Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 44 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 Die Wahrheit. Beite 3. Wiener Lultuswahlen. Die höchst unerquicklichen Präludien für die bevorstehenden Vorstandswahlen in der Wiener Cultusgemeinde, die wir in voriger Nummer an leitender Stelle gekennzeichnet haben, ließen für die Montag, den 17. d. 6 Uhr Abends im „Hotel zur Post" I., Fleischmarkt vom Cultusvorstande einberufene, ofstcielle Wählerversammlung kein besonders günstiges Prognostikon stellen. Allein wenn auch in deren Verlaus manchmal die Gegensätze hart an einander stießen und die Leidenschaft auf der einen oder anderen Seite zu lauten Eruptionen führte, so traten dennoch manch erfreuliche und erhebende Erscheinungen zu Tage, die die Hoffnung nicht unberechtigt erscheinen lassen, dass der Friede in die Wiener Cultusgemeinde doch endlich einkehren werde. Erhebend und erfreulich war namentlich die Einmüthigkeit, mit welcher links und rechts die glühende Liebe zum Judentbume betont wurde und ebenso die Begeisterung, mit welcher sämmtliche Redner, ob sie nun aus den Reihen der Majorität oder Minorität traten, ihre Kräfte dem Wole der Glaubensgenossenfchaft zu widmen erklärten. Und dieses allgemeine Bewusstsein, dass jeder in erster Reihe das Wol der Gemeinde vor Augen haben müsse, brachte es mit sich, dass billige Anregungen und Wünsche, ohne Rücksicht aus ihre Provenienz, allgemeine Zustimmung und Beifall fanden. Die anfangs etwas gespannte Stimmung, die besonders durch die journalistischen Anrempelungen in der Vorwoche erzeugt worden wa", begann allmälig zu schwinden, als auch die gut denkenden Mitglieder der oppositionellen Wählerschaft die unqualifizirbare Form der Angriffe gegen d n Cultusvorstaud, welche die Majorität so sehr gegen die Minorität in Harnisch brachte, offen misbilligten. Fast hatte es den Anschein, dass es noch zu einem Compromiss kommen werde, aber wenn auch derselbe nicht zu Stande kam, so musste es doch jedem zur Gewissheit werden, dass, mag derselbe auch für diesmal in Folge bedauernswerthcr Vorfälle gescheitert sein, wenigstens für die Zukunft den oppositionellen Parteien eine gewisse Vertretung im Cultusvorstande von der Majorität nicht vorenthalten werden wird, vorausgesetzt, dass unreine Kampfmittel fern gehalten werden und die Candidaten die vollste Gewähr bieten, dass sie der Wille zu ernster, fruchtbringender Arbeit und nicht die Absicht, die Gemeinde zum Schauplatze unfruchtbaren politischen Kampfes zu machen, in den Cultusvorstaud zieht. Dass die Leitung der Versammlung, die manche höchst kritische Momente hatte, viele Schwierigkeiten bot, ist leicht erklärlich. Dass diese Schwierigkeiten glücklich überwunden wurden, ist zunächst der allgemeinen Verehrung zu danken, die seitens aller Parteien für den Vorsitzenden, den Präsidenten kais. Rath Heinrich Kliuger, zu Tage trat. Diese einmütige Huldigung für das Oberhaupt der Gemeinde ist jedenfalls ein Lichtblick in dem gegenwärtigen bewegten Wahlkampfe, und sie bietet zugleich einen Einigungspunkt für die verschiedenen Strömungen in der Wiener Cultusgemeinde, die vielleicht doch einmal harmonisch zusammenlausen werden. Im Nachstehenden der Bericht der Versammlung: Der Vorsitzende, Präsident der Cultusgemeinde kais, Rath Heinrich Kling er, eröffnet die Versammlung mit einigen begrüßenden Worten und theilt mit, dass bei den am 23. d. M. vorzunehmenden Wahlen 9 Cultusvorsteher und eine Anzahl von Vertrauensmännern zu wählen sind. Von diesen 9 Mandaten wurden 6 durch Auslosung (Salo Cohn, Architekt Fleischer, Oberfinanzrath Dr. Rappaport, Salomon Rosner, Dr. Stein, Gottlieb Taussig) und drei durch Rücktritt (Regierungsrath Dr. Sieger, Docent Dr. Grünfeld, Direktor Simon, letzterer in Folge Domicilwechsel) erledigt. 8 Mandate haben 6jährige, 1 Mandat 2jährige Functionsdauer. Altem Brauche entsprechend, so fährt der Redner fort, ist heute der gesammle Vorstand in Ihrer Mitte erschienen, (Dr. Stein, der verreist ist, hat schriftlich sein Fernbleiben entschuldigt) um die Candidaten zu hören und Wünsche aus den Wählerkreisen zur Kenntnis zu nehmen. Es sei sehr bedauerlich, dass diese Wünsche nur alle 2 Jahre bei der Wählerversammlung und nicht öfter im Lause der einzelnen Wahlperioden dem Vorstände schriftlich oder mündlich bekannt gegeben werden, und dadurch sei es erklärlich, dass oft ersprießlichen Anregungen nicht zur rechten Zeit Folge geleistet werden könne. Trotz eines momentanen Unwohlseins habe es der Vorsitzende als seine Pflicht erachtet, in der heutigen Versammlung zu erscheinen, doch erbitte er sich die Ermächtigung, später den Vorsitz dem Vicepräsidenten Dr. Stern übergeben zu dürfen. Schließlich ersucht er die vorgemerkten Redner, sich mit Rücksicht auf die zahlreichen Vormerkungen möglichst kurz zu fasten, und ertheilt nach der Reihe der Eintragung in die Rednerliste zunächst Herrn Cultusvorsteher Salo Cohn das Wort. Salo Cohn: Sie werden von mir keine lange Candidatenrede erwarten. Wer 16 Jahre im Cultusvorstande wirkt, muß auch in der Oeffentlichkeit gekannt sein. Geordnete Finanzen, Rücksichtnahme auf jene Berhältniße, die den Frieden nach Innen und das Anseben nach Außen fördern und kräftigen, dies waren die Prinzipien, die mich bei meiner bisherigen Thätigkeit im Cultusvorstande leiteten und denen ich auch fernerhin treubteibeu werde. Wenn Sie ein Wirken in diesem Rahmen anerkennen und mir die Ehre einer Wiederwahl erweisen wollen, stehe ich gerne zu Ihren Diensten. (Beifall.) Architekt Max Fleischer glaubt sich ebenfalls unter Hinweis aus eine 23jährige Thätigkeit im Cultusvorstande kurz fassen zu können. Da er kein Redner ist. so sei in den Berichten über die Vorstandssitzungen vou ihm wenig zu lesen, aber wenn es in den Commissionen galt, eine Arbeit zu leisten, und gerade in technischer Beziehung gab es ja in den letzten Jahren in der Gemeinde viel zu arbeiten, habe er seinen Mann gestellt. Redner schließt seine von der Versammlung überaus sympathisch ausgenommenen Ausführungen mir folgenden Worten: Ich bin wohl alt geworden, aber nicht alt in der Liebe zu meiner Gemeinde. Eine Leidenschaft beseelt mich noch. 23 Jahre gehöre ich dem Cultusvorstande an, und wenn ich auch das 25. Jahr der Thätigkeit in dieser Körperschaft erleben sollte, werde ich Gott danken, dass er mir die Gnade und die Kraft zu Theil werden ließ, meiner Gemeinde zu dienen. (Allgemeiner, lebhafter Beifall.) Oberfinanzrath Dr. Rappaport: Ich bin nicht in der Lage, wie meine Vorredner, aus eine lange Thätigkeit im Cultusvorstande hinzuweisen, in welchen ich ohne ein bestimmtes Programm eingetreten bin. Und aus die vor meiner ersten Wahl an mich gestellte Aufforderung, ein solches zu entwickeln, konnte ich nur antworten, dass mir erst Zeit gegeben tverden müsse, die Berhältniße kennen zu lernen. Nun habe ich manches gesunden, das meine Billigung nicht finden konnte, und ich habe meine ganze Kraft eingesetzt, die von mir erkannten Uebelstände zu beheben. Wiewohl nicht alles verwirklicht werden konnte, was ich angestrebt, so hat doch manches in der Oeffentlichkeit Billigung gefunden. Besonders war es die sogenannte Reform der inneren Verwaltung, der ich mein besonderes Augenmerk zuwandte. In diesem Sinne habe ich bisher gewirkt, und wenn Sie mich einer Wiederwahl würdig halten, werde ich Ihrem Ruse gerne Folge leisten. Salomon Rosner verweist aus seine mehr als 20jährige Thätigkeit in der Cultusgemeinde. Vorerst als Vorsteher der vereinigten Tempelgemeinden Hernals, Ottakring und Reulerchenfeld und nach der Vereinigung der Vororte mit der Wiener Cultusgemeinde, im Schoße dieser Körperschaft. Nicht Allen sei sein Wirken bekannt, aber die Gemeindemitglieder der 16. mü> 17. Bezirkes werden es gewiss bestätigen, dass er immer bestrebt gewesen sei, für ihre Interessen und ihre Bedürsniße einzutreten. Das Hanptge wicht seiner. bisherigen Thätigkeit habe er immer in die Commissionen verlegt, dem eigentlichen Gebiet fruchtbringender Arbeit, und wenn ihm die Ehre einer Wiederwahl zu Theil würde, werde er gerne bereit sein, das ihm übertragene Mandat anzuuehmen.