuzritter. Vom Reichstags-Abgeordneter Dr. Wilhelm Väzsonhi. Wehe Demjenigen, der es in unserem Zeitalter nicht versteht, . seinen Idealismus geschickt zu verbergen. Ertappt! man ihn bei denselben, dann hat er daran zu tragen, oder er j wird im besten Falle ausgelacht. So entstand der edle Cynismus,; der verschämte Idealismus. Schließlich wird man nicht gerne! für dumm gehalten und als problematische Existenz ftigmatifirt von Jenen, die von eitlem Tag ans den anderen leben, stets gedankenlos sind, sich vor Allem beugen, jede materielle Kraft anbeten. Wer Flügel hat, trage sie unter seinem Rocke. Den Göttern des Idealismus darf man nur im Geheimen Hausgottesdienst veranstalten. Diese Vorsicht haben jene Schaaren verabsäumt, die aus den Zionisten-Congressen die Träume ihrer Seele vor ganz Europa ansgeichüttet haben. Von Juden und Antisemiten werden sie jetzt in brüderlicher Eintracht dafür gelästert. Auf das gute Thema stürzen sich auch die Orpheum-Witzler und anticipiren eine geistreiche Parodie auf das neue Palästina, den neuen König, die glaubenstreuen Minister und die Armee. „Welch' sündhaftes Bestreben!* ruft der vereinigte Chor praktischer Inden und Antisemiten. „Welch' komisches Experiment!" lacht der Slraßenspott. Unterdessen nehmen die Zionisten von einander Abschied, sie umarmen und küssen einander. Nordau aber, der Zionistenführer, dem Meister der Ironie, fließen Thränen aus den Augen . . . Der Zionismus ist eine Verirrung, die nicht triumphireu wird. Aber es ist ein Jrrthum edler Gemüther. Sein Ausgangspunkt ist nicht so falsch, wie die Heuchelei der praktischen Juden vorgibt, nur sind seine Schlussfolgerungen und Endbestrebungen unrichtig. Die Begründung des Jndenstaates, oder der rechtlich gesicherte» jüdischen Heimstätte wird also nicht gelingen. Gut, das ist wahr. Aber unter den Zionisten gibt es zu viel ausgezeichnete Geister, und ihre Bewegung ist von viel größerem Ernst, als dass wir aus demselben ohne ausführliche Analisirung nur die Lehre ziehen könnten, dass ein Haufe von Menschen verrückt geworden sei und jene praktiscke Empfindung verloren habe, welcher gewisse jüdische Größen es veroanken können, dass sie zur Geltung kommen. Im Zionismus verschmelzen sich eigeuthümlicherweise die beibeu gegensätzlichen Elemente des religiösen Romantieismus und der ganz modernen Aufgeklärtheit. Sie wollen Palästina erwerben; als würde in ihnen dasselbe unbezähmbare Feuer lodern, tvie in den Kreuzrittern. Ja, es scheint, als gäbe es jüdische Kreuzritter, Fanatiker des Zionismus. Aber unter den Theilnehmern an dieser wunderbaren geistigen Bewegung exiftiit kein religiöser Fanatismus. Es sind dies ganz moderne Menschen, Arbeiter des Geistes. Schriftsteller, Lateiner. Philosophen, Priester. Unter dem religiüseu Romantieismus müssen wir daher das Wesen suchen, und dieses ist die tiefe Erbitterung eines Theiles der modernen, gelehrten, geistige Arbeit verrichtenden Judenheit. Der Ausgangspunkt der Zionisten ist, dass die Emanzipation eine soziale Lüge sei. Der Staat hat sie ertheilt, aber die Gesellschaft hat sie zurückgezogen oder geschmälert. Der Jude kann selbst Minister oder General werden; trotzdem aber gibt es kein Land, wo man ihn nicht fühlen lassen sollte, dass er nur ein minderwerthiges Wesen sei. Dies kann nur jener Jude leugne», der aus Eigennutz heuchelt, oder von der Vorsehung mit einer genug dicken Haut begnadet ist. Die Zion sten forschen nach der Ursache dieser traurige» Erscheinung und finden sie darin, dass die Juden in keinem einzigen Lande wirklich zuhause sind, weil sie auch nicht einen einzigen Staat gegründet haben. Sie werden daher überall als Hergelaufene betrachtet, die es nur dem Wohlwollen der Begründer zu ver danken haben, wenn sie die Emanzipatiou genießen könuen- Vergebens paffer» sie sich der Nation au, arbeiten und kämpfen, sie für die Ideale derselben, sie werden des Ephitetons „Jude" nicht los, an welchem stets Entwürdigung, Geringschätzung, oder im besten Falle, Bedauern haftet. Einen Boden zu suchen, wo der Jude kein minderwcrihiges Mitglied der Gesellschaft; ein Vaterland, welches er gegründet hat; einen Staat, in welchem er nicht „Hergelaufener" ist; das ist dem Zionisten gemäß die Lösung. Die feinbesaiteren, stolz angelegten Naturen wollen sich vor Entwürdigung, Geringschätzung und Bemitleioung flüchte». Diese unermesslich große Sehnsucht nach Gleichberechtigung