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Die Wahrheit · 1902-11-21 · Heft 44 (21.11.1902) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 44 (21.11.1902)
Date
1902-11-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Rr. 44. Die Mahrheit Seite 9 sich die nöthige praklische Uebung arrztteignett, sowohl als Eantor, wie auch als Religionslehrer. Es ist geradezu frevelhafter Uehermulh, wenn solch junge Leute, die kaum ins Amt hitleingeseheu haben, sich schon um große Stellen bewerben. Aus die Stimme allein kommt es nicht an. Wir brauchen für unsere Gemeinden würdige, religiöse, geschulte, kenntnisreiche Vorbeter, aber nicht himmelstürmeude Sänger. Wer dieser Ansicht nicht huldigen kann, der versuche sein Glück in den Coucertsylen oder sonst wo — „Ki besai bes teßllob.“ Der Gottesdienst soll einfach, feierlich und würdig sein. Einen solchen Gottesdienst zu leiten, dazu gehört viel, nämlich tiefe Bildung, re'igiöser Sinn, reiche Kenntnis und viel praktische Erfahrung. Der Cantor soll außerdem die Geschichte der Synagogal- Melodien studiren. Anleitung hierzu gibt der hochgeehrte College Obercantor Singer in Wien, in seiner gewiss viel zu wenig gewürdigten Broschüre „Ueber die traditionellen Melodien." Auch die Liturgik, die Geschichte derselben, die Minhagim u. s. w. müssen einen wesentlich Bestandtheil seiner abgerundeten Bildung ausmachen. Selstverständlich ist es, dass er auch die Geschichte des Judenthums, wenigstens in allgemeinen Umrissen kennt. Der Canlor soll ja in den meisten Gemeinden «Religionslehrer sein. Ich habe im vorstehenden so einige der Hauptforderungen, welche wir in idealer Hinsicht an den Cantor zu stellen haben, angeführt. Doch wer wird diese Forderungen beachten? Finden sich Leiter von Cantoreuschuleu, die sich dieselben Ideale zu eigen machen? Ja, und wenn ich mit Engelszungen redete, wer will cs hören? Cs wird doch den Bestrebungen aus der Cantorenwelt so wenig Interesse enlgegengebracht. Es gibt so viele strebsame, gebildete Cantoren, welche, um dem Cantorat einen Dienst zu erweisen, welche, um zum Fortschritt der Cantoren beizutrageu, Aussätze veröffentlichen. Wer li e st Sie? Sie geben Werke heraus, an denen sie jahrelang Zeit und Mühe verwendeten, stürzen sich in Unkosten, die oft mehrere Tausend Mark betragen. Wer kauft die Werke? Nicht einmal die Cautoren. ans die der Herausgeber doch zunächst rechnen muß. Nichts von alledem! Das Werk bleibt unverkauft, und der Autor hat den Schaden. Wann wird hier eine Wandlung eintreten? Wann werden die Cantoren sich ans sich selb st besinnen? Ja wer möchte nicht diese Zeit erleben wollen? — Doch gehen wir weiter, und wir werden nun zu den materiellen Forderungen kommen. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wie«. Das Grburtssest des Sultans wurde Sontag, den 16. d. im Tempel der türk.-isr.,Gemeinde mit besonderer Festlichkeit begangen, da es diesmal der 60. Geburtstag war. Dem Festgottesdienste wohnten der türk. Botschafter Mahmud Nedim Bey, mit den Herren der Botschaft, derbulgarische diplomatische Vertreter Dr. Pomjanoff, mit dem Secretär der Mission Dr. Schischnianoff, Polizeirath Kende, Bezirksvorsteher Niebauer, der Präsident der Wiener Cultusgemeinde, kais Rath Heinrich Klinger, mit dem Cultusvorstehcr Dr. Spitzer und dem I. Secretär Dr. Lieben, Bezirksrath Mensch u. v. A. bei. Die Festgäste wurden von den Präsidenten, Marcus M. Russo und Licco Adutt, empfangen und unter Orgelklang in die festlich beleuchtete Synagoge geleitet. Die gesanglichen Vorträge des Obercantor Bauer und des vom Chordirigenten Löwit geleiteten Chores standen auf künstlerischer Höhe und fanden allgemeine Bewunderung. Die Festrede hielt Rabbiner Papo. Beim Verlaffen des Tempels sprach der Botschafter dem Rabbiner und Obercantor in schmeichelhaften Worten seine Anerkennung über den schönenen Gottesdienst aus. Wie«. In der Nacht vom 13. aus den 14. November ist nach längerem Leiden der Börserath und Vicepräsident des Wiener Giro- und Eassenvereines, Herr Siegmund Ritter von Bauer, eines der hervorragend sten Mitglieder der Wiener Cultusgemeinde gestorben. Der Verblichene, welcher kaum sechzig Jahre alt war, gehörte zu den bekanntesten und beliebtesten Persönlichkeiten der Wiener Finanzwelt, in der er auch gesellschaftlich eine Rolle spielte. Schon in jungen Jahren gelang es ihm, durch seine nicht alltägliche geschäftliche Begabung zur Geltung zu gelangen. Nachdem er seine Lehrjahre im Bankhause Wiener hinter sich hatte, kam «r -mit 25 Jahren bereits als Procurist zur Firma L. Epstein, damals einer der ersten des Wiener Platzes, um bei Gründung der Francoösterreichischen Bank in die Direction derselben zu treten. In dieser Stellung wurde er seinerzeit mit dem Orden der eisernen Krone aus-. gezeichnet und in Folge dessen geadelt. Als die Franeobank in Liqui- - dation trat, «tablirte sich Signmnd v. Bauer unter eigener Firma. Durch das Vertrauen seiner Collegen wurde er in die Börsekammer und dm Verwaltungsrath des Giro- und Eassenvereines berufen, dem er seit seiner Gründung, durch volle 30 Jahre, zuletzt als erster Vicepräsident angehörte. . Auch in der Verwaltung der Brünner Maschinenfabrik fungirte er viele i Jahre. In allen Körperschaften, deren Mitglied Bauer war, wurde sein! kluges Wort gerne gehört. Siegmund v. Bauer besaß aber nicht blos; einen klugen Kopf, er hatte auch eiu gutes Herz und eine offene Hand.! Dies bewies er nicht blos als Schatzmeister der Hirsch-Stiftung, sondern auch als Privatmann. Im Vereine mit seiner feinsinnigen Gemaliu übte; er zahlreiche Wohlthaten im Stillen. Sein vorzeitiges Hinscheiden wird I von Bielen betrauert werden. Das Leichenbegängniß fand Sonntag den! 16. d. Vormitags um 10 Uhr vom Trauerhause, Schottenring Nr 25, i unter überaus zahlreicher Theilnahwe statt. Die Wiener Cultusgemeinde; war durch ihr Präsidium und viele Vorsteher, die Bank-und Finanzwelt durch ihre vornehmsten Repräsentanten und auch viele andere Kreise der; Wiener Gesellschaft durch klangvolle Namen vertreten. Die Trauerfunkrionen versahen Oberrabbiner Dr. Güdemann und Obercantor Singer. Wien. Freitag den 14. d., fand unter zahlreicher Betheiligung das Leichenbegängnis des plötzlichen verstorbenen Schriftstellers rnd Redakteurs, Herrn Bernh. Fischer, statt. Der Verblichene, der sich in allen Kreisen außerordentlicher Wertschätzung erfreute, gehörte verschiedenen Humanitären Vereinen an, und war auch Begründer und Obmann des Vereines der Groß-Meseritscher in Wien. Im Trauerhause hielt im i Namen der Concordia Herr Dr. Groß einen warmempfundenen Nachruf.! Am Grabe sprach Herr B. Kanitz und der Vertreter der Groß-Meseritscher Gemeinde, der langjährige Obercantor und Sekretär I. Steiner. Die cantoralen Funktionen versah in erhebender Weise Erster Cantor Schiller. Wien. In der anr 16 d. M. stattgefundenen 29ten ord. Generalversammlung des Israel. Tempel-Vereines für den IV. und Y. Bezirk wurden die Neu- und Ersatzwahlen für die Vereinsleitung vorgenommen und in der darausfolgenden Vorstandsitzung erfolgte die Constituirunz mit Wiederwahl der bisherigen Funktionäre, und zwar wurden Adolf Hofmann als Obmann, Adolf Lichtblau als Obmann - Stellvertreter, i Franz Frankl als Schriftführer, Siegmund Wiesner als Casfier, Max i Spitzer als Controllor, einstimmig wieder gewählt. Neu in den Vorstand gewählt wurden die Herren Israel Braun und Leo Diamant. Der Generalversamnilung wohnte Herr Architekt Max Fleischer als Vertreter der Israel. Cultusgemeinde bei. Wien. Der israelitische Fraueuwohlrhätigkeits Verein des 8. Bezirkes der Stadt Wien, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, alljährlich < über 100 bedürftige Kinder aus allen Bezirken Wiens mit vollständigen warmen Winterkleidern zu betheilen, veranstaltet seine diesjährige Bescherung am Mittwoch den 3. December Nachmitag 4 Uhr in den Sälen der Reichshallen unter den Arcaden. (Ecke der Ebendorferstraffe gegenüber dem Rathhause.) Die gefertigte Vereinsleitung beehrt sich hiemit - an alle Gönner und Kinderfreunde die Höst. Einladung zu richten, sich j von der ersprießlichen Thätigkeit des Vereines zu überzeugen und den- > selben an diesem Feste mit dem werthen Besuche zu erfreuen. Der israel. Frauen- Wolthätigkeits-Verein für den 8. Bezirk. Wien. Im litterar. Geselligkeitsverein jüd. Mädchen „M o r i a"; sinder Sonntag, den 23. d. M. ein Vortrag des Herrn ..Dr. Hugo; Präge r" über „die Geschichte der Maria in n e" statt. Beginn j 3 Uhr im Religionssaale der israel. Cultusgemeinde, I-, Seitenstetten- | gaffe 2, II. Stock. Gäste, Damen, herzlichst willkommen. ' Men. (Neuer Siugverei n.) Unter dieser Bezeichnung ha! sich vor Kurzem über thatkräftize Initiative des Gejangsprosessors Franzi Josef Loewenstamm eine Vereinigung zur Pflege des gemischten Chorgesanges constituirt. Dieser Verein, an dessen artistischer Spitze der genannte Gesangsprofessor steht, und welcher zu seinem Präsidenten den allbekannten Hof - und Gerichtsadvokaten Dr. Geza Winter mit Akklamation wählt«, hat alsbald unter der trefflichen Aegede Beide die Schwierigkeiten der Anfänge besiegt und ist in der erfreulichen Lage, zu Beginn feiner Wirksamkeit, welche dieser Singverein füroer in den Dienst ausschließlich jüdischhumanitärer Bestrebungen zu stellen beabsichtigt, auf

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