Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 46 (5.12.1902)
- Date
- 1902-12-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit. Ne. 46 unseren Tagen ist das Gefühl der Gleichheit in den Heizen der Menschen so festgewurzelt, dass man uns auch dann nicht der j Bürgerrechte berauben würde, wenn wir uns von der Gemeinschaft mit den arischen Völkernlosfagen würden,. und darum dürfen uns nicht Rücksichten ans eine mögliche Verstimmung' unter der nichtjüdischen Bevölkerung davon abhalten, dem Zuge unseres Herzens folgend, unserem nationalen Dasein und dem frisch pulsirendeu nationalen Leben den angemessenen vollen Ausdruck zu geben. Jedoch damit ist die Frage nicht erledigt. Es genügt nicht zu wissen, dass die Anerkennung einer jüdischen Nationalität an der Universität oder im politischen i Leben nicht schaden kann, wir sollen vielmehr fragen, wie' groß wird der Nutzen sein, der uns daraus erwächst? Wie die Dinge heutzutage liegen, hätte die Geltendmachung der jüdischen Nationalität im öffentlichen (politischen) Leben deswegen nicht viel für sich, weil die Juden, einige Kreise ausgenommen, nicht in großen Massen beisammen leben, von ihren Idealen abgesehen, , Eeine gemeinschaftlichen Interessen haben, und, was das bedeut ' samste ist, wegen ihrer nichlarischen Herkunft erst die Vor urtheile der Arier bekämpfen müssen, dadurch dass sie sich ihnen,' den Mächtigeren, die den Boden besitzen, anschmiegen und solchergestalt ihr Leben mit Erlaubnis der Arier ans deren Kosten fristen. Anders verhält sich die Sache an den Universitäten. Hier ist die Scheidung zwischen Juden und Ariern schon längst eingetreten. Die Zeiten, da man vom Bruder Studio beim Eintritte in einen akademischen Verein noch nicht den Taufschein forderte, sind vorüber. Wir finden es daher ganz zeit- und sachgemäß, wenn sieben jüdische Verbindungen ihre Anerkennung als solche anstrebcn, und das umsomehr, als sie damit auch einen praktischen Zweck verbinden, weil ihnen ohne eine solche Aneikennung die Benützung von Universitätsraumen nicht gestattet wird. Also nicht das war die Frage, ob wir eine Nation sind; davon sind wir überzeugt, daran glauben wir, und würde man uns mit allem gelehrten Zeug auch das Recht absprechen, als Nation auizutreten, wir strafen sie dennoch Lügen, indem wir auf eine eigene Litteralnr, eine eigene Publicistik, aus eigene. Allen ge mcinsame Ideale Hinweisen. Die Frage sollte vielmehr lauten: ist die Geltendmachung der Nalioncüitäl unter den obwaltenden Umständen nolhweudig, nützlich, wird sie uns nicht schaden? Und meine Antwort daraus lautet, dass aus der Geltendmachung der jüdischen Nationalität, zunächst an den Universitäten, in keiner Hinsicht Schaden, sonbern nur Richen erwachsen kann. , Der Frage ließe sich noch eine dritte Seite abgewinnen: Werden wir unseren Wunsch erreichen? Leider muß ich zur Steuer der Wahrheit bekenrien, dass schon der erste Schritt nicht mit rechtem Bedachte gemacht ivued«. Eine Angelegenheit, die alle jüdische Studenten von ganz Oesterreich angeht, erfordert eine gemeinsame Aclion. Aber siehe! selbst die Studenten der Wiener Hochschulen handeln nicht einmüthig, da sie in zwei Lager getheilt über dieselbe beralhen und schon dadurch die Kr .st ihrer Forderung um ein Berrächliches schwächen. Religiöse Erziehung in der Gegenwart. Von Dr. L. H i r s ch—Krumau. (Schluss.) Sehen wir uns z. B. den hebräischen Unterricht an-, der ja für Manche sehr schwer ist. Man weise bei Erklärung des Zeitwortes aus ähnliche Erscheinungen oder verwandte Beziehungen in anderen bekannten Sprachen hin. suche schwerere grammatische Verbindungen aus einfache Formen zurückzuführen und gehe stets vorn Bekannten zu Unbekanntem über. Coucrete Darstellungfördert das Interesse und erleichtert das Verständnis. Trotz der wöchentlichen 2 Stunden lässt sich viel erreichen, wenn alle Umstände weise genützt werden. Im Sprachunterricht weise man stets aus diese oder jene Analogie im Lateiuisch>.u oder Griechischen hin. Beim Uebersetzen laffe man den Schüler es versuchen und selbst finden. Alles Mechanische muß vermieden werden, denn nur das, was verstanden und verarbeitet wird, hat Werth. Das Gedächtnis hat ja dabei anch die Möglichkeit, sich.zu stärken, da ja eben die ständige, verstandesmäßige Behandlung des Stoffes die dauernde Ausbildung des Gedächtnisvermögens fördert. Man verweisenicht ans die verschiedenen Arten des Gedächtnißes, da dies ja hier nicht in Betracht kommt, wo es sich um Ausbildung des Verstandes und Gemüthes gleichmäßig handelt. Wie oft hört man die Klage über mechanisch auswendig gelernte Geschichte, wobei jedes Verständnis fehlt. Ebenso das Uebersetzen ohne Verständnis, ohne Betrachtung des Inhaltes. Erst wenn man sich in die Sache vertieft, sich besinnt und vielseitig den Stoff bearbeitet, beziehungsweise herausfindet, dann wächst das lebendige Interesse, und damit kommt von selbst später, ans einer höheren Stufe des Erkennens die vertiefte Auffassung unserer Geschichte, unserer Bräuche und Anschauungen über religiöse Dinge. Weit entfernt von Engherzigkeit, die leider den religiösen Jndifferentismus nicht beseitigt, suche man den religiösen Sinn durch Heranziehung der Gegenwart und Zukunft zu h.ben. Man begnüge sich nicht, mit Bedauern oder Verlachnug die Sache von oben herab abzuthun, sondern sei bestrebt, durch Eingehen und eingehende Schlussfolgerung und Hinweis ans das Elend der Zeit, woran zum guten Theile diese Lässigkeit in religiöser Beziehung schuld ist, solche Ansichten ad absurdum zu führen Wie viel wird für Apologetik bei Katholiken und Protestanten seit jeher gethau. wie bemüht man sich, die Lehre von Gott und wahrem Heile überall zu befestigen, nur wir entsetzen uns über unsere Verfolger, die wir eigentlich durch unsercre Lanigkert mehr, als wir zngestehen wollen, übertreffen. Wie kläglich ist es, wenn wir ängstlich jede harmlose Aeußerung unseres religiösen Gefühles meiden, als ob wir damit die Liebe, Achtung und Gleich-- werthigkeit erzwingen könnten. Es sei dahingestellt, ob jemals tie Menschen ohne Streit sein können l Wären keine religiösen und nat oneilen llnterschiede, so würde man gewi s andere Dinge finden, die Streit und Hader, Unheil und Untergang bringen. Dies liegt in des Menschen bösen Trieben, die leider die Religion nirgends ganz unterdrückt hat. Würde nur erst unsere Jugend darüber sich klar sein, dass Neligion und Glaube nicht etwa zur Unterdrückung, sondern vielmehr zur Ausbildung und Förderung aller guten Anlagen im Menschen sind ist, dass unsere Religion^ die reinste Sittlichkeit lehrt und in der Vollendung des ethischen Menschen ihr höchstes Ziel sieht, so würde die modernste Jugend ganz anders* Religion und Volksthum pstegen. Gott hat uns die Thora gegeben, weil dies die beste Art der moralischen Vervollkommnung ist, wie unsere Geschichte in ihren großen Männern uns überall beweist. Von Moses, unserem Lehrer, bis ans unsere Tage sehen wir, dass die besten unseres Stammes zugleich die religiösesten waren, dass eben die Treue gegen Gott (ruiöK) auch Treue gegen Menschen. Festigkeit und Ausdauer im Guten zur Folge hat- Dies ist unumstößlich. Es versuche nur jemand, das Gegentheil daraus abzuleiten! Die wahre Religiosität, die frei von Heuchelei und Winselei sich bekundA, führt entschieden zur Festigkeit des inneren und äußeren Menschen, das beweist jedes Blatt unserer Geschichte. Man verwechsele nur nicht Frömmelei mit Frömmigkeit, und man wird sich und allen fürs 'Judenthum Kämpfenden manches Mißverständnis ersparen .Man gewähre nur Jedem möglichste Freiheit der Bewegung, ohne aber seiner selbst und der obliegenden Pflichten dabei zu oergessen! Das wird am meisten in unserer ganz anders gearteten Zeit wirken! Sieht einmal der eine das gute Beispiel, so wird er doch bei einiger Anfnahmssähigkeit sich anschließen, und so wird es weitcrgehen, bis wieder ein gekeäftigtcs Volksthum den Auswüchsen der überspannten Zeit zu begegnen vermag. Mail kann sagen, dass unsere Zeit in ihrer Weise ebenso