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Die Wahrheit · 1902-12-05 · Heft 46 (5.12.1902) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 46 (5.12.1902)
Date
1902-12-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1 Redact!o» und Administration: sWien, II/i. Novaragaffe 27.1 -! —! > K. k. österr. Postsvarcassa Check-Conto Nr. 846.251 Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile.! Abonnements- und JnserationS-! > betröge sind in Wien zahlbar! und klagbar. i Erscheint jeden Freitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Berugspreis: Ganzjährig. . . ff. 12.— j Halbjährig .... ff. 6 — j Für Cultusbeainte: Ganzjährig.... ff. >0.— Für Ausland: Äanzjäprig . . .3 Mark. 6 Rubel o^er 16 FcS Ar. 46. Wien, 5. Derember 1902. Inhalt r Der jüdisch-uaiionale Student. — Religiöse Erziehung in der Gegenwart — Jüdische Kreuzritter. — Die Maßregelung non Technikern wegen Theilnahnie an einer jüd. Cultuswählernersaimnlung durch den israelitischen Freitischverein in Brünn. — Gemeinde- und Ber» einsbote. — Verschiedene Nachrichten. — Zur Berufsorganisation. — Organisation und Fachblatt. - Vor dem französischen Kriegsgericht. Der jüdisch-nationale Student. Indem wir dem an uns gestellten Ansuchen um Ver-! öffentlichung der nachfolgenden, zeitgemäßen Ausführungen will-! fahlen, wollen wir gerne unsererer Sympathie für die jüdischj nationale Studentenschaft Ansdruck leihen, doch möchten wir! derselben in ihrem eigenen Interesse und im Interesse der | heiligen Sache, die sie vertreten, den wohlgemeinten Rath er- : theilen, sich bei Betonung und Belhätigung ihres jüdisch-nationalen Standpunktes nur von ihren Idealen, nicht aber von den Einflüssen skrupelloser Hetzer leiten zu lassen. Namentlich sollten; die jüdischen Studenten sich jene unreinen und unreifen Elemente vom Leibe halten, die während der letzten Wiener Cultuswahlen! in ihrer Begleitung gesehen wurden. Halbwüchsige Jungen, die; ans Unverstand und Ungezogenheit gerne Skandale machen und! die eigentlich für ihre Unarten noch der häuslichen Züchtigung i zu überweisen sind, gehören nicht in die Gesellschaft jüdischer Hoch-! schüler. Ans der möglichst reinlichen Scheidung von solchem Anhänge! muß die jüdische Studentenschaft selbst bestehen, das wird den : Ernst ihres Strebens nur erhöhen und ihnen wie ihrer Sache, die nnlängbar eine Angelegenheit des gesammlen Judeuthums ist, zahlreiche Freunde erwerben. Nach diesem aufrichtigen i Mahnwort wollen wir die aus jüdischen Studeutenkreiseu an i uns gelangte Zuschrift im Nachfolgenden wiedergeben: Es dürfte wohl aus den Tagesblättern schon den meisten! Lesern dieser Zeitschrift bekannt sein, dass in Wien am 27. Noj vember d. I. eine Versammlung von etwa 500 nationalgesinnteu! jüdischen Hochschülern stattgesunden hat, in welcher zwei ■ Referenten die Frage erörtern sollten, ob wir nach den Lehrmeinungen und Bestimmungen des Begriffes „Nation" seitens der Gelehrten das Recht haben, der Gesammtheit der Juden, die sich zu derselben Religion bekennen, die von ein und demselben : Ahnen abstammen und eine gemeinschaftliche Geschichte und! Cultur besitzen, den Titel „Nation" zuzuerkennen. Ich must ge-! stehen, dass mich fast ein Schaudern ergriff, als ich wahr«ahm, j wie selbst seitens der Zionisten, also der Juden, die geradezu! im Zeichen der jüdischen Nationalität stehen, erst in Erwägmlg j gezogen wurde, ob wir eine nach austen gekennzeichnete Einheit! bilden. Also, da wir uns mit Worten allein nicht mehr begnügen und zur Thal schreiten müssen, wankt noch unser Fuß und sinkt unser Muth? Oder sind wir durch die vielen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte und durch hie fünf Congreffe der Abgesandten aller jüdisch national Denkenden, von den Steppen Sibiriens bis in die Länder jenseits des Oceans, noch nicht genügend von der Wahrheit überzeugt worden? Beweist das mit jedem Tage wachsende Solidaritätsgesühl der Gesammtjudenheit noch nicht genügend die Existenz eines allen Juden gemeinschaftlichen Ideals, das in Zion verkörpert dasteht? Nicht dazu, meinte ich, haben wir uns versammelt, um die Existenz oder Nichtexistenz erst in Erwägung zu ziehen, und wir sind, offen gesagt, zu gering, um über eine Angelegenheit auch nur zu berathen, die von den weiten und breiten Schichten der Juden Ost- und Nordwesteuropa's. Amerikas's, Südasrika's »üb Noroasiens einstimmig entschieden worden ist. So unglücklich wie die Stellung der Frage, ebenso war auch die Erörterung derselben au diesem Abende vollends überflüssig und nicht sachgemäß. Vielmehr hätte in einer Versammlung, die praktische Ziele im Auge hat, die Frage in folgender Weise gestellt werden sollen: „Halten wir es für opportun und zeitgemäß, als Jlwen auszutreten, uns auch im politischen Leben um eine Fahne zu schaaren, und was verspreche,! wir uns davon?" Wenn wir den Entwicklungsgang der europäischen Judeuheit im neunzehuteu Jahrhundert betrachten, so drängt sich uns die Thatsache aus, dass nicht die vom Staate besoldeten Statistiker es waren, die den Juden eine gesonderte, aas ökonomischer Basis sich gründende Stellung im politischen Leben abspracheu, sondern vielmehr ie „aufgeklärten" Juden selbst traten für die Aufhebung und Abschaffung der sie zusam neuhaltenden Ghettomauern ein und gaben in jenen denkwürdigen Freiheitskämpsen ihre Nationalität um den Preis der Gleichheit aut. Erst hintendrein kommend constatirten die Statistiker das fait accompli und rechneten die Juden zu den Völkern, in deren Mitte sie wohnten. Die Assimilatoren, seligen Andenkens, waren so ganz im Unrechte nicht. Das, wis wir heute besitzen und geniesten, was nach unseren modernen Anschauungen jedem Menschen, den Paria nicht ausgenommen, gebührt, ich mei»le die Gleichberechtigung, milssteu jene erst erkämpfen. Die Freiheitskämpfer des Vormärz hatten das Ideal der Gleichberechtigung nur solchen Menschen znerkannr, die ihnen gleichen, und so mussten die damaligen Juden sich ihnen gleichstellen, assi nilieren. Allein das Moment, das die Juden der Jahre 1848 dis nach 1870 zur Affimilatiou gelriebeu hat, ist für uns verschwunden und wirkt »ticht mehr aus uns. In

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