Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 43 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 6 Die Wahrheit. Nr. 43. schenken können. Wenn sie, nur die wunde Stelle nicht hätten, überall den Antisemiten zu erblicken, der ihnen wohlgemeinte Rathschläge ertheilt, der die vielen überhandnehmenden Uebel rügt, die das Schachervolk zum Schaden der Andersgläubigen anrichtet. Diese Empfindlichkeit der Juden trägt Schuld daran, »dass ein nennenswerther Theil der christlichen Gesellschaft den Juden schimpft — aber im Geheimen — weil er in den Verruf eines Antisemiten nicht kommen will; aber er, der den Juden nicht verborgen hasst, weil er sein aufrichtiger Freund ist und es mit ihm wohl meint, wird überall als ein böser Antisemit verschrieen." Ist das kein Aergernis, wenn wir die Hände nicht aufhalten, um die Brosamen zu empfangen, die uns ein solch lieber Freund darreicht. Wie steifnackig diese Juden nur sind, dass sie die wohlgemeiuten Lehren unter keiner Bedingung anuehmen wollen. Die ungarischen Juden, welche in Sprache und mitten mit dem ungarischen Volke längst verwachsen sind, verdienen die vollste Achtung, sie haben den Staat mächtig gefördert durch Kunst, Wissenschaft, Handel und Litteratur, doch das galizianische und rumänische Kaftanvolk durch die Thore Ungarns zu laffen, damit sie sich hier ansässig machen und das arbeitsame ungarische Volk verdrängen, bis sie zum Wanderstabe greifen müffen, dem entgegenzuarbeiten müffen die Ungarn mosaischer Confeffion wie ein Mann auf den Plan treten, bauiit sie ihren Patriotismus in Wirklichkeit bethätigen. Er, als aufrichtiger Freund, scheut sich nicht, offen es auszusprechen, was andere Publizisten aus Furcht vor dem allgewaltigen „Rothschild" tiefbedacht verschweigen. Er hat von der Zahl der ungarischen Juden genug, er will keine Preffion ausüben, um mit der heiligen Schrift zu reden: Je größer der Druck, desto stärker die Zahl, — denn diese können antisemitische Schlünde noch leicht verzehren, was bei einer Zunahme der Juden nicht so leicht von statten gienge. Oh, wir kennen den alten Wolf im Schafspelze. Seine Zähne, die er so oft an den Juden gewetzt, sind im Verlaufe der Jahre stumpf geworden, und weil er dies aus Schande nicht gerne eingestehen möchte, thut er so groß, als hätte er noch gut beißen können, wenn ihm im Gehege der Zähne der fette Bissen nicht stecken würde. Lieb' Kind, magst ruhig bleiben, wir werden uns auf dem Wege nicht beirren laffen, den wir aus freien Stücken eiugeschlagen, als gute Ungarn bedürfen wir keiner Ermunterung, um den Stutzen und die Blüthe des geliebten Vaterlandes stets vor Augen zu halten; jedoch wo wir Empfindlichkeit an den Tag legen, diese Lehre brauchen wir von keinem Bartha zu empfangen. Wir danken schönstens für alle Zurechtweisungen, die aus verruchter Quelle strömen, mögen sie aus antisemitischer Küche uns kredenzt werden, oder gar aus solch lieber Hand gereicht werden; auch das nehme er uns nicht übel, wenn wir uns die Vernunft zumuthen, die nöthig ist, um den Freund vom Feind zu mtterscheiden. Wohin wir Barcha zählen, das pfeifen schon die Spatzen auf den Dächern. Aehuliche giftgeschwellte Artikel bestärken uns noch mehr in der Annahme, dass kein Antisemit als Judensreund sich entpuppen kann! Dunasöldvar. Rabbiner Dr. Samuel Par tos. Der konfissirte russische Thronfolger. 8i non e vero bene trovato kann man von der nachfolgeuden russischen Hof- und Theatergeschichte sagen, die Adolph Oppenheim—München unter obigem Titel in sehr launiger Weise in der „Berliner Morgenpost" erzählt: Baruch Mayer ist bei Kaiser Nikolaus ll. in Ungnade gefallen. Wer Baruch Mayer ist, den der Kaiser von Rußland mit seiner Ungnade bedacht? Baruch Mayer ist — Theaterdirektor im Reiche des Zaren. Großer Jubel und hohe, begeisterte Freude herrschte unter seinen Anhängern in allen Orte.: Russisch-Polens, wenn Baruch Mayer mit seiner Gesellschaft in ihren Mauern einzog. Baruch Mayer war Director einer jener jüdischen Theatergesellschafteu, wie man sie zu Dutzenden in Polen und zum Theil in Rußland findet, und hat in letzter Zeit die Aufmerksamkeit der vornehmen, russischen Hofgesellschaft wie des kaiserlichen Hofes auf sich gezogen, ja, man sprach davon, dass Kaiser Nikolaus Baruch Mayer sogar nach Petersburg, Livadia, Petershos, kurz, wo eben der russische Hof weilte, kommen ließ. — Nicht, als ob die Kunst der Gesellschaft Baruch Mayers so ausgezeichnet gewesen wäre, dass Kaiser- Nikolaus oder die russische Hofgesellschaft durchaus Verlangen darnach trug — nein, es kann sogar versichert werden, dass weder der Zar noch die russische Hofgesellschaft jemals eines der beliebten Repertoirestücke Baruch Mayers und seiner Gesellschaft gesehen. Und dennoch hat Baruch Mayer, wie wir ebenfalls versichern können, durch seine Leistungen Aufsehen erregt. Ja, es hätte nicht viel gefehlt, so wäre Baruch Mayer bei der jüngsten Zusammenkunft des Zar und Kaiser- Wilhelm dem Deutschen Kaiser vorgestellt worden. Woher diese Berühmtheit Baruch Mayer's kam? Durch einen eigenthümlichen Zufall! Nein, wir wollen nicht Zufall sagen, es wäre eine Herabsetzung der Leistungen des Genies, auch des Helden, denn es ist keine Kleinigkeit für einen Theaterdirector überhaupt, noch weniger aber für einen jüdischen Theaterchef in dem heiligen Reich des weißen Zaren, ein berühmter Mann zu werden. Den Anstoß zu Baruch Mayers Berühmtheit gab in erster Reihe sein — Patriotismus, den er in eigener Art auszudrücken pstegte. Sobald nämlich ein Geburts- und Namensfest am russischen Hofe gefeiert ward, veranstaltete Baruch Mayer eine Festvorstellung in seinem Theater. War ein freudiges Ereignis im russischen Kaiserhof in Sicht, sofort unterbreitete einige Monate vor dem zu erwartenden Ereignis Baruch Mayer der hochlöblichen kaiserlichen Kammer in Petersburg ein eigens zu diesem Zwecke geschriebenes Stück, das (in deuischer Uebersetzung) den Titel „Festgedicht zur Feier der Geburt eines Thronfolgers", oder „Der erste Sohn des Kaisers" trug. Nachdem er nun auf diese Weise jedesmal ein Stück eingereicht hatte, wurde der Zensor in Petersburg aufmerksam. Er betrachtete es als Hohn auf die Fügung, dass die Kaiserin — die Gott noch lauge erhalten möge — ihrem kaiserlichen Gatten immer eine Tochter schenkte, während der Theaterchef ein Stück zur Festvorstellung auf einen Thronerben unterbreitete. — Aus Petersburg kam der Befehl, dass „Der erste Sohn des Kaisers" konfiszirt werde und Baruch Mayer künftig kein Stück zur Festvorstellung für einen Thronerben einreichen dürfe, bevor nicht ein Thronerbe dem kaiserlichen Hause wirklich geboren worden ist; ferner soll Baruch Mayer gefragt werden, weshalb er mit solcher Consequenz den kaiserlich russischen Thronerben feiere, der noch gar nicht auf der Welt ist. „Nun", entgegnete Baruch Mayer dem ihn befragenden Polizeihauptmann, „warum soll ich den russischen Thronfolger nicht in meiner Phantasie feiern? Ich hoffe, sobald ich vernehme, dass ein freudiges Ereignis der kaiserlichen Familie — möge Gott sie lange in Gesundheit erhalten — bevorstehe, dass der Zar diesmal die Freude hat. wirklich einen Thronerben zu begrüßen. Und es ist wirklich eine Freude. Müne Frau — Gott erhalte sie — hat sie mir elimal gemacht." „Was, Sie haben elf Söhne?" frug der Polizeihauptmann. „Ja, elf Söhne ohne Unterbrechung, und wenn ein Theaterdirector mit elf Söhnen von seiner Frau beschenkt wurde, warum soll der große Kaiser von Rußland nicht noch mehr Söhne von seiner Gattin bekommen. Und wenn Gott mir meine Frau leben lässt, bin ich sicher, dass das Dutzend Söhne voll wird." „Das wiff.n Sie so bestimmt? Und wenn ihr zwölftes Kind eine Tochter wird? Oder befolgt ihre Frau vielleicht das Geheimnis des Wiener Professor Schenk?" „Schenk?" entgegnete Baruch Mayer wegwerfend. „Ich