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Die Wahrheit · 1902-11-21 · Heft 44 (21.11.1902) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 44 (21.11.1902)
Date
1902-11-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Orite 4. Die Wahrheit. Gottlieb Taussig versichert im Sinne seiner bisherigen 27jährigen Thätigkeit in der Cultusgemeinde weitet fortwirken zu wollen und wenn die Wähler mit seinem Wirken einverstanden sind, mögen sie ihm die Ehre geben und ihn Wiederwahlen. Professor E h r m a n n (Candidat der Centralwahl- Comitös) führt nach einigen einleitenden Bemerkungen aus, dass die Cultusgemeinde drei große Richtungen zu verfolgen habe. Den Cultus, die sociale Fürsorge und den Religionsunterricht. Was den erstereu betrifft, hat die Cultusgemeinde leider nicht, gleich anderen Confeffionen, zu diesem Behufe große Fände angesammelt und muß für ihre Bedürfniße von Tag zu Tag aufkommen. Wenn auch nicht alle Glaubensgenossen an den Lasten theilnehmen können, so haben dennoch Alle Anspruch ans Be. friedigung ihrer eultuellen) und religiösen Bedürsniße. Dieses Princip wird allgemein anerkannt und wenn das Ideal bisher nicht erreicht wurde, so sind hieran die materiellen Verhältniße! und nicht die Cultusgemeinde schuld. Die sociale Fürsorge ist von ihrer früheren Nebenstellung allmälig zu einer Hauptaus-; gäbe der Cultusgemeinde geworden. Wenn ein hervorragender! Wiener Kliniker in den 70er Jahren den Ausspruch that, dass er es nicht begreiflich finde, wie die Juden in der Humanitätsuud Krankenpflege ihre eigenen Wege gehen, würde selbst diese; Persönlichkeit heute anders denken und gewiss die große Noth-; Wendigkeit eines eigenen jüdischen Spitals einsehen. In demselben werden nicht nur jüdische Kranke, die infolge ihrer Ar- * mulh anderwärts keine Aufnahme flnden, gepflegt und geheilt, ionderu es ist das Spital auch eine unter, den heutigen Ver-; hältnißeu dringend nothwendige Bildungsstätte zur Heranbildung jüdischer Aerzte. Gleich bedeutend wie die Krankenpflege ist die Fürsorge für Alte und Sieche, und es niuß daher nicht nur Aufgabe der Wiener Cultusgemeinde, sondern auch der Gesammtheit! der österreichischen Cultusgemeinde sein, nach dieser Richtung - eine heilbringende Thätigkeit zu entfalten. .Ob die jetzige | Methode des Religionsunterrichtes richtig sei oder nicht, darüber! wolle Redner heute nicht entscheiden; aber eines hat sich unbedingt als überaus nothwendig erwiesen: nämlich die jüdische > Jugend zu eingehenderem Studium der jüdischen Geschichte und! jüdischen Litteratur zu veranlassen und sie dahin zu bringen, dass sie die Früchte ihres Studiums später in lebendige Tha umsetze. Nach diesen Prinzipien werde er handeln, wenn die; Wähler ihn des Vertrauens eines Mandates würdig erachten.! Architekt Oscar Marmor ek (zionistischer Candidat) will im Namen und Aufträge seiner Gesinnungsgenossen den Standpunkt feiner Partei klarstellen und hofft heute bei der Majorität mehr Ohr und Verständnis für denselben zu finden. I (Die letzte Bemerkung wird von einem Theil der Versammlung! als provocirend aufgefasst und Redner wird stürmisch unterbrochen. Erst nach einiger Zeit gelingt es ihm, seine Ausführungen fortzusetzen.) Opposition in der Gemeinde sei unbedingt von Nutzen, und dass die zionistische Opposition auch Positives geschaffen habe, gehe schon daraus hervor, dass vielen ihrer Anregungen Rechnung getragen wurde. Die einzelnen jüdischen Fragen dürfen nicht nur vom einseitigen Standpunkte der Majorität beurtheilt werden, sondern auch die Anschauungen der! Gegner müffen Beachtung finden. Bor einigen Tagen habe ein ' Vorstandsmitglied in einer Wählerversammlung von Gewerbetreibenden die Behauptung gemacht, dass die jüdischen Handwerker nicht aus der Höhe stehen, dem müsse Redner, der in j seiner beruflichen Thätigkeit, wo es nur angeht, nur jüdische: Gewerbetreibende beschäftigt, entschieden widersprechen. Der! jüdische Arbeiter ist in allen Berusszweigen, in denen er sich beschäftigt, dem christlichen bezüglich seiner Leistungsfähigkeit vollkommen ebenbürtig. — Der CuÜusvorstand ist heute unsere ganze Vertretung, und wenn er die Fahne des Judenthums nicht hochhält, wird bald ein Cultusgemeinde-Borstand nicht mehr nochwendig sein Und die traurigen Abfallerscheinungen, die sich in tausenden Austritten documentiren, werden immer mehr werden. Es wurde im Schoße des Centralwahleomitv die Befürchtung ausgesprochen, dass, wenn nian alle zwei Jahr: der Nr. 44- Opposition 2 Mandate üherlgsHf, Hieseche in 24 Jahren den Cultusvorstand erobern würde. Redner hofft, dass dieser Moment schon früher eintreten werde, aher schon jetzt — damit schließt Architekt armorek seine vom Beifall der Parteigenossen und vom Widerspruch der Majorität oft unterbrochenen Ausführungen — hat die Minorität ein Recht auf eine Vertretung im Cultusvorstande, und wenn Sie ihr das verweigern, wird die Zeit kommen, wo wir mit fliegenden Fahnen in die Gemeindestube einziehen werden. Präsident kais. Rath Kling er sieht sich bemüssigt, angesichts der hier ausgestellten Behauptung vom Austritte Tausender aus dem Judenthume die diesbezüglich obwaltenden Jrrthümer richtig zu stellen. Im Jahre 1898 gab es 472 Austritte und 142 Eintritte; im Jahre 1899 Austritte 565, Eintrite 153; im Jahre 1900 Austritte 627, Eintritte 126; im Jahre 1901 Austritte 615, Eintritte 185; und in den bisher abgelaufenen 10 Monaten des heurigen Jahres "Austritte 555, Eintritte 135. Wenn man nun bedenkt, dass unterden Austretenden die Hälfte solche Personen sind, die zu diesem Behufe absichtlich nach Wien kommen, weil sie Anstand nehmen, daheim den Austritt auzumelden, so stellen sich die Verhältniße für Wien nicht so drastisch dar, als sie von der Opposition geschildert werden. Was die Frage betrifft, ob hie Austritte veröffentlicht werden sollen, haben im Lause der diesbezüglichen Verhandlungen im Cultusvorstande die Antragsteller selbst sich aus mannigfachen Gründen veranlasst gesehen, ihre Anträge auf Veröffentlichung zurückziehen. Vielleicht wird früher oder später eine Aenderung der bisherigen Gepflogenheiten eintreten. (Beifall.) Heinrich Te lt scher (Candidat des Centralwohlcomite), der von der Versammlung sympathisch begrüßt wird, will sich um eines der freigewordenen Mandate bewerben, weil er von einer Reihe angesehener Männer hiezu aufgefordert wurde-und weil nach seiner Ansicht unter den heutigen schwierigen Verhältnißen keinem Juden — und mit Stolz nenne sich Redner einen überzeugungstrenen Juden,— das Recht zustehe, sich von der Betätigung im jüdisch-öffentlichen Leben zurückzuziehen. Seit einer Reihe von Jahren habe er auch an demselben theilgenommen und einen Einblick in die Agenden der Cultusgemeinde erhalten^ In erster Reihe ist es Pflicht derselben, für die Erhaltung und Errichtung von Gotteshäusern, den wirklichen Bedürfnißen entsprechend, Sorge zu tragen. Das Ideal ist wohl schwer oder gar nicht zu erreichen, denn, wenn man alle Bezirke mit der nöthigen Anzahl von Gotteshäusern versehen wollte, müsste die Steuerschraube allzustark angezogen werden. Daher gebühre besonderer Dank den verschiedenen Tempelvereinen, die die Gemeinde in der Erfüllung ihrer Aufgade unterstützen, und es ist Pflicht der Cultusgemeinde, diese Vereine in ihrem übertragenen und freiwillig übernommenen Wirkungskreise zu fördern. Die gegenwärtige Religionsunterricht entspricht wohl keiner Richtung im Wiener Judenthume ganz, aber die Hauptaufgabe desselben, resp. der Religionslehrer müsse sein, die Liebe zum Judenthume — aber keine gezwungene — zu fördern und der Unterricht, denn sie ertheilen, wird nur dann von dauerndem Erfolge fein, wenn sie das Verhältnis zwischen Schule und Haus mit richtigem Verständnis erfassen. Große Aufmerksamkeit gebührt auch der Errichtung und Erhaltung der Wohlthätigkeits- und Humanitätsattstalten und die Reform der Armenpflege erscheine als unhedingt.nothwendig; jedoch dürfen die Acten der Entquete nicht bei Seite gelegt, sondern sie müssen eisrigst ftudirt und die praktisches! Consequenzen aus.denselben gezogen werden. (Beifall.) D r. K a h n (zionistischer Candidat) gewinnt die Versammlung durch den lapnigen Ton, in welchem er seine Ausführungen beginnt. Er declarirt sich nicht als einen Kamps- Candipaten und findet auch die Aufregung, die die Persammlung beherrscht, nicht für nothjvenpig. ^rotzdeps er Zionist ist, sieht er sich nicht zur Entwicklung ejneß besonderen Programms verarckasst, ja er canhidire sogar auf .Gsnyd' des Prhgr<M»jiB des gegnerischen Central-Wahl-Eomites. Wenn jedoch in diesem

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