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Die Wahrheit · 1902-11-21 · Heft 44 (21.11.1902) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 44 (21.11.1902)
Date
1902-11-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seite 7. Die Wahrheit. Nr. 44. auch von mittelmäßigen Köpfen erworben werden, ein guter Stil dagegen ist eine besondere Gottesgabe, die nicht erlernt werden kann. Was thut aber ein Mensch, den seine Neigung, seine Verhältniße, dem Rabbinerberufe züführen, ohne dass er sich der Gabe eines leichten, schönen Stils erfreuen kann? Gepredigt muß halt werden, und oft gar über dasselbe Thema unzählige Male — wer hilft da aus der schrecklichen Noth? Die Phrase, ja oft die hohlste, elendeste, geradezu eckelbafte Phrase! Nun wäre ein solcher Uebelstand durch die Noth zu erklären und wohl auch zu entschuldigen. Aber wissen müssten es die betreffenden Prediger, dass sie eben nur hohle Phrasen zu Tage gefördert haben, und müssten froh sein, dass sie in der Luft verflogen, ohne eine Spur zn hinterlassen. Leider aber besitzen manche die Geschmacklosigkeit, ihr elendes Phrasengeklingel als rhetorische Leistung auszugeben und durch den Druck zu verewigen. Mit Schaudern nehmen wir oft wahr, welches Zeug einer jüdischen Gemeinde als geistige Nahrung vorgesetzt werden darf! Noch entsetzlicher ist aber die Vermulhung, dass solch sinnloses Geschwätz gar Gefallen und Beifall gefunden, wodurch der Autor, der gottbegnadete, gelehrte Rabbi, zur Drucklegung uno Festnagelung des Unsinns aufgemuntert wurde! Der Geschmack einer ganzen Generation kann durch eine schlechte Litteratur verdorben werden, und eine Besserung könnte erst dann erwartet werden, wenn immer die schlechten Leistungen nach ihrem wahren Werthe gekennzeichnet und gebrandmarkl würden. Und das wollen wir jetzt an den „S a b b a t hu n d F e st p r e d i g t e n" von I s r a e l Nobel, Prediger und Schuldirigent in Berlin, versuchen. Es ist ein schmächtiges Heftchen von kaum 43 Seiten, und doch glaubt der taktvolle „Prediger", damit seinen Lehrern des Dankes ewige Schuld nsrs xerennius (sie!) bekannt zu haben! Diese Worte erweckten in mir große Hoffnung. Aber beim Lesen seiner „Predigten" musste ich abwechselnd an den seligen Wippchen denken, oder gar an das tiefsinnige „Gedicht": Finster war es, der Mond schien helle — und so weiter mit Wonne! Falsche Bilder, hohle Phrasen, überladene, pomphaft widerliche Declamation — aber kein vernünftiger Gedanke! Hier eine kleine Probe davon: „Sein (Abrahams) ganzes Sein ist ein Ringen mit dem kommenden Augenblick, er zwingt kraft göttlicher Eingebung der Zukunft seinen Willen ans und gründet sicher in ihre flüchtigen W e l l e n p f a d e den festen Anker seiner gr eifba ren Ide a le, er zügelt d en flüchtig e n L a u f d e r Z e i t mit der lenkenden Kraft der Idee. — Bei unserem Prediger wird mit Blumengriffeln geschrieben; werden sprossende Keime geschöpft; da gibt es f n n k e n f p r ü h e n d e Wolken; da verflüchtigen sich die Tugenden zn dunklen D ä m m e r n einer Sage, statt das Leben — wurzelhaft und f e l s s p r e n g e n d zn n m k l a m m e r n. Eine gewaltige Siegeshymne beginnt leise zu tönen. Der Donnerruf tönt herauf bis zu den Gipfeln, der jüngsten Tag e." — Und das macht noch nicht die ganze Stilblüthe einer Predigt aus! — Unser armes Volk ringt nach Existenz und Freiheit. Wann wird es die Kraft anfbringen, sich von solchen Geistesproductcn zu befreien? D r. K a h a n, Z n a i m. Wissenschaft oder — Gelehrsamkeit. Bon Rabbiner Dr. Daniel Fink—Wien. XIX. Im V. B. M., 7, 10 heißt es: wq Sy Vs:tt>S vSL'Li oSrr". vaa Vs uüpS -nn» sS yrasnS „Er zahlt seinen Hassern unmittelbar heim, um sie auszuülgen, nicht schiebt Er eS für seine Hasser hinaus — unmittelbar zahlt Er es ihnen heim." — Dieser Vers bereitet den christlichen Auslegern keine geringen Verlegenheiten. Was sie so gerne vermissen möchten — die Lehre von einer ewigen Vergeltung — hier ist sie klar und deutlich ausgesprochen. Um dem zu entgehen, wird der Sinn dahin vergewaltigt, als ob nnr von einer! irdischen Vergeltung hier die Rede sei.*) Begeben wir uns! einmal versuchsweise auf diesen Standpunkt — es wird sich! sofort die Unmöglichkeit dieser Unterstellung zeigen. Der Sinn j der ersten Vershälfte rrasnS raa Sy i'sat^S dSbhdi müsste dem - > nach besagen, Gott zahle seinen Hassern schon in diesem irdischen j Leben heim, indem Er sie aus demselben sofort anstilgt. So! etwas könnte nur Jemand behaupte!;, der ei» Volt von ans-! gesprochenen Narren vor sich hätte. Zeigt es denn nicht der j tägliche Augenschein, dass dem nicht so ist? Die zweite Vers--! hälfte iS aSv vaa Sn i’satpS -ns' sS würde alsdann n chrs ' Neues bieten und nur den Gedanken der ersten noch einmal; dreitichlagen. Davon abgesehen, wäre selbst nach dieser Auf-! fassung in dem Allsdrucke VitttpS ins' sS der Gedanke an eine! ewige Vergeltung nur für den hier in Betracht kommenden bei sonderen Fall abgewiesen. Nach christlicher Bibelausleguug I darf der jedoch Jude nicht einmal an die Möglichkeit einer solchen : oenken! Da man einem jedoch billiger Weise nicht zumuthen! kann, in einem einzigen Verse so viele der Ungereimtheiten nur zu dein Zweck mit in den Kauf zu nehmen, um der sogenannten wissenschaftlichen Bibelauslegung die Kreise nicht zn stören, so wird man es uns wohl von keiner Seite verargen, wenn wir zur altjüdischen Auslegung zurückkehren, selbst ans . die Gefahr hin, dass sie die wissenschaftliche Eichung nicht erhalte. Mit diesem Titel wäre uns viel weniger gedient, als durch die Erkenntnis, dass nach unserer Auslegung bei > strenger Wahrung des grammatischen Versiändnißes sich ein ebenso richtiger, als schöner Sinn an unserer Stelle auf eine höchst ungezwungene Weise ergibt. Dieselbe findet sich bereits in unserem Targum Onkelos und wird dort folgendermaßen wiedergegeben: svS>' *»na vneTp» pay p*«n pao ,\mstatpS oStFa , pay prsi paa vrourS ap "raiy -rrne sS vivr söSya piaisS pnS cSira pvna vranp Der Sinn des Verses besagt demnach: Gott vergilt seinen Hassern den Lohn für ihre etwaigen Tugenden schon in diesem! Leben, um sie jeglichen Anspruches auf ein ewiges Leben ver- *) Der neueste „wissenschaftliche" Commentar zum V. B. Moses von Steuernagel gibt unsere Stelle durch folgen;e Uebersetzung wieder: „Aber seinem Hasser an der eigenen Person durch Vernichtung vergilt, ohne seinem Hasser Aufschub der Strafe zu gewähren; an seiner eigenen Person vergilt er ihm." Durch den Hinweis auf IV., 87 wird die Uebersetzung von vss?» mit „eigener Person" zu rechtfertigen gesucht. Fast gegen seinen Willen hat der Ausleger uns hierbei v.rrathen, dass > seine Kenntnis des Hebräischen ausschließlich ans dem Gebrauch von Wörterbuch und Concördanz gewonnen worden ist, und daher die Sprödigkeit einer mechanistischen, oberflächlichen Auffassung noch nicht zu überwinden vermag. — -'28 bedeutet allerdings »persönliche Erscheinung* im Sinne des Hoheitsvollen und Erhabenen und wird unter Bezugnahme , auf II. B. M. XIII, 21. das. XXXIII., 14 und V. B. M. IV, 37 von ‘ der Gottheit — und II. Sam. XVII, 11 in einer sehr durchsichtigen! ironischen Anwandlung von Absalon gebraucht. — Wer jedoch an unserer i Stelle — ganz abgesehen von dem hier ganz unmöglichen Gebrauch der > Präpos. — den Ausdruck in diesem Sinne fassen will, beweist damit I nur, dass er vom Geiste der hebräischen Sprache noch keinen Hauch ver- 1 spürt hat. — Das ist im Hebräischen ebensowenig angängig, wie wenn ' einer im Deutschen etwa sagen woll.e: An der Hoheit ihrer persönlichen Erscheinung zahlt er es seinen Hassern heim! Das wäre denn doch etwas zu viel des Respect! vor den Hassern Gottes und an dieser Stelle besonders übel angebracht. Wenn nun nach Herrn Steuernagel die Feinde i Gottes durch die Aussage der ersten Vershälfte bereiis bis zur Ber-; nichtung getroffen erscheinen, so ist doch wohl alles weitere überflüssig!! Wer in aller Welt hätte da noch an Aufschub der Strase denken sollen?! Was endlich gar mit der nochmaligen Betheurung anfangen, dass die Ber- ' geltung sie an der eigenen Person treffe?! Endlich bildet injr nicht! einen Gegensatz zu „persönlich" sondern einen solchen zu inw. Was aber f die Hauptsache — hat Steuernagel vergessen, dass abv nicht „Vergelten"! im Sinne von gerechter Strafe zuführen — was im Hebr. mit cp be» : zeichnet wird — sondern soviel als „gebührendenLohn ertheilen", bedeutet.; Es ist endlich zu beachten, dass der Ausdruck in des vorhergehen» j den VerseS soviel als „auf ewige Zeiten" besagt. Wenn also den > Frommen die ewige Gnade verheißen wird, so erfordert eS schon der I Gegensatz, daß vob hn im zeitlichen Sinne gedeutet werde, was durch! iNM über allen Zweifel erhärtet wird. Fünf Sünden gegen de» Geist unserer heiligen Sprache mussten sich vereinigen, um dies« heil» ‘ lose Entstellung der erhabenen Lehre unseres Verses zu Wege zu bringen.

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