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Die Wahrheit · 1902-11-07 · Heft 42 (7.11.1902) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 42 (7.11.1902)
Date
1902-11-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 42. sind. Dagegen ist von all dem, was an die Ueberfeineruug der im Orient besonders heimischen Ueppigkeit erinnert, nirgends die Spur. Welch' ein Unterschied zwischen den sinnberückenden Bildern des Koran und der reinen, keuschen Klarheit unserer Bibel! Jener bietet die echt orientalische Art, diese ist die edle Menschlichkeit, die ewig jung, überall zu Hause und darum auch ewig schön ist. Es fand daher kein Mensch ein Haar darin, dass Saul auf der Suche nach den verlorenen Eselinnen auf den Königsthron gehoben ward und dass er auch nachher noch wacker hinter dem Pfluge einherging. (I. Sam. XI, 5.) Elisa wurde von dem Pfluge hinweg zum Jünger seines Meisters Elijahu berufen. (I. Kg. XIX, 19.) Amos führt sich treuherziger Weise bald zu Anfang seiner Reden als Schafzück ter ein, daneben hat er auch Sykomoren angepflanzt. Wenn er auch, wie so leicht kein zweiter, gar gewaltig von Gott zu zeugen wusste, er fühlte sich doch nur wie der Zunftgenofsen einer und mochte es gar nicht fassen, dass man ihn als Propheten titulirte. (Das. VII, 14 15). Ueber kein Laster wird so nnerbittlich die ätzende Lauge des Spottes in den Sprüchen Salomonis ausgegossen, wie über die Trägheit, nichts so sehr gefeiert als unverdrossener Muth, Schaffensfreude und hurtiger Eifer. Der bekannte Lobgesang am Schluss der Sammlung kann sich gar nicht genug thun in der Hervorkehrung all der schönen Künste und Fertigkeiten, mit denen das israelitische Biederweib ausgestaltet sein mutz. Schiller hat hier im „Liede von der Glocke" die deutsche Hausfrau unserer Bibel einfach nachgedichtet. Von dem, was wir heute unter Repräseutationspflichten und gesellschaftlichem Schliff verstehen, ist aber auch mit einem Worte dort nicht die Rede. Es ist, als hätte der Dichter durch das Anbringen solcher Züge für den Stil seines Gemäldes gefürchtet. Ein Weib mit so rüstigem Wirklichkeitssinn hat für Derartiges einfach keine Zeit. Die Gellschaft interessirt sie höchstens noch insoweit, als sie Gelegenheit zur Wohlthätigkeit bietet. In welcher Blüthe das Kunsthandwerk im jüdischen Staate stand, erhellt daraus, dass Nebukadnezar bei dem ersten kriegerischen Unternehmen gegen denselben neben dem Könige und dem Hochadel, auch Schmiede und Schloffer zur Deportation brachte. (II. Kg. 24, 16). Jedenfalls vermeinte er auf diese Weise die Judcuheit ebenso empfindlich zu treffen, als sich einen großen Vortheil zuzuführen. Auch im späteren Judeuthume sind diese Züge nicht um eine Spur verblasst. So war im Judenthume die Frau voit Gcsetzeswegen zu allen häuslichen Arbeiten bis auf das Waschen, Backen des Brotes und das Drehen der Handmühle hinab verpflichten. Erst wenn sie ein gewisses Vermögen in die Ehe einbrachte, konnte sie die letzteren Verrichtungen ab» lehnen. (Kethub. 59 d). Ebenso wie jeder Vater die Pflicht hat, sein Kind in der Religion unterweisen zu lassen, in demselben Matze liegt es ihm ob, für die Erlernung eines Handwerkes Sorge zu tragen. Interessant ist es, dass der Talmud dies aus der Regel des Predigers : „Trachte darnach, dass dn dein Leben fristest mit tum Weibe, das du liebst" (Koh. IX, 9) ableitet. Damit soll die Ueberzeugung erhärtet werden, dass der Betrieb eines Handwerkes wie kein anderer Beruf dazu angethan ist, die selbständige gesicherte und ehrenhafte Existenz einer Familie zu ermöglichen. Von dem Handel wird dies ausdrücklich verneint. (Kidusch. 29a. u. 30b.) In den Sprüchen der Väter wird daher nachdrücklichst Liebe zjur Arbeit und Hass gegen alle Vornehmthuerei eingeschärft. Der Spruch des Rb. Gamaliel ps *jti DJ? min liöSn na „Schön' ist es, wenn Thorakenntuis mit Handwerk sich vereinigt", ist im Judeuthume gerade zu einem geflügelten Worte geworden. Die weltvergessene, fahle Zunftgelehrsamkeit dagegen war etwas,) das in deffen Mitte nur Spott erwecken konnte. Es ist daher wohlverständlich, wenn unsere Weisen den Mann, der mitten im harten Kampf des Lebens steht und von seiner Hände Arbeit sich ernährt auch in religiöser Hinsicht weit höher stellt, als einen, der sich einer erschlaffenden, thatenlosen Beschaulichkeit ergibt id'bv «TO w »3 jt’J'ö nnn bru (Berach. 8 ) Keine Form der Arbeit ist geeignet, den Mann zu schänden. Entehren kann ihn nur, dass er Andern zur Last wird. „Lieber ein gefallenes Thier auf offenem Markte schinden, als Almosen annehmen." (Pesach. 113.) Aus der Bestimmung des Zehngebotes ^Sechs Tage sollst du arbeiten", leitet Jehuda b. Batyra die Verpflichtung zur Arbeit auch für solche ab, bei denen eine äußere Nöthigung hiezu nicht vorliegt. Müßiggang ist unter allen Umständen lasterhaft. oioynp nrn ’T*? «'20 nbon Müßiggang führt zur Entnervung und Lasterhaftigkeit. (Kethub. 59.) Es erregte daher nicht den mindesten Anstoß, dass ein Hillel, der in harter Arbeit als Taglöhner sein Brot'verdiente, als seine Zeit gekommen war, zum Fürsten und Oberhaupte des hohen Rathes erhoben wurde. (Joma 35.) Welcher Verehrung er sich trotzdem erfreute, erhellt aus der Thatsache, dass diese Würde, die ihrer Natur nach nur eine persönliche sein konnte, ohne sein Hinzuthun in seinem Haus^^erblich wurde. Während einer gelehrten Unterhandlung zwisHeü ihm und seinen Collegen Schammai traten zwei Weber, die am Kehrichtthor zu Jerusalem wohnten, auf und gaben durch^ihre Bekundungen den Ausschlag. — Die Moral der Geschichte ist: dass selbst der niedrigste der Arbeiter aus dem ärmlichsten Viertel im Lehrhause es Allen gleichthun kann und dasselbe daher nie meiden solle. (Ednjoth I, 3.) Sein Enkel, dep. berühmte Rabban Gamaliel, blieb den Ueberlieferungen seines Hauses treu. Einer seiner Jünger, der dem Judenthume ebenso verhängnisvoll wurde, als er in der Welt von den größten Erfolgen und dem höchstenRuhm getragen war, derApostel Paulus, betrieb die Zeltweberei als Handwerk. (Apostelgesch. 18, 3.) Rb. Josua b. Chauanja, der ebenso groß als Lehrer . des Gesetzes wie hervorragend l an vielseitigster weltmännischer Erfahrung und Bildung war, betrieb das ehrsame Handwerk eines Nagelschmiedes. (Berach. 28a). Sein College Rabbi Eliser wieder ließ eines Tages den väterlichen Pflug, den er bis dahin wacker geführt hatte, in Stich und setzte sich als gelehriger Jünger zu Füßen des Rabban Jochanan b. Sakkai. (Pirke di Rabbi Elieser Cap. I und Beresch. rabb. Cap. 42). In Aboth und sonst au zahlreichen Stellen erscheint ein Gelehrter unter dem Namen: Jochanau, der Schuhmacher, als Zeitgenosse des Rabb. Gamaliel ein gewisser Nachum, seines Zeichens eilt Schreiber. Karua, Stadtrichter zu Jerusalem, war ein berühmter Weinkenner und verdiente durch die praktische Verwerthung dieser Fähigkeit seinen Lebensunterhalt. (Kethub. ^105.) Rb. Huna arbeitete aus Tügelohn. (Das.) Wer seinen" Rechtsspruch aurief, musste ihm zunächst einen Vertreter bei der Arbeit stellen. Raba betrieb einen Weinhandel und besaß ein eigenes Verfahren, denselben zu verschneiden. (Bab. mez. 60a.) Abba Saul b. Botnith war ebenfalls Weinhändler. In den Halbfeiertageu des Petzach- und Laubhüttenfestes erledigte er die geschäftlichen Angelegenheiten des Nachts, um tagsüber ungestört sich allen zur Verfügung halten zu können, die mit gelehrten Fragen an ihn herantraten. (Bezah 29a). Rb. Chanina und Rab. Oschija waren ehrsame Schuhmacher. (Pesach. 113). Ja, fast jeder der im Talmud aufgesührten Weisen war Handwerker oder Gewerbetreibender. Das war ihr Broterwerb. Von der Gelehrsamkeit zu leben, hielten sie für unter ihrer Würde. Auch beider häuslichen Arbeit kräftig mit anzufassen, fanden sie mit ihrem .gelehrten Stande ganz gut vereinbar. Rb. Saphra pflegte das Fleisch zu rösten, Raba wieder, der durch seiuM einschueider.den Scharfsinn sich so sehr hervprthat, die Fische zu salzen. Kidusch. 41b). — In der Arbeit feiert, das Judenthum auch die.ideale Seile. Der Talmudsagt, dassdie Arbeit ihren Mann nicht blos ernährt, sondern auch ehrt. (Kethub. 49). Der Arbeiter war während der Ausübung seines Berufes Träger einer Würde, die ihn dem Gelehrte» gleichstellte. Er war daher während der Zeit nicht verpflichtet,

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