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Die Wahrheit · 1902-11-07 · Heft 42 (7.11.1902) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 42 (7.11.1902)
Date
1902-11-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit. Nr. 42. an den armseligen Brosamen nagen, die sie von Zeit zu Zeit auf unserem Boden auftest. Wir sind dessen gewiss, dass sie ihren Hunger damit nicht stillen wird, mag sie nur weiter mit ihrem Beitelsack an unsere Thüren gehen I - '* Dun a so ldva r. Rabbiner Dr. Samu'et Partos. Die socialen Derhältniße der Juden in Deutschland. Die Conrad'scheu Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik haben in mehreren Nummern eine ausführliche statistische Arbeit von Arthur Ruppin über die socialen Verhältmße der Inden in Preußen und Deutschland veröffentlicht, die nach verschiedener Richtung recht intereffante Aufschlüsse geben. Besonders bemerkenswert ist dabei die Veränderung, die in Bezug auf den Vervölkerungsantheil der Inden seit dem Jahre 1880 eingetreten ist. Die Zahl der Juden auf der ganzen Erde beträgt heute etwa 7 7« Millionen, wovon 570000 auf Deutschland entfallen. In Preußen ist nun die procentüelle Anzahl der Juden gegenüber den Christen bis 1800 gestiegen, seitdem aber gesunken, und zwar ist bis 1900 ein Rückgang der jüdischen Bevölkerung im Verhältnis zur Gesammtbevölkerung von 13,3 auf 11,4 pro Mille eingetreten. Sehr große Unterschiede zwischen Christen und Juden zeigen sich namentlich in Bezug auf die Geburtsverhältniße. Die Lebensfähigkeit der von jüdischen Eltern Geborenen ist erheblich größer als der von christlichen Eltern; aus 1000 eheliche Geburten entfallen bei jüdischen Eltern nur 32,07 Tolgeborene gegen 35,88 bei christlichen Eltern und 34,54 bei Mischehen zwischen Christen und Juden. Ganz anders aber ist es mit der Geburtenhäufigkeit. Hier ergibt sich ein überraschend großer Rückgang der jüdischen Geburtenziffern. Während im Durchschnitt der Jahre 1820—1866 auf 1000 Juden jährlich 37.70 Geburten und im Jahrfünft 1878—82 jährlich noch 30.32 Geburten kamen, ist diese Ziffer im Jahrfünft 1893—97 auf 22,5 zurückgegangen, wogegen sie bei den Christen 38,15, also fast das Doppelte, betrug. Diese Thalsache, so meint der Verfasser, dürfte über die Zukunft des deutschen Judenthums entscheiden. Denn von der Geburtenhäufigkeit bei den Juden hänge es in erster Linie ab, ob sie Aussicht haben, sich inmitten einer ihnen an Zahl hundertfach überlegenen christlichen Bevölkerung weiter selbstständig zu erhalten, oder ob sie dem Schicksal der Aussaugung durch die Christen früher oder später entgegengehen. Diese Schlußfolgerung scheint uns jedoch nicht ganz zutreffend zu sein. Das Entscheidende für die selbständige Erhaltung der Juden ist, ob ihre absolute Zahl zu» oder abnimmt, d. h. ob ein Ueberschuss der Geburten über die Todesfälle vorhanden ist, und ob dieser auch die Uebertritte zunl Christenthum ansgleicht, und hier findet immer noch eine Zunahme statt. Uebrigens ist auch die Geburtenziffer bei den Christen etwas zurückgegangen: von 39,52 pro Mille in 1878-82 auf 38,37 in 1888—92 und 38,15 in. 1893—97. Die innersten Gründe des jüdischen Geburtenrückganges sind vielleicht ans den gewachsenen Wohlstand der jüdischen Bevölkerung zurückzuführen, der ja, wie das Beispiel Frankreichs zeigt, das Zweikindersystem, oder zum mindesten eine Einschränkung der Kinderzahl zur Folge hat. Die jüdischen Fauiilicn mit 12, 15 und noch mehr Kindern, die vor 30—50 Jahren noch durchaus keine Seltenheit waren, find heute fast gänzlich verschwunden. Es entfallen auf eine Eheschließung zwischen jüdischem Mann und jüdischer Frau im Durchschnitt des Jahrfünfts 1875—79 jährlich 4,57, im Durchschnitt des Jahrfünfts 1895—99 aber nur noch 2,98 Geburten, während auf eine chrfftliche Eheschießung im selben Jahrfünft 1895—99 jährlich 4,21 Geburten entfallen. Demgemäß ist die Betheiligung der jüdischen Ehepaare an 1000 Geburten in Preußen von 9,98 im Jahrfünft 1878—82 auf 6,15 im Jahrfünft 1895—99 zurückgegangen, und im Zusammenhang damit hat sich seit den 70er Jahren auch der Antheil der Juden und Christen an der Gesammtbevölkerung immer mehr zuungunsten der Juden verschoben: sie machten 1900 in Preußen nur 1,14 Prozent der Gesammtbevölkerung aus gegen 1,33 Prozent in 1880. Dies Zahlenverhältnis würde sich noch ungünstiger gestaltet haben, wenn nicht, der ungünstigeren Geburtenziffer der Inden eine günstigere Sterbeziffer gegenüberstände. Es hat sich zwar die Anzahl der gestorbenen Juden im Alter von über 15 Jahreil von 3473 im Jahre 1877 auf 4374 im Jahre 1899 erhöht, aber dies erklärt sich größtentheils durch die größere absolute Anzahl der Inden in Preußen im Jahre 1899 gegen 1877. Dagegen hat sich die Anzahl der gestornenen Juden unter 15 Jahren — und hierzu stellen t» fahrungsgemäß die Säuglinge das Hauptcoutingent — von 2850 im Jahre 1877 auf 1280 im Jahre 1899 vermindert. Schon im Jahrfünft 1878—82 standen sie mit einer Mortalität von 17,53 pro Mille günstiger da als die Christen mit 25,23 pro Mille. Im Jahrfünft 1893—97 ist dann die Sterbeziffer der Juden weiter auf die außerordentlich kleine Zahl von 14,73 pro Mille herabgesunken. Allerdings ist infolge allgemeiner Verbesserung der Gesundheitsvflege auch die Sterblichkeit bei den Christen von 25,23 auf 21,84 herabgegangen. bleibt aber hinter der jüdischen Mortalitätsziffer immer noch erheblich zurück. Freilich sind unter den das 15. Jahr überlebenden Juden auch eine größere Anzahl schwächlicher Personen, wodurch sich in der Sterblichkeit der über 15 Jahre alten Juden eine kleine Verschlechterung gibt. Günstiger ist das Verhältnis für die Juden auch in Bezug auf die Erreichung eines hohen Alters. So zeigte eine Berliner Statistik von 1895, dass das 70. Lebensjahr 2,6 Prozent aller Juden und nur 1,8 Prozent der Christen, das 60. Jahr 7,2 Prozent der Juden, und 5,5 Prozent der Christen, das 50. Jahr 15,7 Prozent der Juden und 12,8 Prozent der Christen erreichen. — Relativ häufiger sind die Selbstmorde bei den Juden. Im Durchschnitt der Jahre 1803—97 bei ugen sie bei den Christen und Christinnen 31,17 und 8,02 auf 100 000, bei den Juden und Jüdinnen 36,50 und 11,89. Wir erwähnten schon vorhin die Frage des Ueberschusses der Geburten über die Todesfälle. Auch hierauf gibt die Statistik Antwort Während noch 1878 — 1882 die Inden sich jährlich um 12,79 aufs Tausend vermehrten, ist diese Zahl 1893—97 auf 7,52 zurückgegangen, während sie bei den Christen von 1429 auf 16,31 gestiegen ist. Aber immerhin sind die Juden noch in der Zunahme begriffen, und es ist darum verfrüht, schon zu sagen, dass sie sich nicht in ihrer Selbständigkeit erhalten können. Ein zeitweiliger Rückgang hat auch bei den jüdischen Eheschließungen stattgefunden, der auf die größere ökonomische Vorsicht zurückjuführen ist; doch ist seit 1889 wieder eine langsame Steigerung wahrzunehmen, wenn auch im Jahre 1899 noch nicht die Ziffer des Jahres 1875 erreicht war. Was die Wechselwirkungen zwischen Judentum und Christentum betrifft, so ergibt sich ein beständiges Wachsen der Mischehen zwischen Juden und Christen seit 1875. In diesem Jahre wurden in Preußen 156 christlich - jüdische und 121 jüdisch-christliche Mischehen geschlossen, im Jahre 1899 waren die entsprechenden Zahlen 212 und 271 Am 1. Dezember 1885 bestanden in ganz Preußen 1011 christlich-jüdischen und 1100 jüdisch-christliche Mischehen, am 2. Dezember 1895 bereits 1530 und 1757. Die Mischehen machen einen immer größeren Prozentsatz aller jüdischen Ehen aus und haben, wenigstens absolut, besonders in Berlin fortwährend stark zugenommen. Während sie im Jahrfünft 1875/79 durchschnittlich jährlich nur 239 betrugen, ist die Ziffer im Jahrfünft 1895/99 auf durchschnittlich jährlich 433 angewachsen. In der Hauptsache entfällt diese Zunahme auf die.* jüdisch-christlichen Mischehen, d. h. die Ehen zwischen jüdischem Manu und christlicher Frau, deren durchschnittliche

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