Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 44 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Die Wahrheit. Nr. 44. sträng zu schaffen. Es müsse auch für eine erhöhte Bereinsihatigkeit gesorgt werden, selbst die Frauen müssten mobilisirt werden, um Interesse und Theilnahme für jüdische Interessen auch außerhalb der Wahlzeit zu erregen. Auf die in Aussicht sichende Wahl von. zwei Hilsspredigern übergehend, glaube er die Ansicht vertreten zu können, dass es zweckmäßiger wäre, selbst eine vermehrte Anzahl von Hilfsrabbinen zu accepkiren, als Funktionäre mit übermäßigen Gehältern. Um deren Einkommen zu erhöhen, müsste ein Amtsturnus eingeführt werden, um eine gleichmäßigere Auftheilung der Bezüge herbeizuführen. Sigmund K a u d e r s stellt sich gleichfalls als Candidaten vor, der bestrebt sein werde, für das Wohl der Gemeinde und die Interessen seines Bezirkes einzutreten. Dr. Zins bringt die heftigen, unqualifizirbaren Angriffe zur Sprache, die gegen Oberrabbiner Dr. Güdemann im „Jüdischen Volksblatt" veröffentlicht wurden. Wenn Dr. Kahn derlei Kampfesweise bedauert hat, so verweise er auf ein ihm zugekommenes Agitationsplacat der Opposition, in welchem dem Vorstände neuerdings Corrupticir vorgeworfen wird. Warum hat Dr. Kahn, wenn seine Versicherungen aufrichtig sind, die Aussendung dieses Circulars nicht v h'.ndert? Wähler So n n e n s ch e i n kann in der großen Erregung,! den diese Episode verursacht, nicht zu Wort gelangen, und da! rrotz wiederholter Mahnungen des Präsidenten keine Ruhe einiritt, enuncirt Dr. Stern den Schluss der Versammlung. Hierüber entsteht ein großer Tumult, es kommt zu leidenschaftlichen Auseinandersetzungen zwischen Majorität und Minorität, die erst dann ein Ende finden, als kais. Rath Klinger wieder den Vorsitz übernimmt und die Versammlung wieder eröffnet. > Dr. Schreiber, der sich als durchgesallenen Candidaten der letzten Wahlcan.pagne vor zwei Zähren vorstellt, aber heute nicht candidirt, erntet durch seine von glühender Begeisterung für das Zudenthum getragenen und mit großer Eleganz vorgetragenen Ausführungen allgemeinen Beifall in der Versammlung. Seine Rede klingt in einer Aufforderung an den Cultusvorsiand aus, in diesen schweren Zeiten ein! wahrer Führer des allseits bedrängten Judenthums zu sein. Dr. Lifscis (jüd. Volkspartei): Die Aufregung über scharfe Worte unserer Presse ist eine müßige. Auch von Ihrer Seite ist in dieser Beziehung sehr viel gesündigt worden. Ich! erinnere an Ihren Wahlaufruf zu den vorigen Wahlen, in dem j Sie die oppositionellen Parteien der Verwendung von Gemeinde- ' geldein zu Parteizwecken beschuldigten. Ferner an die Publi- J kotion der Wahlaufrufe durch die „Rene freie Presse". Auch j der Appell zur Einigkeit muß aufrichtig von Ihnen gemeint sein. Es gab eine Zeit, in der Sie die Einigkeit zerstört hatten.; Als nämlich der Bezirksschulrath den beschimpfenden Erlass emanirte, wonach in den Schulen Judenkinder getrennt von j Christenkindern, in sogenannsen Ghettoklaffen, unterrichtet werden? sollten, hat der Präsident, kaiserlicher Rath Klinger, an den Minister goldene Worte gerichtet, welche die Zustimmung Aller fanden. Er sagte, bevor wir unserer Jugend in einer allgegemeinen Schule den gelben Fleck anhaften laffen, werden wir; unsere eigene Schule errichten und unsere jüdischen Kinder viel! sittlicher erziehen. Damals wäre es gegenüber dem sogenannten äußern Feind am Platz gewesen, zu demonstriren, dass hinter dem Präsidenten die ganze Gemeinde geschloffen wie ein Mann j steht. Die österr. israelit. Union hat jedoch eine Versammlung! einberufen, in der der R.serent dem Präsidenten lebhafte Vorj würfe wegen dieser Worte machte. Er sagte, man darf nicht das Reichs-Volksschulgesetz verklerikalistren lassen. Auch der; vielbesprochene Artikel, „Lueger in der Seitenftettengaffe", sollte > der Zntregrität der Persönlichkeit der Herren Vorstände nicht nahetreten. Nur das System der Wahlordnung wurde gegeißelt. Das Statut enthält eine der rückständigen Bestimmungen, welche alle Wahlordnungen über Bord geworfen haben. Wer mit der Cultussteuer rückständig ist, kann nicht wählen. Und so geschieht es, dass eine ganze Reihe bewährter jüdischer Mitbürger, welche, durch Jahrzehnte Cultussteuer entrichtet haben, aus dein Grunde zur Wahl nicht gelangen, weil, wie in einer großen Stadt leicht begreiflich, das Inkasso infolge Uebersiedlungen n. s. w. nicht besorgt werden konnte. Unsere Bitte, wegen einer amtlichen Berichtigung die Person in die Wählerliste aufzunehmen, konnte nach diesem Statut nicht be? rücksichtigt werden. Dieser unhaltbare Zustand sollte gegeißelt werden. Redner kritisirt hierauf die im Berichte angekündigte Reform der Verwaltung, welche noch viel Mängel aufweist. Unter anderem die prekäre Lage und das langsame Avancement gerade jener Beamten, die eine höhere Vorbildung haben müssen, während untergeordnete Diener oft reichliche Einkünfte haben. Er tadelt auch, dass in der Leopoldstadt die Matrike von einem Manne geführt wird, der gar nicht dem Beamtenkörper der Cultusgemeinde angehört. Die Armenpflege Hai die Cultnsgemeinde an einen Verein, die „Armen-Anftalt" übertragen, wiewohl gerade der Pauperismus, der ans den statistischen Ziffern des Berichtes sich ergibt, eine energische Reform der ganzen Armenverwaltung gebietend erheischt. Es ist bedauerlich, dass ein Kampf nothwendig ist, um Strömungen, welchen die Wählerschaft bei den letzten Wahlen ihre Zustimmung verliehen, in der Cultusgemeinde eine Vertretung zu sichern. Unter den folgenden thatsächlichen Berichtigungen fei die Richtigstellung des Secretärs der „Israelit. Union", Herrn Siegfried Fleischer erwähnt, der gegenüber verschiedenen in der Versammlung lautgeworden Aeußernngen constatirt, dass die „Israel. Union" als solche über ausdrücklichen Beschluss des Vorstandes an dem gegenwärtigen Wahlkampfe nicht theilgenommen habe. . Herr P l a s ch k e s, Vorstandsmitglied des „Jüd. Volks» verein", bringt unter Zustimmung der Versammlung diverse bei Trauungen und Leichenbegängnißen zu Tage^etretene.Uebelstände und Unzukömmlichkeiten zur- Sprache und betont, .dass das Streben des genannten Vereines dahin gerichtet fei, die Interessen der unteren Schichten der jüdischen Bevölkerung wirksam zu vertreten. Nach weiteren Ausführungen der Herren Schick und Fuchs, die die Candidaten des Central Wahlcomit« zur Wahl empfehlen, wird die Versammlung um 11 Uhr Nachts vom Vorsitzenden geschlossen. . , * * * Candidaten der Opposition. Das vereinigte Wahlcomite der Zionisten und der Jüdischen Volkspartei hat für die Wahlen in den Cultnsvorstand nachfolgende Candidaten ausgestellt: Für 6jährige M a n d a t s d a u e r : Kalo ßohn, I., Schottenring 32. War Kleischer, Architekt, VII., Neustiftgasse 64. Salornorr Wosner- Fruchthändler, XVII., Veronikagasse 38. HUchard Uappaport- 1., Operngasse 10. Dr. Leopold Kahn- Hof- und Gerichtsadvocat, VII., Lindengaffe 11. Adolf Wrecher- Banquier, XVI11., Pötzleinsdorferstraße 33. Dr. Hrnst Kranz Weist- VII., Mariahilferstraße 48. Hskar Warmoreü. Architekte n., Maxmilianplatz 4—5. Für 2jährige M a n d a t s d a u e r: Sigmnnd Kanders, Wein'Großhändler, XI., Hauptstraße 80. Ein mo-enier Prediger. Nicht jedem Gelehrten, und wenn er sein Fach noch so gut beherrscht, ist es gegeben, ein gutes Feuilleton schreiben zu können. Kein vernünftiger Mensch wird es auch von ihm verlangen. Der Rabbiner aber, der doch vor Allem der Vertreter der jüdischen Wissenschaft sein sollte, muß nicht nur jederzeit ein Feuilleton schreiben, sondern auch mit Pathos vortragen können. So verlangt es das moderne Judenthum, das in dem Rabbiner fast ausschließlich den Prediger sucht. Nun kann aber eine Wissenschaft durch Fleiß und Ausdauer