Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 44 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 44 Die Wahrheit. Seite s. die Absichten der Zionisten Utopien genannt werden, so halte er ebenso die Anschauungen der Assimilauten für utopistisch Das harte Wort „Corrmption", das in einem oppositionellen Blatte gegen den Cnltusvorstnud gebraucht wurde, bedauere er und könne derlei Ausschreitungen des Wahlkampfes nicht bil ligen. Man kann auch in urbaner Form principielle Meinungs Verschiedenheiten vertreten. Es wurde der Opposition zum Bor -würfe gemacht, dass die Artikel ihrer Blatter vom „Deutschen Volksblatt" ubgedruckt und zur Verunglimpfung des gelammten Judenthnms benützt wurden. Aber viel gefährlicher und bedauerlicher als die Auslassungen des antisemitischen Blattes, um das sich die Zionisten nicht scheereu, halte er die Commentare, welche die oppositionellen Zeitungsstimmen in einem der Majorität ungehörigen jüdischen Blatte gefunden haben. Wenn dasselbe bei Behandlung der Rabbinerfrage für einen Gelehrten, den er persönlich hochachte, Stellung genommen hat. so sei es keineswegs im Interesse dieses Mannes und im Interesse des Friedens in der Gemeinde gelegen, dass mit ihm die Zwietracht in der Gemeinde einziehe. Die Vorwürfe, gegen einzelne Persönlichkeiten wegen Abfalles in ihrer Familie halte er nach dem alten jüdischen Grundsätze „Io jumsu owaus ol bonim;‘ nicht am Platze. Zu den eigentlichen Agenden der Culcnsgemeinde übergehend, findet der Redner, der durch seine sachlichen Ausführungen die Aufmerksainkeir der Versammlung fesselt, die Art und Weise, wie der Religionsunterricht ertheilt wird, nicht für geeignet, Liebe zum Judenthnm zu erwecken, weil der hebräische Unterricht, namentlich der Unterricht in der hebräischen Litteratur. die so bedeutende Geistescoryphäen anfweist, ein ungenügender ist. Es werde ihm gewiss der Einwand gemacht werden, dass es unter .de» galizischen und russischen Juden, die zumeist über großes jüdisches Wissen verfügen, so viel Abtrünnige gäbe. Aber darauf müsse er entgegnen, dass diese Kreise ihr Wissen nicht methodisch erwerben und dass bei ihnen nur der Kopf, nicht aber auch das Herz für das Judentbum erwärmt werde. Bezüglich der Bethausfrage halte er die Zahl der jetzt bestehenden Tempel für vollkommen ausreichend, aber für 3 Tage im Jahre, die hohen Festtage, gäbe es nicht genügend Andachlsstätlen, und da müsse auch dafür gesorgt werden, dass der armen Leuten unentgeltlich Gelegenheit gegeben werde, ihre Andacht zu verrichten. Die Autonomie der Bezirkscommissionen müsse ferner erweitert, ihre Agenden vermehrt werden, damit sie nicht zur bloßen Steuermaschine herabsinken. Wie auch die Wahlen ausfallen mögen, bitte' er um ehrliche Entscheidung und reinliche Wahlen. Es wäre ein Unglück für die Juden, wenn sie dem Beispiele der Antisemiten folgten. (Lebhafter Beifall.) Die folgenden Ausführungen des Wählers Weinberger bleiben bei der großen Unruhe, die im Saale herrscht, unverständlich. Richard Rappaport (Candidat der jüd. Volkspartei) : Indem wir in den Wahlkampf eintreten, handelt es sich nicht um das eine oder um das andere Mandat, sondern um die Bethätigung unserer Prinzipien vor der jüdischen Wählerschaft. Aus dem Reichsrathe, Landtag und Gemeinderath, wie gesagt, aus allen Stätten des öffentlichen Lebens verdrängt, bildet die Cultusgemeinde die einzige Körperschaft, die einzige jüdische Vertretung, in der rein jüdisches Interesse behandelt wild. Die Cultusgemeinde hat als solche nicht einen reinen Verwaltuugskörper zu bilden, sie muß die geistige Führerin des strammen und bewussten Judenthums sein. Als geistige Führerin muß sie die Repräsentantin aller Strömungen im jüdischen Volke sein. Eine Körperschaft, in der nicht entgegengesetzte Geistesströmungen zum Ausdruck kommen, ist greisenhaft und dem Verfall nahe und verdient nicht zu existiren Kommen sie mir nicht mit den „Chillul Chaschem". Die klassischen Philosophen sagten, nur im Kampf liegt Entwicklung und Fortschritt. Die größten Männer, die größten Ideen, die große geistige Entwicklung aller Völker, und insbesondere unseres Volkes, entstanden aus dem Kampfe, Ihr Hinweis auf den äußeren . Feind lässt uns kalt. Wir wollen vielmehr den inneren Feind bekämpfen und das ist insbesondere die Indolenz gegen, über jüdischen Angelegenheiten, dieses sich, wenn auch uneigennützig, in den Dienst stellen fremder Ideen. Muth gegen den äußeren Feind, Bekämpfung des inneren Feindes, Vertrauen in sein eigenes Bolksthum verlange ich von der Cultusgemeinde und tu diesem Sinne bin ich Chauvinist. Man preist oie Juden als vernünftig und gescheit, in der Politik geht uns die große Reife ab. In diesem Sinne will ich wirken, jede Frage nur vom jüdischen Interesse und jüdischen Standpunkte i deurtheilen. Die Zeit ist vorgedrängt, infolgedessen kann ich nur diese Frage kurz streifen. Es gebt nicht an, einen so großen Körper, wie die Cultusgemeinde Wien, centralistisch zu organisiren. Es muß, mag man über die Bezirksbergerei denken, mie man will, den Bezirken ihr besonderes Wahlrecht, un eingeschränkt durch die anderen Bezirke, gegeben werden. Man hat stets die Erweiterung des Wahlrechtes verlangt, es ist eine Erweiterung des Wahlrechtes gekommen, aber nur das Wahlrecht der oberen Zehlltausend wurde erweitert, die unteren Schichten erhielten nur die Farce, eine Erweiterung in der Form der fakultativen Steuer. Wir verlangen, dass die Lieferungen nur an Juden gegeben werden, und nicht, wie es leider vorgekommen ist, an enragirte Antisemiten. Die jüdischen Gewerberreibenden, welche einen verzweifelten Kampf um ihre Existenz führen, welche von allen öffentlichen Lieferungen ausgeschlossen sind, welche unter antisemitischem Boykott zu leiden haben, haben mindestens das Recht, zu verlangen, dass in jüdischen Körperschaften nur jüdische Lieferanten berücksichtigt werden. Man! könnte viele Fragen noch berühren, ich schließe jedoch, dass jede i Frage nur vom jüdischen Standpunkte und jüdischem Interesse! beurtheilt werden muß. In diesem Sinne verlangen wir: Die j Cultusgemeinde den Juden.! Vicepräsident Dr. Ster n, der mittlerweile den Vorsitz i übernommen hat, conftatirt gegenüber den Vorwürfen der -! Opposition, der Cultnsvorstand berücksichtige bei Vergebung von l Arbeiten nicht genügend jüdische Gewerbsleute, die Thatsache, I dass die Parteiblätter der Zionisten und der jüdischen Volks- I Partei bei einem Manne gedruckt werden, der aus dem Juden-! lhume ausgetreten ist. (Hierüber herrscht große Bewegung in 7er Versammlung und aus den Kreisen der betroffenen Qppo- > sition werden die Rufe laut, dass hieran der Cultnsvorstand! die Schuld trage, weil er die Austrittsanzeigen nicht veröffentliche.) I Der nächste Redner. Herr M. Ban m, findet es höchst bedauerlich, dass ein Theil der Wählerschaft den Ablauf der Mandatsdauer dazu benützt, um jene Männer, welche mit großem Aufwand an Zeit, Mühe und Geld ihre Pstichr erfüllen, mit Jnvectiven zu belegen. Es scheine ihm, als ob die Juden, mangels der Möglichkeit, in öffentlichen Versammlungen schimpfen zu dürfen, diese einzige ihnen noch zugängliche Corporation für diese Zwecke benützen. Mit Rücksicht darauf, dass verschiedene Berwaltungsgebiete der israel. Cultusgeuleinde bereits in Discussion standen, will Redner ein Thema berühren, das auch im offiziellen Gemeindebericht einen weiten Raum einnimmt, und zrvar das Friedhofs- und Beerdignngslvefen. Bei dem an und für sich hohen Tarif, den die Gemeinde, wohl als! Compensation für die enormen Ausgaben der Grarisbestarlung i festgesetzt hat, findet es Redner als nicht angemessen, dass die! mitwirkenden Funktionäre ans separate Entlohnungen angewiesen sind. Als geradezu mnstergiltig müssen in dieser und in vielen anderen Beziehungen die Einrichtungen der evangelischen Gemeinde bezeichnet werden und will Redner dies arrs dem Grunde hervorheben, weil auch diese Religions-Genossenschafr als Minorität ebenfalls einen defensiven Charakter har. Die nun folgende Anregung, es möge am Centralfriedhofe eine llrnenhalle errichtet werden, und die Frage der Feuerbestattung in ernste Erwägung gezogen werdet», fand so lebhaften Widerspruch in der Versammlung, dass eine kurze Unterbrechung eintreten musste. Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen bemerkt Herr Baum, dass die geringe Anzahl steuerpflichtiger Mitglieder es dem Vorstande nahelegen müsse, auch für die übrige große Masse der jüdischen Bevölkerung eine Central»-