Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 43 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 Die Wahrheit. Seite 5. mit diesem der Ruin zahlreicher Existenzen unvermeidlich sein soll. Da man dadurch eine Verminderung des Ansehens des Klerus oder, wie man sagt, eine Schädigung der Religion befürchtet, so werden jetzt alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den Eintritt der Katastrophe zu verhindern. Hohe geistliche Würdenträger bereisen das Land, um Geistliche und fromme Katholiken zur Leistung von Beiträgen zum Zwecke der Sanirung des todtkranken Geldinstitutes, welches bei Lebzeiten auch ein Kampffactor gegen die Juden war, zu veranlassen. Die traurige Affaire hat auch den Humor und den Unternehmungsgeist geweckt. Es wurden verschiedene, die Angelegenheit zur Anschauung bringende Ansichtskarten auf den Markt gebracht, die aber mit einemmale verschwanden, weil sie — confiscirt wurden. Die zweite Affaire ist mehr heiterer Natur, obgleich der Held derselben zu zwei Jahren Kerker verurtheilt worden ist. Herr Müller von Mildenberg, der erst sich selbst den Adel verschaffte, hat, ermuthigt durch das Gelingen, auch Anderen, die sich in ihrem einfachen bürgerlichen Dasein nicht zufrieden fühlten und durchaus von altadeliger Abstammung sein und ein Adelsprädicat haben wollten, seine genealogischen Kenntniße und seine Geschicklichkeit in der Herstellung von Documenten, die bei ihrem Entstehen schon 2—300 Jahre alt sind, aus Menschenfreundlichkeit und für gute Bezahlung zur Verfügung gestellt. Die auf Grund von gefälschten Documenten in den Adelsstand Erhobenen haben nun den Schaden und brauchen für den Spott nicht zu sorgen. Sie legen einer nach dem andern den Adel ab und erniedrigen sich selbst zu einfachen Bürgern. Sie waren ja alle im guten Glauben an die Wahrheit der in der Familie sich erhaltenen Tradition von dem Adel ihrer Vorfahren mit Müller in Verbindung getreten. Einer von ihnen hat nach seiner Adelung eine reiche jüdische Erbin, die sich getauft, geheiratet. Ob.die Liebe oder der Adel bei her Taufe das Hauptmotiv war, lässt sich schwer feststellen, nur das fortdauernde eheliche Glück wird darüber Aufschluss geben. Die Juden, die ihren Stammbaum bis auf 2000 Jahre v. Ch. zurückführen können, stehen mit der ganzen Affaire nur durch diese getaufte, durch Heirat adelig und jetzt wieder bürgerlich gewordene Jüdin in Verbindung. Fragen aber dürfen wir, welchen Lärm hätte es in der ganzen klericalen und christlichsocialen Welt, oder sagen wir, in der ganzen antisemitischen Welt — und die ist ja jetzt leider sehr groß — gegeben, wenn solche zwei Affairen sich innerhalb des Judenthums zugetragen hätten.! Wie hätte man da, die Augen fromm verdrehend, schimpfend und schmähend den Stab über Religion und Rasse der Juden gebrochen! Geschieht doch das auch, wenn ein einzelner Jude, dessen Beruf Geld- und Börsegeschäfte sind, etwas veruntreut oder defraudirt! Keinem Juden aber wird es einfallen, das Christenthum oder auch nur die Klerisei für das verantwortlich zu machen, was in der St. Wenzelsvorschusscasse geschehen. Freilich heißt es im Evangelium: man kann nicht zweien Herren dienen, Gott und dem Mamrnon, und sollten Geistliche sich ganz in den Dienst Gottes stellen und nicht Geldinstitute unb Handelsgeschäfte gründen, um Gewinn zu erzielen und, was in den meisten Fällen der eigentliche Zweck ist, den Juden ihren letzten Nahrungszweig abzuschueiden. Die Gründer und Leiter der Konsumvereine in Böhmen, Galizien und Ungarn, durch welche so viele jüdische Existenzen vernichtet worden, und die nach und nach selbst zugrunde gegangen sind, sind und waren Geistliche. Eine kleine Affaire gibt es indeß auch innerhalb der jüdischen Gemeinde Prags. Die Prager Sektion der Aaroäni seänota ee^o-Liäov^ä hatte nämlich an die Repräsentanz das Gesuch gerichtet, die Gemeinde solle die Errichtung und Erhaltung einer Synagoge mit böhmischem Gottesdienste übernehmen. In einer der letzten Sitzungen wurde nun auf Grund des Referates der Rechtsseklion über dieses Gesuch beschloffen, das in demselben gestellte Verlangen mit der Begründung abzulehnen, dass die Prager Gemeinde nicht die Pflicht habe, für einen böhmischen Gottesdienst, d. h. Anstellung eines böhmischen Predigers, Sorge zu tragen, da zum Gottesdienste, für welchen zu sorgen Pflicht der Gemeinde ist, nur die wichtigen althergebrachten Gebete und die Vorlesungen aus der heiligen Schrift gehören, nicht aber die Predigten, ob in deutscher oder böhmischer Sprache gehalten. Auch die deutschen Rabbiner und Prediger an den Synagogen, wo solche sind, sind nicht von der Gemeinde angestellt und werden nicht von dieser besoldet, sondern von den betreffenden Synagogen. Selbst der von der Gemeinde angestellte Oberrabbiner könne in anderen Synagogen nur auf Ansuchen der betreffenden Synagogenvorstände predigen. Wo die Besucher einer Synagoge auch Predigten haben wollen, haben sie die damit verbundenen Kosten selber zu tragen. Nicht deutsch, nicht böhmisch, sondern nur hebräisch! Beneidenswerthe Prager Cultusgemeinde, für die es keine Kanzeln, keine Prediger, keine Verkündigung des Gottes - Wortes, keine Predigerfragen, keine Probepredigten mit all den Jntriguen, Echauffiruugen, die damit Zusammenhängen, gibt, deren Gottesdienst lediglich aus wichtigen, althergebrachten Gebeten und Thoravorlesungen besteht. Und doch i sind in allen größeren Synagogen Prags Orgel und ge-! mischter Chor zu finden und ebenso in allen Synagogen der! Vororte Prags. Die Kosten tragen allerdings die Synagogen.! Da indeß das Vortragen der Gebete selbst nach der Meinung j des Referenten der Rechtssection zum Gottesdienste gehört, sollte die Prager Gemeinde, wenn schon nicht die Besoldung i von Predigern, wenigstens die derVorbeter aus sich nehmen, womit i auch schon etwas gethan wäre. Gemeindecantoren, wenn schon! nicht Gemeindeprediger! Die Wühlarbeit eines liebe« Antisemiten. Wir haben schon viel Feinde gehabt, auch mit vielen den Kampf ausgenommen und doch bereitet uns die Zeit derartige Ueberraschnugen auf dem Gebiete des Judenhasses, dass wir ganz verblüfft dastehen und^ nicht wissen, wo wir schon die Ehre gehabt haben, einen gleichkalibrigen Judenfreffer zu sehen. Unser Nikolaus B a r t h a, der die Farbe, mit der ihn die Gottesnatur beschenkt hat, stündlich einmal wechselt, taucht seine publicistische Feder, so oft er die Juden anfs Kerbholz nimmt, in bitterste Galle. Sie haben es ihm, dem Armen, angesehen, dass er überall den Teufel und Gottseibeiuns wittert, wo er ein edles Werk wahrnimmt, das Juden zum Heile der Menschheit vollbracht. Seit Jahr und Tag klagt er über die Misere der Eiu- und Auswanderung, die im ungarischen Lande in außergewöhnlichem Maße überhand genommen. In kurzer Zeit soll eine Gesetzesvorlage betreffend der Fremdeueinwanderung miD der heimischen Auswanderung im ungarischen Reichstage verhairdelt werden und diese Vorlage scheint uuserem Freunde (!) Bartha nicht genügende Garantien zu bieten, dass die handvoll ungarischer Inden nicht noch mehr an Macht und Ansehen gewinne, als fies chon bisher auf Kosten des christlichen Bürgers erreicht hat. In seinem Leibblatte „Magyarorssag", das nebenhin gesagt, von den fettleibigen Pfründen dieses Jndenhelden sein Leben fristet, eatwand sich in der 265. Nummer der gepressten Brust ein Redeschwulst, der auch für unsere Kreise festgenagelt zu werden verdient. Denn — um cs offen zu sagen — unserem lieben Freunde fällt es gar nicht ein, für die Inden seine Artikel zu schreiben, er will blos die Hellen Sterne, die zuweilen den ungarischen Himmel beleuchten, in Finsternis tauchen, um sodann in dem Fahrwasser, in das er sein Schifflein lenkt, leichter zu segeln. Er kann auch bittere Klagen führen, dass die ganze christliche Welt von: Antisemitismus noch nicht infieirt ist — und dabei verdreht er die Augen, als meinte er es mit den „Ungarn mosaischen Glaubens"' aufrichtig, als wäre er ihr einziger Freund, aus den sie sich stützen, dem sie Gehör f ' 4 ) S