Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 45 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063113-3063158--02212-3068869- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 Oie Wahrheit. Nr. 45 im großen Saale des „Hotel Continental", ll., Taborstraße Nr. 4 pattfinden wird. Bei -er außerordentlichen Beliebtheit, deren sich der Jubilar in den weitesten Kreisen erfreut, ist eine rege Theilnahme an dem Festabende zu erwarten. Wie«. Sonntag, den 16. d. veranstaltete der Mädchen- und Arauenverein „Bikor Chaulim" den zweiten medicinischen Vortrag. Dr. Z. W. Frießer sprach über die Prophylaxe der Infektionskrankheiten. Der Applaus des Publikums verrieth die Anerkennung. Aroppa». Ueber Einladung des hiesigen „Jüd. litt. Vereines" hielt Herr Dr. Freimann, Rabbiner in Holeschau, ain 20. d. einen Vortrag über „Theodor Herzlls Altneuland", der von dem zahlreich erschienenen Publikum mit stürmischem Beifall ausgenommen wurde. Herr Dr. Freimann betonte zu Beginn seines Vortrages, dass er sich jedes politischen und parteilichen Discurses über dieses Werk enthalten wolle, und erklärte nur in sehr fesselnder und interessanter Weise daS Werk, so dass die Zuhörer mit großem Interesse diesen spannenden Ausführungen des geschätzten Redners folgten. Herr Dr. Singer, der Obmann des Vereines, dankte zum Schlüsse für die ausgezeichneten Ausführungen in »armen herzlichen Worten. Vor dem französischen Kriegsgericht. Episode aus dem deutsch-französischen Kriege, nacherzählt von Jos. Eppstein. (Fortsetzung.) Die Gestalt schaut auf, bleibt an dem Gitter stehen, und siehe, er hat sich nicht getäuscht, Jsak Mayer — vulgo Jfick Niederwiese genannt — ein baumstarker Mensch, herzensguter Glaubensgenosse, aus einem Dorfe nahe bei seiner Heimat, steht vor ihm. „Was machst Du denn da, Mayer, wie konimst Du hierher?" „Was ich mache, das könnt Ihr doch gut aus meinen Kleidern und an meinen Waffen ersehen; ich bin hier bei der Garde mobile.“ „Was habt Ihr denn aber in der Stadt zu thun? „Was wir zu thun haben? Die Frage ist nicht übel; wir müssen Achtung geben, wie unser Lolonell gesagt hat," und dabei fasste er sein Gewehr fester, „das die Afchkenasim nicht in die Stadt herein kommen, aber k propos, wie kommt Ihr denn hierher auf die Wache? Seid Ihr denn auch bei der Garde nationale oder der Garde mobile vielleicht? Ihr seid .aber doch schon zu alt und die thun doch hier auch keine Wache 1" ‘ „Lin Gottes Willen, schreie nicht so, lieber Mayer, höre mir lieber zu", entgegnete Moise. „Du kannst mir vielleicht eine große Freude ckhun; ich bin nämlich vor einer Stunde schon hierhergebracht worden und soll bald vor den Militär-Gerichtshof geführt werden, ohne dass ich weiß, wie oder warum. Du kennst mich doch von zu Hause, ich kan» Dir versichern, ich habe nichts begangen, da man aber immer nicht weiß waS Einem in diesen bösen Zeiten bevorsteht, so laufe rasch zu meinem Sohn, wenn Du ihn zu Hause triffst, außerdem aber begebe Dich auch zu meinem-Freunde Lambert Lus des Clairs und erzähle es ihm; dieser Mann ist bekannt und hat großen Einfluss; vielleicht kann er mir in irgend einer Weise behilflich sein; er thut es dann sicherlich." ,Das kann und will ich Euch besorgen." replicirt Mayer, „die Afchkenasim werden während dieser Zeit nicht gerade eindringen," und er trollt mit seiner Flinte von dannen. Moise guckt sich beinahe die Augen aus, um den Erfolg von der Sendung Mayer's zu erspähen, aber es kommt Niemand. Lu Lol v'a» Oneh! Zwölf Uhr schlägts von der nahen Cathedrale, die Wache wird unter Trommelwirbel abgelöst, und unser Moise, von dem Officier einem Sergeanten und zweiL Soldaten übergeben, durchschreitet mit seiner Escorte die halbe Stadt; ein feiner Regen der hernieder fällt, macht den Gang noch ungemüthlicher; bei einer Biegung des Weges erblickt Moise auf dem Trottoir einherkommend seinen Freund Lambert — ziemlich iefannt mit Militär, da zwei seine- Söhne als Officiere bei den Truppen standen — doch ohne von ihm Notiz zu nehmen, geht er auf den Sergeanten zu und spricht^ kfe*'. „Run, guten Tag, meine Tapferen, würden Sie bei diesem schlechten Wetter nicht ein kleines Gläschen mit mir trinken? „Wir würden wohl gerne. Haben aber, wie Sie hier sehen, «inen Transport." „Dieser wird gewiss nicht davon fliegen und kann mit unS ja eintreten." Mit diesen Worten öffnete Lambert die Thüre eines Caf6s, man trat ein und Jedem wurde ein Gläschen Liqueur servirt; ohne Umschweife setzte sich Lambert zu seinem ^Freunde und ließ sich kurz von ihm bericht dann sprach er: „Als ich Deine Ordre von einem ^unmenschlich großen Garde mobile bekam, ging ich vorerst zu Deinem Sohn, ihm zu bedeuten, er solle ruhig in Deiner Wohnung bleiben, vielleicht will man dorten noch etwas Anderes; auch kann er Dir absolut nichts helfen, ich kann es vielleicht eher; hast Du vielleicht etwas gesprochen, wenn auch nichts gethan?" . „Ich werde doch nichts thun oder sprechen gegen den Malchus, mit dem ich Geschäfte mache; ich weiß mir gar nichts vorzuwerfen." „Das ist das Beste," erwiderte Lambert, „wir Jehudim müssen immer doppelt vorsichtig sein; es ist zwar jetzt eine böse Zeit, und jeder Neider kann Einem durch eine Denuntiatio» bei dem Kriegsgericht eine Anklage auf den Hals laden, aber schließlich sind doch diese Richter Ehrenmänner und prüfen Alles genau, ehe sie entscheiden; gehe also weiter mit den Soldaten, gib auf die Fragen, die man an Dich thut, ruhig Antwort, dann wird sich Alles hoffentlich aufklären, und ich treffe Dich heute Abend gemüthlich zu Hause. Sollte es aber auch nicht so sein, alter Freund, und Du weiter zurückgehalten werden, so werde ich schon Mittel und Wege finden, um Dir beizuspringen, weil Du ja nichts begangen hast. Also nur Kops hoch und kaltes Blut >" Mit diesen Worten entfernte sich der Freund. Der Regen hatte etwas aufgehört, man ging weiter und kam nun ohne Zögern nahe dem Bahnhof an ein großes militärisches Gebäude, an dessen Thor zwei Posten standen. Moise wurde hier von einem anderen Sergeanten übernommen und zur ebenen Erde in ein Zimmer geführt, wo er sich auf einer Bank niederließ. IV. Um 2 Uhr ungefähr wurde sein Name aufgerufen, er folgte mechanisch einem ^Sergeanten, welcher ihn eine breite Treppe hinauf bis zu einer Thür brachte; diese wurde geöffnet und Moise befand sich in einem großen Saal. Der vordere Raum war ziemlich frei, der hindere Theil von französischen Officieren aller Waffengattungen erfüllt. Vorne befand sich ein breiter, mit einer grünen Decke belegter Tisch, an welchem fünf Officiere in Sesseln zurückgelehnt saßen. Vor diese wurde nun unser neugieriger und unruhiger Freund geführt. „Sie sind C. Moise aus St. Arold?" „Ja, mein Hauptmann."; . „Alter?" „Sechzig Jahre." „Sie sind beschuldigt, Provisionen, die Sie für unsere Truppen gekauft, an die Preußen geliefert zu haben. Was haben Sie darauf zu antworten?"! Mit einem Schlage ward unserem Freunde seine ganze Situation klar; ihm war bewusst, dass in diese» stürniischen Zeiten das Gerichts- > verfahren ^ein ziemlich summarisches war. Obschon ihm die Knie vor I Schreck zitterten, nahm er sich doch zusammen und gab zur Antwort, es möge ihm vor Allem erlaubt sein, sich einen Vertheidiger oder wenigstens einen Dolmetscher zu beschaffen, denn er sei nur unvollkommen der französischen Sprache mächtig und deshalb vielleicht nicht in der Lage, alle Fragen des Gerichtshofes zu verstehen und daraus zu antworten. (Fortsetzung folgt.) KALLIGRAF MAYER BRUNNER naiD WIEN, XX. Othmargasse 14 übernimmt |4fcJ>Reparaturen und Jabrzeittabellen werden schönstens ausgeführt.