Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 44 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 44 lustig zu machen. Nicht wird die ihnen gebührende Vergeltung | (wie bei den Frommen) für die Ewigkeit hinausgeschoben, sie j werden vielmehr schon in diesem Leben mit ihrem Lohne ab-! gefunden. j Nach dieser Auffassung bewegt sich der Text in einer i wohlberechneten Steigerung, in der ke n Wort überflüssig ist. | Allgemein gefasst, soll hier der Gedanke zum Ausdruck kdmmen, j dass Gottes Feinde selbst auf Grund ihrer etwaigen Tugenden. i keinen Anspruch auf ein ewiges Leben erwerben. Haben sie doch dieselben niemals im Hinblick auf ein solches und von den diesfälligen Ueberzeugung getragen, bethätigk. Ebenso wie ihre etwaigen Tugenden aus irdischen Erwägungen ausschließlich erflossen sind, ebenso werden sie auch gerechter Weise durch irdischen Lohn dafür abgefunden. Kein erhabeneres und kräftigeres Zeugnis für den Glauben au Unsterblichkeit gibt es, als dasjenige, welches Moses durch sein eigenes Sterben gegeben hat. Trotz seiner 1 120 Jahre ungebrochen in frischer Kraft aufrecht einher^ z schreitend, als hätte der alles zermalmende Zahn der Zeit ihm! nichts anhaben können, besteigt er den Berg Nebo. Der Anj blick der weiten lachenden Fluren des gelobten Landes erfüllt! seine Seele mit einer Wonne, wie er sie zuvor noch nie ge-! kostet hatte. Das Hochziel seines Lebens, wenn zwar von ihm j nicht erreicht, konnte doch mit eigenen Augen noch erschaut werden. — In demselben Augenblicke aber bereitet er sich an eben diesem Orte sein Grab und bette sich selbst hinein, um in den Tod einzugehen. — Wer in diesen Hergang sich ganz versenkt, muß vor der Erhabenheit der hier bekundeten i Charaktergrößc in tiefster Seele erschauern. Auf dem Höhepunkt des Lebens angelangt, in dem feierlichen Augenblicke,! da sein Herz in verzückten Wonnen geschwelgt — wie ein Feld- Herr etwa, der soeben seinen Trinmpf begangen — sich mit! eigenen Händen das Grab bereiten, um von allen Menschen J abgeschieden, sich selbst hineinznbetten! An die Hoheit solcher § Gesinnung reicht die Skala menschlicher Empfindungen über! Haupt nicht hinan! Die Menschen sollten seine Grabstätte! nicht kennen. War ihm doch ihre. Art nur zu gut bekannt, i Wusste er doch nur zu genau, dass sie dem gebrechlichen, schon! vermoderten tönernen Scherben au ihm die überschwenglichsten! Huldigungen bereiten, würden, um nur dafür desto besser der! lästigen Pflicht sich enthoben zu fühlen. Erben und Träger! seines Geistes zu werden. Er aber, voll Verachtung auf alle! menschliche Kleinlichkeit herabblickend, stirbt einen Tod, so! erhaben, wie vor und nach ihm noch kein Mensch. Wie groß! Moses auch in seinem Leben dastand, wie sehr es von gej wattigen Thaten auch erfüllt war, vor der Hoheit, die er! in seiner Sterbestunde bekundet hatte — verschwindet alles wie! ein wesenloser Schatten. Wer so sterben kann, der hat nicht! blos den Glauben an die Unsterblichkeit, nein, für den ist die I Unsterblichkeit eine Ueberzeugung von viel größerer Wucht j als diejenige von unserer glatten gemeinen Wirklichkeit! j Unsere Stelle bietet wiederum einen hochinteressanten Beleg dafür, wie die sogenannte modernde „wissenschaftliche' I Bibelexegese, ihren Beruf nur darin findet, unseren heiligen! Text auf eine schale und öde Verflachung hcrabzuschranben. Wie bedaucrnswerth erscheinen doch unsere jungen jüdischen Theologen, dass sie aus solch morastigen Quellen ihre „Wissenschaft des Judenthums" schöpfen! Steuernagel übersetzt a. a. O. unsere Stelle wie folgt: „Und mau begrub ihn im Thale im Lande Moab gegenüber dem Beth-Peor, aber niemand kennt sein Grab bis auf den heutigen Tag." — Diese Uebersetzung wäre selbst dann, wenn die erste Satzhälfte von jedem Zusammenhänge losgelöst da stünde, kaum möglich. Vergl. Ewalb's Hebr. Grammatik §272 b. Die dritte Pers.oiuK. inrpk. wird nirgends zur Bezeichnung des unbestimmten Subjectes schlechthin verwendet. Daneben ist außerdem der hebr. Sprachgebrauch vollständig außer Betracht gelassen, der in unserem Falle das unbestimmte Subjcct durchgehends durch I3jr ausdrückt, so IV M. XX, 1 und V M. X, 6, Nicht. XII, 7 10. 12. 15. — Davon abgesehen, hat unser Text selbst sich gegen eine derartige Unterstellung im vorhinein verwahrt, indem er unmittelbar darauf hinzufügt, dass kein Mansch bis auf den heutigen Tag Moses.Grabstätte kennt. Nach der Uebersetzung Steuernagel's hätten doch zumindest diejenigen, welche Muse ins Grab gebettet hatten, dieselbe kennen müssen! Cs wäre dann aber gar nicht abzusehen wie denn diese Kunde je vollständig hätte in Vergessenheit gerathen am allerwenigsten, wie jemand Härte behaupten können, die Grabstätte sei überhaupt niemals einem Menschen bekannt geworden?! Unsere Auffassung dagegen steht mit der Grammatik im vollsten Einklänge, weil der reflexive Gebrauch des Partikel N8 — namentlich wo es auf die scharfe Betonung; des Objectes ankommt, — durch Stellen wie Ex. V, 19, Lev. XX, 16, Num. VI, 13, 2. Sam. XV, 25, Jer. VII, 19, Iechesk. XXXIV, 2. 8. 10, sich belegen lässt. Die weitere Schilderung, die unser Text gibt, fordert dieselbe nothwendig. Denn V. 8 heißt es: *?3K '23 lön'l was besagen will: die Tage des Beweinens (d. h. öffentlicher Trauerkundgebungen) in der Trauerzeit um Mose waren damit zu Ende gegangen, diese selbst jedoch dauerte fort, weil eben das Volk noch keine Gewissheit darüber hatte, dass der Tod Mose wirklich bereits entrissen habe. Endlich ist auch der Eingang zum Buche Josua von derselben Auffassung getragen. Es heißt dort: „Es geschah nach dem Tode Mose's, da redete Gott zu Josua rc.: „Mein Knecht Mose ist gestorben." — Das wäre denn doch eine gar zu sonderbare Ankündigung, wenn Mose, wie Steuernagel will, in der Mitte des Volkes gestorben und von demselben zu Grabe bestattet worden wäre?! Nach unserer Auffassung dagegen, wird die Situation dadurch nur noch Heller beleuchtet. Das Volk betrauerte Moses zwar, weil er aus dessen Mitte nach einem so ergreifenden Abschied geschieden war, mochte aber an den eingetretenen Tod noch immer nicht glauben, bis schließlich eine diesfällige Offenbarung an Josua erfolgte. (Schluß folgt.) Organisation und Fachblatt. Von M. T i n t n e r—Bunzlau. m. Welche Forderungen idealer Natur müssen wir nun stellen? Vor allem braucht der Cantor und Religionslehrer der heutigen Zeit eine bessere, unter staatlicher Aufsicht stehende Vorbildung. Sobald die Bildung des Cantors und Religionslehrers sich über das allgemeine Niveau erhebt, wird auch die sociale Stellung derselben eine bessere werden. Die Vorbildung des Cantors muß sowohl in wissenschaftlicher als auch in musikalischer Beziehung eine größere und tiefere werden. In wissenschaftlicher Beziehung erwartet man von ihm, dass er ein Lehrerexamen ablegt; ferner muß er im Stande sein das yin mit den Commentatoren zu lesen, auch leichtere Abschnitte aus D"tp; er muss die Religiouslehre iu wissenschastlicherMd methodischer Beziehung gründlich beherrschen; dann wird er zunächst ein tüchtiger Religionslehrer sein können. Um ein guter Cantor zu werden, d. h. ein Cantor, der nicht blos mechanisch und handwerksmäßig arbeitet, muß er nicht allein die alten und neueren Sangesweisen.gründlich kennen und im Stande sein, die Recitative der Wochentags-, Sabbath¬ und Festtagsgebete auszuführen. Ferner ist es wichtig ,was leider sehr selten bei den jungen Cantoren der Fall ist, dass er die rrjrtfw, rmp mbte, |ap "iidd dt u. s. w. sicher und selbstständig ausführen kann. Dazu genügt aber keineswegs ein mehrmonatlicher Besuch einer Cantorenschule, wie es heute so oft der Fall ist, dazu gehören mindestens drei Jahre emsiges Studium und tüchtige, praktische Uebung. Deshalb sollte der junge Cantor znuächst einige Jahre iu einer kleineren Gemeinde wirken, um